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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Elfte Unterredung, welche die erste des Abtes Chäremon ist über die Vollkommenheit.

13. Von jener Furcht, die von der Größe der Liebe erzeugt wird.

Wer also in der Vollkommenheit dieser Liebe gegründet ist, der muß noch auf höherer Stufe jene erhabenere Furcht der Liebe ersteigen, die nicht Angst vor den Strafen oder Begierde nach Lohn, sondern die Größe der Liebe erzeugt. So verehrt ein Sohn den gütigen Vater, ein Bruder, Freund oder Gatte den andern mit sorgsamer Zärtlichkeit, wobei sie nicht Schläge oder Schimpf fürchten, sondern jede, auch die leiseste Verletzung der Liebe. Nicht nur in allen Handlungen, sondern auch in allen Worten sind sie stets mit ängstlicher Zärtlichkeit und aller Spannung aufmerksam, daß nicht im Geringsten die Liebesglut Jener gegen sie lau werde. Die Herrlichkeit dieser Furcht hat einer der Propheten, Isaias, schön geschildert: 1 „Reichthümer des Heiles, Weisheit und Wissenschaft; die Furcht des Herrn ist ihr Schatz.“ Er konnte die Würde und den Werth dieser Furcht nicht deutlicher bezeichnen, als daß er sagte, die Reichthümer unseres Heiles, die in der wahren Weisheit und Wissenschaft von Gott bestehen, könnten nur von der Furcht des Herrn bewahrt werden. Zu dieser Furcht nun werden nicht Sünder, sondern Heilige durch Das prophetische Wort [S. 26] eingeladen, indem der Psalmendichter sagt: 2 „Fürchtet Gott all seine Heiligen; denn Nichts mangelt denen, die ihn fürchten.“ Freilich, wer Gott mit dieser Furcht fürchtet, zu dessen Vollkommenheit fehlt sicher Nichts. Denn von jener Furcht vor der Strafe sagt deutlich der Apostel Johannes: „Wer fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe, weil die Furcht Pein hat.“ Also besteht ein großer Unterschied zwischen jener Furcht, der Nichts mangelt, und welche der Schatz der Weisheit und Wissenschaft ist, und zwischen jener unvollkommenen, die der Anfang der Weisheit genannt wird und Pein in sich hat, weßhalb sie von den Herzen der Vollkommenen durch die hinzu kommende Fülle der Liebe ausgetrieben wird. „Denn Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Und in der That, wenn der Anfang der Weisheit in der Furcht besteht, worin wird dann ihre Vollendung bestehen, wenn nicht in der Liebe Christi, welche jene Furcht der vollkommenen Liebe in sich enthält und so nicht bloß Anfang, sondern Schatz der Weisheit und Wissenschaft genannt wird? Deßhalb gibt es zwei Stufen der Furcht: die eine die der Anfänger, d. i. Jener, welche noch unter dem Joche und der Angst der Knechtschaft sind, und von denen es heißt: 3 „Der Knecht fürchtet seinen Herrn“ und im Evangelium: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, weil der Knecht nicht weiß, was sein Herr thut.“ „Und deßhalb,“ heißt es, „bleibt der Knecht nicht immer im Hause.“ 4 Er leitet uns also an, von jener Furcht der Strafe zu der vollkommenen Freiheit der Liebe und zu der Zuversicht der Freunde und Söhne aufzusteigen. Endlich bekennt der hl. Apostel, der die Stufe jener knechtischen Furcht einst durch die Macht der Gottesliebe überwunden hatte, daß er für die Verachtung des Niedrigen vom Herrn mit größern Gütern bereichert worden sei, und sagt: „Denn Gott gab uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Tugend und Liebe und [S. 27] Nüchternheit.“ 5 Auch Jene, welche in voller Liebe dieses himmlischen Vaters brannten, und welche die göttliche Annahme schon aus Knechten zu Kindern gemacht hatte, ermahnt er wie folgt: 6 „Denn ihr habt nicht wieder den Geist der Knechtschaft empfangen in Furcht, sondern den Geist der Kindschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater!“ Von dieser Furcht redet auch der Prophet, da er jene siebenfache Gnade des hl. Geistes beschreibt, der unzweifelhaft nach der Anordnung der Inkarnation in jenem göttlichen Menschen herabgekommen ist. Nachdem er nemlich gesagt hat: 7 „Und es wird ruhen auf ihm der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rathes und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und Frömmigkeit“: da fügt er zuletzt wie etwas Besonderes bei und sagt: „Und erfüllen wird ihn der Geist der Furcht des Herrn.“ Hiebei ist vor Allem Das gar aufmerksam zu betrachten, daß er nicht gesagt hat: „Und es wird ruhen auf ihm der Geist der Furcht Gottes,“ wie er sich bei den andern Gaben ausgedrückt bitte, sondern er sagt: „Erfüllen wird ihn der der Gottesfurcht.“ Denn so groß ist seine Fülle, daß, wenn er einmal Einen ergriffen hat, er nicht bloß einen Theil des Geistes, sondern den ganzen in Besitz nimmt. Und mit Recht. Denn da er mit jener Liebe, die nie hinfällig wird, verbunden ist, so erfüllt er nicht nur, sondern besitzt den Ergriffenen mit ewiger und unabweisbarer Beständigkeit, ohne durch die Reize der zeitlichen Freuden und Vergnügungen vermindert zu werden, was wohl zuweilen jener Furcht zu begegnen pflegt, die ausgetrieben wird. Das ist also die Furcht der Vollkommenheit, von der, wie gelehrt wird, jener göttliche Mensch erfüllt war, der nicht nur kam, Das menschliche Geschlecht zu erlösen, sondern auch Das Bild der Vollkommenheit darzustellen und die Beispiele der Tugenden. Denn jene knechtische Furcht vor der Strafe konnte ja der wahre Sohn [S. 28] Gottes, der keine Sünde begangen hatte, und in dessen Mund kein Trug sich fand, gar nicht haben.

1: Is. 33, 6.
2: Ps. 33, 10.
3: Malach. 1.
4: Joh. 8, 35.
5: II. Tim. 1, 7.
6: Röm. 8, 15.
7: Is. 11, 2. 3.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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