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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Elfte Unterredung, welche die erste des Abtes Chäremon ist über die Vollkommenheit.

10. Daß es die Vollkommenheit der Liebe sei, für die Feinde zu beten, und an welchem Zeichen eine noch nicht gereinigte Seele erkannt werde.

Wenn es nun Jemand im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, nicht auf seine eigene Anstrengung dahin gebracht hat, diesen Zustand zu besitzen, so wird er von der knechtischen Stellung, in welcher die Furcht herrscht, und von der Miethlingsbegierde der Hoffnung, in der nicht sowohl die Güte des Gebers, als der Werth des Lohnes gesucht wird, zu der Annahme an Kindesstatt übergehen, wo nicht Furcht, nicht Begehren, sondern jene Liebe, die niemals verfällt, ununterbrochen dauert. Indem der Herr in Betreff [S. 19] dieser Furcht und Liebe Einige anklagt, zeigt er, was für Jeden passe: 1 „Der Sohn ehrt seinen Vater, und der Knecht fürchtet feinen Herrn. Wenn ich nun Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?“ Freilich muß nothwendig ein Knecht fürchten: denn er weiß, daß, wenn er den Willen seines Herrn, den er doch kennt, nicht thut, er mit vielen Streichen wird gezüchtigt werden. Wer immer also durch diese Liebe zur Ebenbildlichkeit und Ähnlichkeit mit Gott gelangt ist, der freut sich am Guten, weil er Das Gute als solches will, und da er auch eine derartige Liebe zu Geduld und Sanftmuth hat, so wird er nie mehr in Zorn geraten über die Fehler der Sünder, sondern wird vielmehr voll Theilnahme und Mitleid mit ihren Schwächen um Gnade für sie bitten, eingedenk, daß er von den Stacheln ähnlicher Leidenschaften so lange angefochten wurde, bis ihn die Barmherzigkeit des Herrn rettete; daß er also nicht durch eigenes Streben aus dem fleischlichen Streite gerissen, sondern durch Gottes Schutz befreit wurde, damit er einsehe, daß er den Irrenden gegenüber nicht Zorn, sondern Barmherzigkeit haben solle, damit er mit aller Herzensruhe jenen Vers dem Herrn singen könne: 2 „Du hast zerrissen meine Bande, dir will ich ein Opfer des Lobes bringen;“ und: 3 „Hätte der Herr mir nicht geholfen, so hätte fast meine Seele in der Hölle gewohnt.“ In dieser Demuth des Geistes wandelnd wird er auch jenes evangelische Gebot der Vollkommenheit erfüllen können: 4 „Liebet eure Feinde, thut Gutes denen, die euch hassen, und betet für eure Verfolger und Verläumder“ — und wird so zu dem damit verbundenen Lohne gelangen, durch den wir nicht nur Bild und Gleichmaß Gottes an uns tragen, sondern auch Söhne Gottes genannt werden. „Damit ihr,“ heißt es, „Söhne eures Vaters seid, der im Himmel ist, und der seine Sonne aufgehen [S. 20] läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte.“ 5 Diese Gemüthsstimmung erreicht zu haben, war der hl. Johannes sich bewußt und sagt: 6 „Damit wir Zuversicht haben am Tage des Gerichtes, weil, wie Jener ist, so auch wir sind in dieser Welt.“ Worin nun kann die schwache und gebrechliche Menschennatur sein, wie Jener ist, wenn sie nicht nach dem Beispiele Gottes über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte ihre immer versöhnliche Herzensliebe erstreckt, damit so Das Gute aus Liebe zu ihm selbst geschehe und wir endlich zu jener wahren Annahme an Kindesstatt von Seite Gottes gelangen, von der ebenderselbe hl. Apostel so sagt: 7 „Jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht, weil der Same von Jenem in ihm ist, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist;“ und wieder: 8 „Wir wissen, daß Jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt, sondern die Geburt aus Gott bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an.“ Das ist nun nicht von jeder Art der Sünden zu verstehen, sondern nur von den Hauptsünden. Wer immer sich von diesen nicht enthalten und reinigen will, für den darf, wie der genannte Apostel an einem andern Orte sagt, nicht einmal gebetet werden. „Wer da weiß,“ sagt er, „daß sein Bruder sündige, aber nicht zum Tode, der bitte, und es wird Leben gegeben werden dem, der nicht sündigt zum Tode. Es gibt eine Sünde zum Tode, nicht für diese sage ich, daß Jemand bete.“ 9 Von den übrigen Sünden aber, die als nicht tödtlich bezeichnet werden, und von denen auch die, welche Christo treu dienen, trotz aller Umsicht und Wachsamkeit nicht frei sein können, heißt es: 10 „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns;“ und wieder ebendort: „Wenn wir sagen, daß wir nicht sündigten, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ Denn [S. 11] es ist unmöglich, daß irgend ein Heiliger nicht in jene Kleinigkeiten hineingerathe, die in Wort und Gedanken, in Unwissenheit und Vergeßlichkeit, in Drang oder Freiheit oder Überraschung begangen werden. Obwohl diese von jener Sünde, welche zum Tode ist, verschieden sind, so können sie doch nicht ohne Schuld und Ahndung sein. — Wenn nun Jemand die genannte Liebe zum Guten und die Ähnlichkeit mit Gott erlangt hat, so wird er auch, mit dem innersten Wesen der göttlichen Langmuth begabt, für seine Verfolger beten und sagen: „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.“ Andererseits ist es ein deutliches Kennzeichen einer noch nicht von dem Schmutze der Laster gereinigten Seele, bei den Sünden Anderer nicht mit inniger Barmherzigkeit Mitleid zu haben, sondern Das strenge Urtheil des Richters vorzukehren. Denn wie soll der die Vollkommenheit des Herzens erlangen können, der Das nicht hat, wovon der Apostel zeigt, daß es die Fülle des Gesetzes erreichen könne? „Traget,“ sagt er, 11 „Einer des Andern Last, und so erfüllet ihr Das Gesetz Christi.“ Aber er besitzt auch jene Tugend der Liebe nicht, die nicht aufgeregt wird, sich nicht aufbläht, nichts Böses denkt, die Alles aushält, Alles erträgt. 12 Denn 13 „der Gerechte erbarmt sich auch des Lebens seines Viehes; aber des Gottlosen Herz ist ohne Erbarmen.“ Daher ist es ganz gewiß, daß ein Mönch denselben Lastern unterworfen sei, die er an einem Andern mit liebloser, unmenschlicher Strenge verurtheilt. Ein strenger König fällt in Böses, und „wer seine Ohren verstopft, um nicht zu hören den Schwachen, der wird selbst auch flehen, und es wird Keiner sein, der ihn erhöre.“ 14

1: Malach. 1, 6.
2: Ps. 115, 16. 17.
3: Ps. 93, 17.
4: Luk. 6, 27. 28.
5: Matth. 5, 45.
6: I. Joh. 4, 17.
7: I. Joh. 3, 9.
8: I. Joh. 5, 18.
9: Ebend. V. 16.
10: I. Joh. 1, 8. 10.
11: Gal. 6, 2.
12: I. Kor. 13.
13: Sprüchw. 12, 10.
14: Sprüchw. 21, 13.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger