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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dreizehnte Unterredung, welche die dritte des Abtes Chäremon ist, über die Hilfe Gottes.

11. Ob die Gnade Gottes unserm guten Willen folge oder vorhergehe.

Diese Beiden nun sind gewissermaßen so ununterschieden vermischt und in einander, daß es unter Vielen als große Streitfrage behandelt wird, welches vom Andern abhänge, ob sich nemlich Gott unser erbarme, weil wir den Anfang des guten Willens darbieten, oder ob wir diesen Anfang des guten Willens erlangen, weil Gott sich erbarmt. Denn Viele, welche je einer dieser Behauptungen für sich allein nachgehen und sie mehr, als recht ist, bejahen, sind in verschiedene und sich widersprechende Irrthümer verwickelt. Denn wenn wir sagen, daß der Anfang des guten Willens unsere Sache sei, nun, was war denn in Paulus, dem Verfolger, was in dem Zöllner Matthäus, deren Einer nach Blut und Qual Unschuldiger, der Andere nach amtlicher Gewaltthätigkeit und Räuberei trachtend zum Heile gezogen wird? Wenn wir aber sagen, daß die Keime des guten Willens immer durch die Gnade Gottes eingegeben werden, was werden wir dann über den Glauben des Zachäus, was über die Frömmigkeit jenes Räubers am Kreuze sagen, die beide durch ihr Verlangen den himmlischen Mächten eine gewisse Gewalt anthaten und der besondern Mahnung und Berufung zuvorkamen? 1 Wenn wir aber die Vollen- [S. 74] dung der Tugenden und die Ausführung der Gebote Gottes unserm freien Willen zuschreiben, wozu beten wir dann: 2 „Befestige, o Gott, was du in uns gewirkt hast;“ und: 3 „Die Weite unserer Hände lenke du über uns“? Wir wissen, daß Balaam gerufen wurde, Israel zu fluchen, daß es aber trotz seiner Bereitwilligkeit ihm nicht gestattet wurde. 4 Bewahrt wird Abimelech, daß er Rebekka nicht berührt und gegen Gott sündigt. 5 Joseph wird durch den Neid seiner Brüder fortgeführt, 6 damit eine Wanderung der Söhne Israels nach Ägypten geschehe und so Jenen, die mit dem Morde ihres Bruders umgingen, Hilfe für die künftige Hungersnoth bereitet werde. Das sprach derselbe Joseph, als er von seinen Brüdern erkannt wurde, aus: 7 „Fürchtet euch nicht und laßt es euch nicht hart scheinen, daß ihr mich in diese Gegenden verkauft habt. Zu euerm Heile sandte mich der Herr vor euch.“ Und dann: „Denn es sandte mich der Herr voraus, damit ihr erhalten werdet auf Erden und Speise haben möget zum Leben. Nicht durch euern Beschluß wurde ich hieher gesandt, sondern durch den Willen Gottes, der mich gleichsam zum Vater des Pharao und zum Herrn des ganzen Landes gemacht hat und zum Fürsten im Reiche Ägypten.“ Und als nach dem Tode des Vaters die Brüder sich fürchteten, nahm er ihnen den Wahn der Furcht und sprach: 8 „Fürchtet euch nicht; können wir dem Willen Gottes widerstehen? Ihr sannet Böses wider mich, und Gott wandte es zum Guten, um mich zu erhöhen, wie ihr jetzt sehet, und zu retten viel Volk.“ Daß Dieß damals planmäßig so geschehen sei, erklärt im 104. Psalme auch der hl. David, indem er sagt: „Er rief den Hunger auf die Erde, vernichtete alle Stärke des Brodes; aber ihnen voraus sandte er einen Mann, zum [S. 75] Sklaven verkauft ward Joseph.“ (16. 17.) Diese Beiden, nemlich die Gnade und der freie Wille scheinen sich zwar wechselseitig entgegenzustehen, allein sie stimmen beide überein, und in Ehrfurcht schließen wir, daß wir beide gleichmäßig annehmen müssen, damit wir nicht, wenn wir Eins dem Menschen entziehen, die Regel des kirchlichen Glaubens zu übertreten scheinen. Wenn also Gott sieht, daß wir uns zum Wollen des Guten neigen, so kommt er uns entgegen, leitet und stärkt uns. Denn: 9 „Auf deines Rufens Stimme, sobald er sie gehört hat, wird er antworten.“ Und ferner heißt es: 10 „Rufe mich an am Tage deiner Bedrängniß, und ich werde dich erretten, und du wirst mich preisen.“ Anderseits wenn er sieht, daß wir nicht wollen oder lau sind, so gibt er heilsame Ermahnungen in unsere Herzen, durch welche der gute Wille in uns entweder wiederhergestellt oder erzeugt werden soll.

1: Cassian sagt uns nicht, woher er wisse, daß Gott in den Herzen dieser Beiden nicht zuvor gewirkt habe. Solche Dinge erklären wohl den Vorwurf des Leichtsinns, den Prosper ihm hinwarf, um sein Ansehen ungefährlicher zu machen.
2: Ps. 67, 29.
3: Ps. 89, 17.
4: IV. Mos. 22, 23. 24.
5: I. Mos. 20, Rebekka ist irrthümlich genannt statt Sara, Abrahams Frau.
6: Genes. 37.
7: Gen. 45, 5.
8: Gen. 50, 19 ff.
9: Is. 30, 19.
10: Ps. 49, 15.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger