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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

34. Antwort über die verschiedenen Ursachen der Erhörungen.

Isaak: Es bezeugen uns die evangelischen oder prophetischen Aussprüche, daß es verschiedene Ursachen der Er- [S. 578] hörungen gebe je nach dem verschiedenen und veränderlichen Zustande der Seelen. Da hast du z. B. die Frucht der Erhörung in der Übereinstimmung Zweier, die der Herr mit eigenem Worte bezeichnet hat in jener Stelle: 1 „In jeder Sache, in welcher Zwei von euch auf Erden übereinstimmen und sie erbitten, wird ihnen willfahren werden von meinem Vater, der im Himmel ist.“ Eine andere Ursache haben wir in der Glaubensfülle, die mit dem Senfkorn verglichen wird. 2 „Denn“, sagt er, „wenn ihr Glauben haben werdet wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Geh weg von hier — und er wird weggeh’n, und Nichts wird euch unmöglich sein.“ Wir haben eine in der Beständigkeit der Bitten, welche das Wort des Herrn wegen der unermüdeten Beharrlichkeit im Flehen Zudringlichkeit nennt: 3 „Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn auch nicht wegen der Freundschaft, so wird er doch wegen der Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.“ Wir haben eine andere in der Belohnung der Almosen: 4 „Verschließe“, heißt es, „das Almosen im Herzen des Armen, und es wird für dich bitten in der Zeit der Trübsal.“ Wir haben eine in der Besserung des Lebens und in den Werken der Barmherzigkeit, nach jener Stelle: 5 „Löse die Bande der Ruchlosigkeit, thu’ weg die niederdrückenden Bürden.“ Und nach wenigen Worten, in welchen die Nutzlosigkeit eines unfruchtbaren Fastens gegeißelt wird, sagt er: „Dann wirst du flehen, und der Herr wird dich erhören; du wirst rufen, und er wird sagen: Sieh, hier bin ich.“ Zuweilen bewirkt auch die Größe der Trübsale Erholung nach jener Stelle: 6 „Ich rief zum Herrn, da ich betrübt war, und er erhörte mich;“ und wieder: „Bedränget nicht den Fremdling; denn wenn er zu mir rufen wird, werde ich ihn erhören, weil ich barmherzig bin.“ 7 Ihr sehet [S. 573] also, auf wie viele Weisen die Gnade der Erhörung erlangt wird, damit Keiner durch die Verzweiflung seines Gewissens gebrochen werde wegen Erlangung dessen, was zum Heile und zur Ewigkeit gehört. Denn wenn ich auch bei Betrachtung unseres Elendes zugeben will, daß wir völlig ohne all jene oben erwähnten Tugenden sind, und daß wir weder jene lobenswürdige Übereinstimmung Zweier haben noch jenen dem Senfkorn verglichenen Glauben noch jene Werke der Frömmigkeit, welche der Prophet bezeichnet: können wir denn auch die Zudringlichkeit nicht haben, die Jedem, der will, zu Gebote steht? Verspricht doch der Herr, daß er auch um ihrer allein willen geben werde, um was er gebeten würde. Deßhalb muß man ohne Wanken und Mißtrauen im Bitten verharren und nicht zweifeln, daß man durch Beständigkeit Alles erlangen werde, was man Gottes Würdiges verlangt. Denn da der Herr uns das, was ewig und himmlisch ist, geben will, so ermahnt er uns, daß wir ihn durch unsere Zudringlichkeit gleichsam zwingen, da er uns für unser Drängen nicht nur nicht verachtet und zurückweist, sondern uns einladet und lobt und aufs Gütigste verspricht, daß er Solchen geben werde, was sie beharrlich hofften, indem er sagt: 8 „Bittet, und ihr werdet erhalten; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgethan. Denn Jeder, der bittet, erhält, und der sucht, findet, und dem Klopfenden wird geöffnet;“ und wieder: 9 „Alles, was ihr im Gebete erflehet mit Glauben, werdet ihr erhalten, und Nichts wird euch unmöglich sein.“ Deßhalb also, wenn auch alle obenerwähnten Ursachen der Erhörung uns ganz fehlen würden, soll uns doch die Möglichkeit der Zudringlichkeit Muth machen, die ja ohne irgend eine Schwierigkeit von Seite des Verdienstes oder der Mühe in der Gewalt eines Jeden liegt, der will. Sicher aber darf jeder Bittende nicht zweifeln, daß er nicht erhört werde, wenn er zweifelt, daß er [S. 574] erhört werde. Daß man nun den Herrn unermüdet bitten müsse, lehrt uns auch jenes Beispiel des hl. Daniel. 10 da er, obwohl erhört vom ersten Tage seines Bittens an, dennoch den Erfolg seines Gebetes erst nach dem einundzwanzigsten Tage erlangte. Deßhalb dürfen auch wir nicht von dem ersten Eifer unserer Gebete ablassen, wenn wir merken, daß wir langsamer erhört werden; damit nicht etwa die Gnade der Erhörung auf Anordnung Gottes wieder aufgeschoben werde oder der Engel, der von dem Angesichts des Allmächtigen ausging, um uns die göttliche Wohlthat zu überbringen, durch den Widerstand des Teufels aufgehalten werde; denn es ist gewiß, daß dieser das überschickte verlangte Geschenk nicht zuführen könne, wenn er findet, daß wir von dem Eifer des vorgenommenen Verlangens abgelassen haben. Das hätte auch ohne Zweifel dem eben genannten Propheten begegnen können, wenn er nicht mit unvergleichlicher Tugend die Beharrlichkeit im Gebete bis auf den einundzwanzigsten Tag ausgedehnt hätte. In diesem gläubigen Vertrauen wollen wir uns also durch keine Verzweiflung erschüttern lassen, wenn wir auch gar nicht merken, daß wir unser Gebetsverlangen erreicht haben, und wollen nicht zweifeln an dem Versprechen des Herrn, der da sagt: „Alles, was ihr im Gebete mit Glauben verlanget, werdet ihr erhalten.“ Wir müssen nemlich immer wieder auf jene Lehre des hl. Evangelisten Johannes zurückkommen, durch welche Alles, was an dieser Frage zweifelhaft ist, endgiltig gelöst wird: 11 „Das ist“, sagt er, „das Vertrauen, welches wir zu Gott haben, daß er uns erhören wird in Allem, um was wir seinem Willen gemäß bitten.“ Also nur in dem läßt er uns eine volle und unzweifelhafte Zuversicht der Erhörung haben, was nicht unserm zeitlichen Vortheil und Trost, sondern dem Willen Gottes entspricht. Das müssen wir auch im Gebete des Herrn, dem Gebote gemäß, hinzudenken, indem wir sprechen: „Dein Wille ge- [S. 575] schehe,“ also nicht der unsere. Wenn wir nun auch noch jenes Wort des Apostels bedenken, 12 daß wir nicht wissen, um was uns zu bitten nöthig sei, so sehen wir ein, daß wir oft das unserm Heile Entgegengesetzte verlangen, und daß uns also Das, um was wir bitten, ganz zu unserm Vortheil von Demjenigen verweigert wird, der besser und wahrhafter sieht, was uns nützt. Das ist ohne Zweifel auch jenem Völkerlehrer begegnet, als er bat, es möge der Engel Satans von ihm genommen werden, der ihm zu seinem Nutzen nach dem Willen des Herrn beigegeben war, um ihm Faustschläge zu geben. Er sagt: 13 „Deßhalb habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß Jener von mir weiche, und der Herr sprach zu mir: Es genügt dir meine Gnade; denn die Tugend wird in der Schwäche vollendet.“ Diesen Sinn hat auch der Herr ausgedrückt, als er im Namen der angenommenen Menschennatur betete und, um uns auch die Art zu beten wie alles Übrige durch sein Beispiel zu lehren, so flehte: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber —; aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ — da ja sein Wille durchaus nicht von dem seines Vaters abwich. Er war ja gekommen, zu retten, was verloren war, und sein Leben hinzugeben zur Erlösung für Viele, wovon er selbst sagt: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich gebe es von mir selbst. Ich habe die Macht, es hinzugeben und wieder zu nehmen.“ 14 In seinem Namen singt der hl. David über die Einheit des Willens, die er stets mit seinem Vater hatte, im 39. Psalme so: „Ich habe beschlossen, deinen Willen zu thun, o mein Gott!“ Auch vom Vater lesen wir: 15 „Denn so hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab.“ Und nichts desto weniger finden wir vom Sohne: 16 „Der sich selbst hingab für unsere Sünden.“ Und wie es vom Vater heißt: 17 „Der selbst des eigenen Sohnes [S. 576] nicht schonte, sondern ihn für uns alle dahingab,“ — so wird auch vom Sohne gesagt: 18 „Er wurde geopfert, weil er selbst wollte.“ Und so wird der Wille des Vaters und Sohnes durchweg als einer bezeichnet, so daß selbst in dem Geheimnisse der Auferstehung des Herrn, wie gelehrt wird, das Wirken kein sich widerstreitendes war. Denn wie der Apostel lehrt, daß die Auferstehung seines Leibes der Vater gewirkt habe, da er sagt: 19 „Und Gott der Vater, der ihn von den Todten erweckte,“ — so betheuert auch der Sohn, daß er den Tempel seines Leibes auferwecken werde, indem er spricht: „Zerstöret diesen Tempel, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufrichten.“ Also müssen auch wir durch die besagten Beispiele des Herrn belehrt all unser Flehen mit einem ähnlichen Gebete beschließen und all unsern Bitten immer dieß Wort beifügen: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du.“ — Übrigens ist klar genug. daß jenes dreimalige Gebet (mit dreimaliger Kniebeugung?), welches in den Versammlungen der Brüder zum Schlusse des Gottesdienstes verrichtet zu werden pflegt, von denen nicht beobachtet werden kann, die nicht mit eifrigem Gemüthe beten.

1: Matth. 18, 19.
2: Matth. 17, 19.
3: Luk. 11, 8.
4: Jes. Sir. 29, 15.
5: Is. 58, 6. 9.
6: Ps. 119, 1.
7: Exod. 22, 21. 23.
8: Luk. 11, 9. 10.
9: Matth. 21, 22.
10: Dan. 10, 2.
11: I. Joh. 5, 14.
12: Röm. 8, 26.
13: II. Kor. 12, 9.
14: Joh. 10.
15: Joh. 3, 16.
16: Galat. 2, 20.
17: Röm. 8, 32.
18: Is. 53, 7.
19: Gal. 1, 1.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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