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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Elfte Unterredung, welche die erste des Abtes Chäremon ist über die Vollkommenheit.

12. Antwort über die Verschiedenheit der Vollkommenheit.

Chäremon: Die göttliche Schrift ruft unsere Freiheit je nach dem Zustande und Maße eines jeden Geistes zu verschiedenen Graden der Vollkommenheit. Denn es konnte ja nicht Allen die gleiche Krone der Vollendung vorgehalten werden, weil ja auch nicht Alle die gleiche Tugend, den gleichen Willen und Eifer haben, und deßhalb lehrt Das [S. 23] göttliche Wort gleichsam verschiedene Stufen und Maße der Vollkommenheit. Daß Das so sei, lehrt deutlich die Verschiedenheit der evangelischen Seligkeiten. Denn obwohl ebenso selig genannt werden Diejenigen, deren Das Himmelreich ist, und selig, welche Das Erdreich besitzen oder Trost empfangen oder Sättigung erlangen werden: so glauben wir doch, daß ein großer Unterschied sei zwischen der Bewohnung des Himmelreiches und dem Besitze jenes wie immer beschaffenen Erdreiches, zwischen der Tröstung und der Fülle und Sättigung in der Gerechtigkeit: ferner zwischen Denen, welche Barmherzigkeit erlangen werden, und Jenen, die der herrlichen Anschauung Gottes genießen dürfen. „Denn anders ist der Glanz der Sonne, anders der des Mondes oder der Sterne. Stern nemlich unterscheidet sich von Stern an Glanz, und so ist auch die Auferstehung der Todten.“ 1 Wenn also demnach die göttliche Schrift Jene lobt, welche Gott fürchten, und sagt: 2 „Selig sind Alle, die den Herrn fürchten,“ und ihnen damit volle Seligkeit verspricht, so sagt sie doch wieder: 3 „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. weil die Furcht Pein hat; wer aber fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe.“ Dann aber ist es wieder glorreich, Gott zu dienen, und es heißt: 4 „Dienet dem Herrn in Furcht!“ und: 5 „Es ist etwas Großes für dich, mein Knecht zu heissen;“ oder: 6 „Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, so handelnd findet.“ Jedoch zu den Aposteln wird gesagt: 7 „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr thut; euch aber nenne ich Freunde, weil Ich euch Alles bekannt gemacht, was ich von meinem Vater gehört habe;“ und wieder: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr thut, was ich euch befehle.“ Ihr seht also, daß es verschiedene Stufen der Vollkommenheit gibt, und daß wir von [S. 24] Hohem zu Höherem vom Herrn gerufen werden, damit also der, welcher in der Furcht Gottes selig und vollkommen ist, schreite, wie geschrieben steht, von Tugend zu Tugend, von Vollkommenheit zu Vollkommenheit, d. h. er soll von der Furcht zur Hoffnung mit Heiterkeit des Geistes aufsteigen und dann zu einem noch seligern Zustand, der die Liebe ist, eingeladen sein. Und wer ein treuer und kluger Knecht war, der gehe über zu der Verbindung der Freundschaft und zu der Annahme an Kindesstatt. In diesem Sinne ist also auch unsere Lehre zu verstehen, nicht als ob wir die Betrachtung jener ewigen Strafe oder des so glückseligen Lohnes, der den Heiligen versprochen ist, für unrichtig erklären, sondern so, daß diese allerdings nützlich sind und ihre Schüler zum Anfang der Seligkeit führen, daß aber die Liebe, in welcher die vollere Zuversicht und schon die ewige Freude ist, dieselben aufnimmt und von der knechtischen Furcht und Miethlingshoffnung zur Liebe Gottes und zur Kindschaft führt und so aus Vollkommenen noch Vollkommenere macht. „Denn,“ sagt der Erlöser, 8 „bei meinem Vater sind viele Wohnungen;“ und obwohl alle Sterne am Himmel sind, so ist doch zwischen der Klarheit der Sonne, des Mondes oder des Lucifer und der Übrigen Sterne ein großer Unterschied. Deßhalb zieht der hl. Apostel die Liebe nicht nur der Furcht und Hoffnung, sondern auch allen Charismen, die für groß und wunderbar gelten, ohne Vergleich vor und zeigt, daß sie vortrefflicher sei als alle. Denn da er nach vollendetem Verzeichnis der Geistesgaben ihre Kräfte zergliedern und beschreiben wollte, sprach er so: 9 „Und noch einen, über Das Maß herrlichern Weg zeige ich euch. Wenn ich die Sprachen der Menschen und der Engel reden würde, und wenn ich die Prophetie hätte und wüßte alle Geheimnisse und alle Wissenschaft — und wenn ich Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, und würde all mein Vermögen zur Speisung der Armen [S. 25] austheilen; ja wenn ich meinen Leib hingeben würde zum Verbrennen: hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir Nichts.“ Ihr seht also, daß nichts Kostbareres, nichts Vollkommeneres und Erhabeneres, nichts — so zu sagen — Ewigeres zu finden sei als die Liebe. „Seien es Weissagungen — sie werden abgethan; seien es Sprachen — sie werden aufhören; sei es Wissenschaft — sie wird abgethan,“ aber „die Liebe fällt nie dahin,“ da ohne sie nicht nur jene herrlichen Arten von Gaben, sondern selbst der Ruhm des Martyrthums zu nichte wird.

1: I. Kor. 15. 41. 42.
2: Ps. 127, 1.
3: I. Joh. 4, 18.
4: Ps. 2.
5: Is. 49, 6.
6: Luk. 12, 43.
7: Joh. 15, 14. 15.
8: Joh. 14, 2.
9: I. Kor. 12, 31; 13, 1—3. 8.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger