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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

29. Antwort über die Verschiedenheit der geistlichen Thränen.

Isaak: Nicht jede Thränenvergießung wird durch die gleiche Gemüthsbewegung oder die gleiche Tugend hervorgebracht. Denn anders fließt jenes Weinen, welches entsteht, wenn der Stachel der Sünden unser Herz trifft, und wovon es heißt: 1 „Ich mühe mich ab mit meinem Seufzen und wasche jede Nacht mein Bett; mit meinen Thränen netze ich mein Lager;“ und wieder: 2 „Vergieße deine Thränen wie einen Strom Tag und Nacht und laß dir nicht Ruhe, und es raste nicht die Pupille deines Auges.“ Anders ist jener Thränenstrom, der aus der Betrachtung der ewigen Güter und der Sehnsucht nach jener künftigen Herrlichkeit entsteht, wodurch noch reichlichere Thränenfluthen wegen der Unerträglichkeit der Freude und der Un- [S. 569] ermeßlichkeit der Wonne hervorbrechen, während unsere Seele dürstet nach Gott, der lebendigen Quelle, indem sie sagt: 3 „Wann werde ich kommen und erscheinen vor dem Angesichte des Herrn? Es waren mir meine Thränen zur Speise Tag und Nacht.“ Mit Jammer und Klage ruft sie täglich: 4 „Weh’ mir, daß mein Aufenthalt verlängert wurde und meine Seele so lange ein Fremdling ist!“ Anders fließen jene Thränen, welche zwar ohne irgend ein Bewußtsein so großer Verbrechen, aber doch aus Furcht vor der Hölle und dem Andenken an jenes schreckliche Gericht hervorgehen, von dessen Schrecken getroffen der Prophet zu Gott betet: 5 „Geh nicht in’s Gericht mit deinem Knecht, denn nicht kann vor deinem Auge bestehen irgend ein Lebender.“ Es gibt noch eine andere Art von Thränen, die nicht entsteht aus eigenem Gewissensbiß, sondern wegen fremder Verhärtung und Schuld, wie Samuel den Saul und jene Stadt Jerusalem früher Jeremias, im Evangelium aber Christus beweint hat, indem Jener sprach: 6 „Wer wird meinem Haupte Wasser geben und meinen Augen Thränenbäche, und ich werde beweinen Tag und Nacht die Getödteten der Tochter meines Volkes.“ Oder was sind das für Thränen, von welchen im hundertsten Psalme gesungen wird: „Asche aß ich wie Brod, und meinen Trank mischte ich mit Thränen.“ Es ist gewiß, daß diese nicht durch jene Gemüthsbewegung erpreßt werden, durch welche sie im sechsten Psalme von Seite des Büßenden entstehen, sondern wegen der Ängsten dieses Lebens und der Noth und Mühsal, durch welche die Gerechten in dieser Welt gedrückt werden. Das zeigt ganz deutlich nicht bloß der Text dieses Psalmes, sondern auch sein Titel, der im Namen eines solchen Armen, von denen es im Evangelium heißt: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich,“ — so gefaßt ist: „Gebet eines Armen, da er geängstigt ist und vor Gott sein Flehen ausgießt.“ Weit [S. 570] entfernt von diesen Thränen sind jene, welche bei hartem Herzen den trockenen Augen erpreßt werden. Gleichwohl glauben wir, daß auch diese nicht völlig ohne Frucht sind; denn ihre Vergießung wird mit gutem Vorhaben versucht, besonders von Jenen, die noch nicht zur vollkommenen Erkenntniß gelangen, oder von den Wecken der frühern oder gegenwärtigen Laster noch nicht ganz sich reinigen konnten.

1: Ps. 6, 7.
2: Klagel. 2, 18.
3: Ps. 41, 3. 4.
4: Ps. 119, 5.
5: Ps. 142. 2.
6: Jer. 9, 1.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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