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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

3. Wie ein reines und aufrichtiges Gebet bereitet wird.

Damit also das Gebet mit geziemender Inbrunst und Reinheit ausgegossen werden könne, muß man in allweg Folgendes beobachten. Zuerst ist die Besorgtheit um fleischliche Dinge überhaupt abzulegen; dann darf man keinerlei Sorge um irgend ein Geschäft oder Anliegen, ja nicht einmal das Andenken daran zulassen; Ehrabschneidung, eitles oder vieles Gerede, Possen sind gleichfalls zu meiden, die Verwirrung des Zornes oder der Traurigkeit ist von Grund aus zu entfernen, der schädliche Keim der fleischlichen Gier und der Habsucht mit der Wurzel auszureissen. Wenn nun diese und ähnliche Laster, die auch nach aussen sichtbar sind, völlig ausgestoßen und abgeschnitten sind und diese obengenannte Reinigung vorausgeschickt ist, welche durch die Reinheit der Einfalt und Unschuld vollkommen wird, dann muß man zuerst den unerschütterlichen Grundstein tiefer Demuth legen, der einen bis zum Himmel hinanstrebenden Thurm zu tragen vermag. Darauf ist dann der Ausbau der geistigen Tugenden auszuführen und das Gemüth vor allem Verkehr und schlüpfriger Ausschweifung zu bewahren, damit es so nach und nach zur Beschämung Gottes und des geistigen Gesichtskreises sich zu erheben beginne. Denn was immer in unsere Seele vor der Stunde des Gebetes eingegangen ist, das muß uns beim Beten von der Erin- [S. 545] nerung vorgeführt werden und vorschweben. Der Zustand also, in welchem wir uns beim Gebete befinden wollen, muß vor der Gebetszeit vorbereitet werden; denn aus dem vorhergebenden Zustande bildet sich der Gebetsgeist, und wenn wir uns dann zur innern Ruhe sammeln wollen, so wird vor unsern Augen das Bild der vorigen Thaten oder Worte und Gefühle spielen und wird uns je nach der frühern Beschaffenheit zornig oder traurig machen oder vergangene Begierden oder Anliegen wieder bringen; oder es wird uns — man schämt sich, es zu sagen — zu thörichtem Gelackter reizen durch den Kitzel einer leichtfertigen Rede oder That; oder es wird uns auf den frühern Abwegen umherflattern lassen. Was wir uns also während des Gebetes nicht wollen begegnen lassen, das müssen wir vor dem Gebete aus den Tiefen unserer Brust eilig entfernen, damit wir jenes Wort des Apostels erfüllen können: 1 „Betet ohne Unterlaß!“ und: 2 „Überall erhebet reine Hände ohne Zorn und Streit!“ Denn anders werden wir dieß Gebot nicht erfüllen können, als, wenn unser Geist von aller Ansteckung der Laster gereinigt und den Tugenden als seinem naturgemäßen Gute ergeben der beständigen Beschauung des allmächtigen Gottes genießt.

1: I. Thessal. 5, 17.
2: I. Tim. 2, 8.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger