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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

22. Davon, daß es heißt: „Vergib uns unsere Schulden!“

Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern! O unaussprechliche Milde Gottes, die uns nicht nur eine Gebetsform mittheilte und die ihr angenehme Zucht unserer Sitten lehrte; — die ferner durch die Nothwendigkeit der gelehrten Formel, mit der wir nach ihrem Befehl immer sie bitten sollen, ebenso die Wurzeln des Zornes wie der Traurigkeit ausriß: — sondern die auch den Bittenden Gelegenheit bietet und ihnen den Weg erschließt, auf dem sie ein mildes und liebevolles Urtheil Gottes gegen sich hervorrufen können. Ja sie verlieh uns auch gewissermaßen die Macht, den Urtheilsspruch unseres Richters zu mildern zur Verzeihung unserer Sünden, indem wir ihn durch das Beispiel unserer Vergebung besänftigen, da wir ihm sagen: „Vergib uns, wie auch wir vergeben!“ Daher kann Derjenige voll sichern Vertrauens auf dieß Gebet Verzeihung für seine Unthaten erstehen, der nachsichtig ist gegen Die, welche nur seine Schuldner sind, nicht die seines Herrn. Aber was das Schlimmere ist. Einige von uns pflegen sich dem gegenüber, was zur Beleidigung Gottes geschieht, obwohl es sich um große Verbrechen handelt, ganz sanft und gütig zu verhalten; aber für die Schuld der gegen sie gerichteten selbst kleinsten Beleidigungen erweisen sie sich als unbarmherzige, unerbittliche Forderer. Wer also immer dem gegen ihn fehlenden Bruder nicht von Heizen verzeiht, wird durch diese Bitte nicht Verzeihung, sondern Verdammung für sich erlangen und verlangt durch sein eigenes Urtheil für sich ein strengeres Gericht, da er ja sagt: „Verzeih’ mir so, wie ich verziehen [S. 564] habe.“ Wenn ihm nun ganz nach seiner Bitte geschieht, was wird da anders folgen, als daß er seinem Beispiele gemäß mit unversöhnlichem Zorn und unnachsichtigem Urtheilsspruche gestraft wird? Wenn wir also ein mildes Gericht wollen, so müssen auch wir milde sein gegen Jene, welche gegen uns gefehlt haben. Denn so Viel wird uns nachgelassen werden, als wir Denen nachgelassen haben, die uns durch irgend eine Bosheit geschadet haben. Aus Scheu davor übergehen Einige, wenn dieses Gebet in der Kirche vom ganzen Volke gesprochen wird, diese Stelle mit Stillschweigen, damit sie sich nemlich nicht durch ihr eigenes Wort mehr zu belasten als zu entschuldigen scheinen, und sehen nicht ein, daß sie vergebens dem Richter Aller solche Täuschung vorzumachen suchen, da er ja seinen Betern zeigen wollte, wie er richten werde. Denn da er gegen sie nicht grausam und unerbittlich erfunden werden will, bezeichnet er die Weise seines Gerichtes, damit wir unsere Brüder, wenn sie Etwas gegen uns gefehlt haben, gerade so richten, wie wir von ihm gerichtet werden wollen, weil ein Gericht ohne Erbarmen dem zu Theil werden wird, der nicht Barmherzigkeit geübt hat.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger