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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

10. Lehre von dem beständigen Gebete.

Ihr habt nun die nöthige Lehrweise ganz richtig mit dem Unterrichte der Kleinen verglichen, die ja auch die erste Belehrung über die Anfangsgründe nicht fassen können noch deren Umrisse zu erkennen oder mit sicherer Hand die Buchstaben zu schreiben vermögen, wenn sie sich nicht alsbald durch beständige Betrachtung und tägliche Nachahmung gewöhnen, die Abbildung derselben durch genaue Eingrabung gewisser Typen und Formeln in Wachs auszudrücken. Demgemäß muß man auch euch eine Formel dieser geistigen Beschauung lehren, auf die immer mit aller Beharrlichkeit den Blick richtend ihr lernen möget, sie entweder mit ununterbrochener Beständigkeit in heilsame Erwägung zu ziehen oder unter ihrer Anwendung und Betrachtung euch zu höherem Schauen zu erbeben. Es wird euch also als Formel der von euch gesuchten Gebetskunde die vorgelegt, welche ein jeder nach dem beständigen Andenken an Gott strebende Mönch nach Austreibung all der verschiedenen Gedanken mit unaufhörlicher Erwägung des Herzens betrachten muß, weil er sie anders durchaus nicht wird bewahren können, als wenn er von allen leiblichen Sorgen und Kümmernissen befreit sein wird. Wie diese uns von Wenigen, die aus den ältesten Vätern übrig waren, überliefert wurde, so wird sie auch von uns nur den Wenigsten und den wahrhaft darnach Schmachtenden anvertraut. Es wird euch also, um das ewige Andenken an Gott zu bewahren, diese Gebetsformel unaufhörlich vor Augen sein: „Gott, merke auf deine Hilfe! Herr, eile, mir zu helfen!“ Denn dieser Vers wurde nicht mit Unrecht aus dem ganzen Schatze der hl. Schriften ausgewählt. Denn er enthält alle Affekte, die in der [S. 591] menschlichen Natur entstehen können, und schmiegt sich allen Zuständen und Vorkommnissen ganz entsprechend und passend an. Er enthält gegen alle Gefahren eine Anrufung Gottes, enthält die Demuth des frommen Bekenntnisses, die Wachsamkeit der Sorge und beständigen Furcht, die Betrachtung der eigenen Schwäche, das Vertrauen auf Erhörung, die Zuversicht auf einen gegenwärtigen, immer bereiten Schutz. Denn wer beständig seinen Beschützer anruft, der ist überzeugt, daß ihm derselbe immer gegenwärtig sei. Ferner enthält dieser Vers die Glut der Zuneigung und Liebe, die Erwägung der Nachstellungen, die Furcht vor den Feinden, von denen er sich Tag und Nacht umgeben sieht und nun eingesteht, daß er sich ohne die Hilfe seines Vertheidigers nicht befreien könne. So ist der Vers Allen, die unter den Anfechtungen der bösen Feinde zu leiden haben, eine unüberwindliche Mauer, ein undurchdringlicher Panzer, ein gar fester Schild. Er duldet nicht, daß die in Dürre und Angst des Gemüthes Lebenden oder die von Traurigkeit und was immer für Gedanken Niedergedrückten an den Heilsmitteln verzweifeln, indem er zeigt, daß Jener, welchen er anruft, beständig unsere Kämpfe sieht und nicht fern sei von seinen flehenden Kindern. Dieser Vers mahnt uns aber auch, daß wir in geistigen Erfolgen und in der freudigen Stimmung des Herzens uns ja nicht überheben dürfen und nicht aufgeblasen werden sollen von dem glücklichen Zustande, den wir ja, wie er bezeugt, ohne Gottes Hilfe nicht festhalten können, weßhalb er ihn nicht nur immer, sondern auch schnell um Hilfe anruft. So also sage ich, daß sich derselbe einem Jeden von uns, in jeder Lage nothwendig und nützlich erweise. Denn wer immer und in Allem unterstützt zu werden verlangt, der offenbart dadurch, daß er nicht nur in harten und traurigen Verhältnissen, sondern auch in günstigen und freudigen gleicher Weise des Schutzes Gottes bedürfe, damit ihn derselbe sowohl aus jenen herausziehe als in diesen bewahre, da ja die menschliche Schwachheit, wie er wohl weiß, in keinem von beiden allein stehen kann. [S. 592] Werde ich von der Leidenschaft der Eßgier getroffen und suche Speisen, welche die Wüste nicht kennt; kommen mir in der rauhen Einöde die Wohlgerüche königlicher Tafeln, und fühle ich mich ganz gegen meinen Willen zu der Begierde darnach hingezogen: sogleich muß ich sagen: „Herr, merke auf meine Hilfe! Herr, eile, mir zu helfen!“ Fühle ich mich versucht, die festgesetzte Stunde der Mahlzeit nicht abzuwarten, oder kämpfe ich mit großem innerlichem Weh, das rechte und gewohnte Maß der Entsagung beizubehalten, da muß ich mit Seufzen rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe! Herr, eile &c.“ Wenn ich wegen fleischlicher Anfechtung eines strengern Fastens bedarf, und die Schwäche des Magens hält mich ab, oder der dürre eingeschrumpfte Leib schreckt mich zurück, so muß ich, damit meinem Verlangen Erfolg werde, oder daß doch wenigstens die Glut des fleischlichen Begehrens ohne die Dämpfung eines strengern Fastens sich lege, wieder beten: „Herr, merke auf meine Hilfe &c.“ Wenn ich zum Essen gehe, da es die gesetzmäßige Stunde mir nahe legt, und nun den Genuß des Brodes scheue und mich von allem der Natur nothwendigen Essen fern halte, da muß ich mit Klagen rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe &c.“ Wenn ich, um die Beständigkeit des Herzens zu wahren, eifrig bei der Lesung bleiben will, aber der Kopfschmerz mich unterbricht und abhält oder schon um die dritte Stunde der Schlaf mein Haupt auf das hl. Buch herabzieht; wenn ich mich verlockt fühle, die für die Ruhe bestimmte Zeit zu überschreiten oder zu frühe zu beginnen; oder wenn mich der schwere Druck des Schlafes sogar zwingen will, die kanonischen Weisen des Gottesdienstes und der Psalmen zu unterbrechen: da muß ich gleichfalls rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe: &c.“ Wenn dagegen der Schlaf meinen Augen genommen ist und ich mich in vielen Nächten durch teuflische Beunruhigung abgemattet sehe und alle Erquickung der nächtlichen Ruhe von meinen Lidern fern ist, so habe ich mit Seufzen zu beten: „Herr, merke auf meine Hilfe &c.“ Bin ich noch im Kampfe mit den Lastern befangen, und es stachelt mich plötzlich der Kitzel [S. 593] des Fleisches oder versucht, den Schläfrigen mit schmeichelnder Lust zur Einwilligung zu ziehen, so muß ich, damit nicht ein wildes, aufloderndes Feuer die süß duftenden Blüthen der Keuschheit vernichte, rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Merke ich aber, daß die Glut der Begierde erloschen und die geschlechtliche Hitze in meinen Gliedern erkaltet ist, so ist es nöthig, damit diese erworbene Tugend oder vielmehr die Gnade Gottes in mir länger, ja beständig bleibe, mit Eifer zu sagen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Wieder, wenn ich von dem Reize des Zornes, der Geldgier, der Traurigkeit beunruhigt werde und mich gedrängt fühle, die vorgenommene und mir liebe Sanftmuth aufzugeben, da muß ich, um nicht zu galliger Bitterkeit durch die Aufregung des Zornes verführt zu werden, mit vielem Seufzen rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Werde ich von Mißmuth, Ruhmsucht oder Hochmuth getrieben, und schmeichelt sich mein Geist in heimlichen Gedanken wegen der Nachlässigkeit oder Lauheit Anderer, so habe ich, damit diese verderbliche Eingebung des Feindes in mir nicht stark werde, mit aller Zerknirschung des Herzens zu beten: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Habe ich aber die Gnade der Demuth und Einfalt nach Ablegung des Hockmuthsschwulstes durch beständige Zerknirschung des Geistes erlangt, so muß ich, damit mir nicht wieder der stolze Schritt komme und die Hand des Sünders mich verführe, so daß ich nur zu sehr von Aufgeblasenheit über meinen Sieg verwundet werde, aus allen Kräften rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Kämpfe ich heiß mit unzähligen und verschiedenen Ausschweifungen des Geistes und der Unbeständigkeit des Herzens und kann die Zerstreuung der Gedanken nicht im Zaume halten, ja selbst mein Gebet nicht ohne Unterbrechung ausschütten und ohne die Vorstellung eitler Bilder oder die Erinnerung in Reden und Handlungen; fühle ich mich so in der Dürre dieser Unfruchtbarkeit befangen, daß ich überhaupt kein geistiges Verständniß gewinnen kann: so werde ich, um mich von dieser Befleckung der Seele, von der ich mich durch [S. 594] vieles Seufzen und Stöhnen nicht losmachen kann, zu befreien, nothgedrungen rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Merke ich aber, daß ich die Richtung der Seele, die Beständigkeit des Geistes, die Heiterkeit des Herzens mit unaussprechlicher Freude und Verzückung durch die Heimsuchung des hl. Geistes wieder erlangt habe, daß ferner wieder eine Fülle geistigen Sinnes mir zuströmt; oder habe ich die Offenbarung der heiligsten, mir vorher gänzlich verborgenen Wahrheiten durch plötzliche Erleuchtung des Herrn erhalten: so muß ich, um hierin länger verweilen zu dürfen, eifrig und häufig rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Werde ich von den nächtlichen Schrecken der Teufel umringt und gequält oder beunruhigt von den Vorspiegelungen unreiner Geister; wird selbst die Hoffnung auf Heil und Leben in Schrecken und Zittern mir benommen: so fliehe ich zu dem schützenden Hafen dieses Verses und rufe aus allen Kräften: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Bin ich dann wieder durch die Tröstung des Herrn gestärkt und fühle mich durch seine Heimsuchung ermuthigt und wie von unzähligen Tausenden der Engel umgeben, so daß ich es mit einem Male wage, das Zusammentreffen mit Jenen, die ich vorher mehr fürchtete als den Tod, und deren Nähe und Berührung ich mit Schauder des Geistes und Leibes wahrnahm, zu suchen und den Kampf mit ihnen zu fordern: so muß ich, damit die Kraft dieser Standhaftigkeit durch Gottes Gnade in mir länger bleibe, mit aller Kraft rufen: „Herr, merke auf meine Hilfe“ &c. Das Gebet dieses Verschens ist also mit unaufhörlicher Beständigkeit zu verrichten, im Unglück zu unserer Befreiung, im Glücke, damit es bleibe und wir nicht übermüthig werden. Die Betrachtung dieses Verses, sage ich, soll in deinem Herzen ununterbrochen geschehen. Ihn sollst du bei jeder Arbeit oder Verrichtung und sogar auf der Reise unaufhörlich sprechen, ihn beim Schlafen und Essen und in der letzten Noth des Leibes bedenken. Diese Beschäftigung deines Herzens wird dir eine heilsame Formel an die Hand geben und dich nicht nur unverletzt vor jedem teuflischen Angriffe [S. 595] bewahren, sondern dich auch reinigen von allen Fehlern irdischer Ansteckung und zu den unsichtbaren und himmlischen Beschauungen führen, zu jener unaussprechlichen und Wenigen bekannten Glut des Gebetes. Im Andenken an diesen Vers treffe dich der Schlaf, bis du durch eine ausserordentliche Übung desselben gelehrt und gewöhnt bist, ihn auch im Schlafe zu sprechen. Er soll dir beim Erwachen zuerst einfallen, er allen andern Gedanken zuvorkommen, er soll bei der Erhebung von deinem Lager dich zur Knieebeugung führen und von da hernach zu allem Wirken und Thun, so daß er dich jederzeit begleite. An ihn magst du denken nach dem Gebote des Gesetzgebers, ob du im Hause sitzest oder wandelst auf dem Wege, ob du schlafest oder aufstehst; ihn schreibe auf die Schwelle und die Thüre deines Mundes; zeichne ihn auf die Wände deines Hauses wie in das Innere deines Herzens, so daß, wenn du zum Gebete dich niederwirfst, er dein Sang sei, der sich zur Höbe hebt, und, wenn du dann aufstehst und dich zu den nöthigen Übungen des Lebens begibst, er dein beständiges himmelanstrebendes Gebet werde.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger