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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

11. Über die Vollkommenheit des Gebetes, zu der man durch die besagte Lehre der Alten gelangt.

Diese Formel soll der Geist unaufhörlich festhalten, bis er gestärkt durch ihren immerwährenden Gebrauch und die beständige Erinnerung allen Gedankenreichthum und vielen geistigen Besitz zurückweise und wegwerfe und so in der strengen Armuth dieses Verses zu jener Seligkeit des Evangeliums, welche unter allen die erste ist, mit großer Leichtigkeit gelange. Denn „selig“, heißt es, „sind die Armen im Geiste, weil ihrer ist das Himmelreich.“ Wer nun durch solche Armuth ein trefflicher Armer geworden ist, der erfüllt das prophetische Wort: 1 „Der Arme und Dürftige loben deinen Namen.“ Und in der That, was kann es für eine größere und heiligere Armuth geben, als die ist, wenn Einer erkennt, daß er Nichts an Schutz und [S. 596] Kraft habe und also täglich von fremder Freigebigkeit Hilfe erbittet? wenn Einer ferner in der Erkenntniß, daß sein Leben und Wesen jeden Augenblick durch Gottes Hilfe erhalten werde, sich mit vollem Rechte als einen wahren Bettler vor dem Herrn bekennt, indem er täglich flehend zu ihm ruft: 2 „Ich aber bin ein Bettler und Armer; hilf mir, o Gott!“ Und so mag er wohl mit Gottes Erleuchtung zu einer vielgestaltigen Erkenntniß desselben aufsteigen und hernach mit höhern und heiligern Geheimnissen gesättigt werden nach jenem Worte des prophetischen Sängers: 3 „Die hohen Berge sind für die Hirsche, das Felsgestein ist Zuflucht den Igeln.“ Das paßt ganz gut zu dem obigen Sinne; denn Jeder, der in der Einfalt und Unschuld verharrend Niemandem schädlich oder lästig ist, sondern zufrieden mit seiner Einfalt nur vor nachstellenden Räubern geschützt zu sein wünscht, der ist wie ein geistiger Igel geworden und mag durch jenen evangelischen Felsen beständig verdeckt und geschützt werden, d. h. er möge sich mit dem Andenken an das Leiden des Herrn und der unaufhörlichen Betrachtung jenes Verschens decken und so den Nachstellungen des feindlichen Angreifers entkommen. Von solchen geistigen Igeln heißt es in den Sprüchwörtern: 4 „Schwach ist das Völklein der Igel, das in Felsen seine Wohnung nimmt.“ Und in der That, was ist wehrloser als ein Christ, was schwächer als ein Mönch, dem nicht nur keine Rache für Beleidigungen zusteht, sondern in dem nicht einmal innerlich auch nur eine leichte und stille Aufregung keimen darf? Wer aber aus diesem Zustande weiterstrebend nicht nur die Einfalt der Unschuld besitzt, sondern auch mit der Tugend der Klugheit ausgerüstet ist und die giftigen Schlangen vernichtet hat, indem er den Satan zermalmt zu seinen Füßen sieht und durch die Frische des Geistes gleichsam ein vernunftbegabter „Hirsch“ geworden ist, der weidet auf den Bergen der Propheten und Apostel, d. h. in ihren höchsten und erhabensten Geheimnissen. Durch diese beständige Weide belebt und alle Stimmungen der Psalmen in sich [S. 597] aufnehmend wird er so zu singen anfangen, als wären dieselben nicht von dem Propheten gedichtet, sondern gleichsam von ihm selbst hervorgebracht, so daß er sie wie sein eigenes Gebet mit tiefer Rührung des Herzens ausspricht oder sie wenigstens auf sich bezogen hält und einsieht, wie sich ihr Sinn nicht nur durch den Propheten und an dem Propheten erfüllte, sondern täglich auch an ihm. Denn die hl. Schriften eröffnen sich uns viel klarer und breiten gleichsam ihre Adern und ihr Mark vor uns aus, wenn unsere Erfahrung ihre Bedeutung nicht nur erfaßt, sondern der Kenntniß auch vorausgeht und uns der Sinn der Worte nicht durch Auslegung, sondern durch beweisende Thatsachen aufgeschlossen wird. Wenn wir nemlich dieselbe Herzensstimmung empfangen, in welcher ein Psalm gesungen oder geschrieben wurde, so werden wir gleichsam seine Verfasser und nehmen das Verständniß mehr voraus, als nach der Lesung, d. h. so, daß wir früher die Wirkung der Worte erlangen als ihre Kenntniß und uns dann bei der Betrachtung derselben gleichsam nur erinnern, was in uns geschehen sei und bei den täglichen Vorkommnissen geschehe. So erinnern wir uns beim Psalmensingen, was unsere Nachlässigkeit in uns erzeugt habe, oder was der Eifer erlangte; was die göttliche Fürsorge gegeben oder was die Nachstellung eines bösen Feindes uns genommen habe; um was uns die schlüpfrige und unbemerkbare Vergeßlichkeit gebracht und was uns die menschliche Schwäche angethan oder worin uns unvorsichtige Unwissenheit betrogen habe. Denn für all Dieß finden wir Anmuthungen in den Psalmen ausgedrückt, so daß wir Das, was uns zustößt, wie im reinsten Spiegel schauen und wirksamer erkennen. So werden wir, durch Thatsachen belehrt, Alles nicht wie Gehörtes erkennen, sondern wie vollendet Wirkliches mit Händen greifen und es nicht wie etwas bloß dem Gedächtnisse Anvertrautes, sondern wie naturwahre Lebendigkeit aus dem innersten Drange des Herzens hervorbringen, da wir den Sinn der Psalmen nicht durch den gelesenen Text, sondern durch die vorausgegangene Erfahrung erkennen und so in [S. 598] unserm Geiste zu jener Reinheit des Gebetes gelangen, zu welcher in der vorigen Abhandlung mit Hilfe Gottes die Unterredung der Reihe nach Aufstieg. Diese ist nicht nur mit dem Anblick keines Bildes beschäftigt, sondern wird auch durch keine Abfolge der Laute und Worte abgezogen; vielmehr wird dieß Gebet in feuriger Inbrunst des Geistes mit unaussprechlicher Entzückung des Herzens und unverwüstlicher Geistesfreude dargebracht und von dem über alle Sinne und sichtbaren Gegenstände erhobenen Geiste mit unaussprechlichen Seufzern und Anmuthungen vor Gott ausgegossen.

1: Ps. 73, 21.
2: ... [in der Kopie nicht lesbar.]
3: ... [in der Kopie nicht lesbar.]
4: ... [in der Kopie nicht lesbar.]

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger