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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

8. Frage nach einem Unterricht in der Vollkommenheit, durch den wir zu einem beständigen Andenken an Gott gelangen könnten.

Germanus: Da ist nun unsere Bewunderung über die vorige Unterredung, die uns hieher zurückführte, noch zu größerer Ergriffenheit gewachsen. Denn so sehr wir, angereiht von dieser Lehre, zu der Begierde nach vollkommener Gottseligkeit entflammt werden, in um so größerer Bestürzung liegen wir darnieder, weil wir nicht wissen, wie wir eine Kunst von solcher Erhabenheit suchen oder erlangen können. Da es nun vielleicht nöthig ist, das, was wir in der Zelle in langer Betrachtung hin und her erwägen, in längerer Redefolge vorzutragen, so bitten wir, daß du uns das geduldig auseinandersetzen lassest. Wir wissen ja wohl, daß deine Heiligkeit an keiner Thorheit der Schwächern Anstoß zu nehmen pflegt, die ja ohnehin gerade deßwegen zu offenbaren ist, damit Das, was daran abgeschmackt ist, verbessert werde. Wie es sich also immer mit unserer Meinung verhalten mag, so muß nun einmal die Vollkommenheit einer jeden Kunst oder Wissenschaft von gewissen weichen Grundlinien anfangen und zuerst in leichten und zarten Anfängen gelehrt werden, damit sie gleichsam mit der Milch der Vernunft nach und nach genährt und erzogen wachse und so vom Untersten zum Obersten allmälig und stufenweise aufsteige. Wenn sie dadurch in die mehr offenliegenden Principien und gleichsam zu den Thoren des ergriffenen Berufes eingetreten ist, so wird sie auch zu den mühsamer erreichbaren und höhern Gipfeln der Vollendung in richtiger Folge und ohne Mühe gelangen. Denn wie wird ein Knabe auch nur einfache Verbindungen von Silben aussprechen können, wenn er nicht zuvor die Eigenschaft der Grundbestandtheile genau kennen gelernt hat? Oder wie wird der die Kunst des Lesens er- [S. 588] langen, welcher noch nicht fähig ist, kurze und gedrängte Aufzeichnungen von Wörtern zu verbinden? In welcher Weise ferner kann der, welcher in den Kenntnissen der Grammatik noch nicht unterrichtet ist, die rhetorische Gewandtheit oder die philosophische Wissenschaft erlangen? Ich zweifle also nicht, daß es für diese so hohe Wissenschaft von der beständigen Vereinigung mit Gott gewisse Grundlagen des Unterrichts gebe, die zuerst ganz festgestellt sein müssen, damit sich darauf die hoben Gipfel der Vollkommenheit erheben können. Wir vermuthen nun so obenhin, es seien derartige Grundlinien die, daß zuerst erkannt werde, in welcher Betrachtung Gott vor Augen gehalten oder gedacht werden solle; dann, wie wir diesen wie immer beschaffenen Betrachtungsstoff unverändert zu bewahren vermögen, was, wie wir nicht zweifeln, der Gipfel der ganzen Vollkommenheit ist. Deßhalb wünschen wir, daß unserm Gedächtniß irgend ein Stoff gezeigt werde, mittelst dessen Gott im Geiste erfaßt und immer festgehalten werden könne, daß wir an diesem Augenpunkte, wenn wir merken zerstreut worden zu sein, Etwas haben, worauf wir zurückblicken und dann schnell zurückkehren können, um unsere Sammlung ohne allen Zeitverlust des Umherschweifens und ohne schwieriges Suchen wieder zu erlangen. Denn es kommt vor, daß, wenn wir von der geistigen Beschauung abgewichen endlich wieder aus der Zerstreuung wie aus einem tödtlichen Schlafe zu uns selbst kommen und wie Erwachte nach dem Stoffe suchen, der uns entfiel, und durch den wir das geistige Andenken wieder auffrischen könnten, — wir, hingehalten durch den Zeitverlust des Suchens, von unserm Streben wieder abgezogen werden, ehe wir jenen finden. So verfliegt die schon erfaßte Herzensstimmung, ehe irgend ein geistiger Blick gewonnen wird. Es ist nun hinlänglich sicher, daß diese Verwirrung uns deßhalb begegnet, weil wir nicht etwas Besonderes, wie eine gewisse Formel beständig vor Augen haben, zu der das unstäte Gemüth nach vielen Umschweifen und verschiedenen Verwirrungen wieder zurückgerufen werden könnte, um so nach langem Schiff- [S. 589] bruch gleichsam in den Hafen der Ruhe einzugehen. So geschieht es, daß der durch diese Unwissenheit und Schwierigkeit immer gehinderte Geist stets im Irrthum und wie im Rausche bald da bald dort hin- und hergeworfen wird und nicht einmal jenes Geistige, das ihm mehr durch Zufall als durch seine Thätigkeit entgegenkommt, lange und fest halten kann, da er immer Eines um das Andere aufnehmend weder den Eintritt und Anfang dieser (zerstreuenden Bilder) noch ihr Ende und Weggehen merkt.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger