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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zwölfte Unterredung welche die zweite des Abtes Chäremon ist, über die Keuschheit.

7. Über die Unterschiede und Stufen der Keuschheit.

Es gibt nun viele Stufen der Keuschheit, auf welchen man zu jener unverletzlichen Reinheit hinaufsteigt. Obwohl nun meine Kraft nicht hinreicht, diese in würdiger Weise zu erkennen oder gar aufzuzählen, so will ich doch, weil es der Verlauf der Unterredung fordert, nach meiner geringen Erfahrung irgendwie darüber sprechen, indem ich Das Vollkommenere den Vollkommenern überlasse und durchaus denen nicht vorgreifen will, die durch glühendern Eifer eine größere Keuschheit besitzen und sich also durch eine um so hellere Einsicht auszeichnen, je eifriger sie sind. So will ich also den hohen Berg der Keuschheit in sechs Stufen theilen, die freilich an Höhe sehr voneinander verschieden sind. Dabei will ich gewisse Mittelstufen, deren sehr viele sind, übergehen, denn ihre feinen Unterschiede entziehen sich so sehr dem menschlichen Verstand, daß weder ein Geist [S. 41] einsehen noch eine Zunge aussprechen kann, wie allmälig die Vollkommenheit der Keuschheit durch täglichen Fortschritt heranwächst. Denn ähnlich wie die sichtbaren Körper täglich unbemerkbar ihr Wachsthum haben und so, ohne es zu wissen, zu der Vollendung ihrer Gestalt gelangen, so wird auch die Vollkraft der Seele und die Reife der Keuschheit erlangt. Der erste Grad der Schamhaftigkeit ist nun, daß der wachende Mönch nicht durch fleischliche Anfechtung gestürzt werde. Der zweite, daß sein Geist nicht bei lüsternen Gedanken verweile. Der dritte, daß er durch den Anblick eines Weibes auch nicht leichthin zu einer Begierde gereizt werde. Der vierte, daß er im Wachen nicht einmal eine einfache Regung des Fleisches erdulde. Der fünfte, daß seinen Geist auch nicht die leiseste Beistimmung zu der Lust treffe, wenn der Inhalt einer Abhandlung oder eine nothwendige Lesung ihm die Erinnerung an die menschliche Zeugung beibringt, sondern daß er Dies; als eine ganz einfache Sache und als eine dem menschlichen Geschlechte nothwendig zugewiesene Leistung mit ruhigem und reinem Herzensauge betrachte und nicht mehr daran denke, als wenn es sich um die Bereitung von Ziegelsteinen oder irgend ein anderes Geschäft handeln würde. Der sechste Grad ist, daß er selbst im Schlafe nicht durch verführerische Vorstellungen von Weibern betrogen werde. Denn obwohl wir nicht glauben, daß diese Bethörung mit Sündenschuld behaftet sei, so ist sie doch ein Zeichen der noch im Innersten verborgenen Begierlichkeit. Es ist bekannt, daß dieser Trug auf verschiedene Weise entstehe. Denn gemäß Dem, was Einer wachend zu thun oder zu denken gewohnt ist, wird er auch im Schlafe versucht; anders nämlich werden die verführt, welche die fleischliche Verbindung nicht kennen, anders die, welche die Vereinigung mit dem Weibe erfahren haben. Die Ersteren werden gewöhnlich durch einfachere und weniger unreine Träume belästigt und können so auch mit weniger Anstrengung und Mühe gereinigt werden. Die Zweiten aber werden durch schmutzigere und deutlichere Vorstellungen verführt, bis der Geist allmälig nach dem [S. 42] Maße der Reinheit, wornach Einer strebt, selbst in der Schlaftrunkenheit zum Hasse jener Dinge sich wendet, die er vorher freiwillig fühlte. Dann wird ihm vom Herrn gewährt werden, was den tapfern Männern als höchster Lohn ihrer Mühen durch den Propheten versprochen wird: 1 „Bogen und Schwert und Krieg will ich bannen aus euerm Lande und euch schlafen lassen in Sicherheit;“ und so wird endlich Einer zu jener Reinheit des frommen Serenus und der wenigen ähnlichen Männer gelangen. Diese Stufe habe Ich deßhalb von den oben genannten sechs weggelassen, weil sie nur von den Wenigsten erreicht, ja auch nur geglaubt werden kann; und weil Das, was Jenem durch eine besondere Reichlichkeit der göttlichen Gnadengabe verliehen wurde, nicht als allgemeines Gebot vorgelegt werden kann, daß nemlich unser Geist so sehr zu keuscher Reinheit sich gestalte, daß selbst die natürliche Regung des Fleisches erstirbt und also jenen unreinen Fluß gar nicht mehr hervorbringt. Endlich darf ich die Meinung, welche Einige über diesen fleischlichen Erguß festhalten, nicht verschweigen. Sie sagen: nicht deßhalb begegne dieser den Schlafenden, weil der Traumestrug ihn hervorbringe, sondern weil der Überfluß dieser Säfte in dem ungesunden Herzen gewisse reizende Regungen entstehen läßt. In jener Zeit, sagen sie, in welcher eine solche Ansammlung nicht beunruhigt, sei wie der Fluß, so auch Das Traumspiel weg.

1: Ose. 2, 18.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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