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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

18. Von dem Gebete des Herrn.

Auf diese Gebetsarten folgt also ein noch höherer und vortrefflicherer Zustand, der in der Betrachtung Gottes allein und in der Glut der Liebe besteht, wodurch der Geist in die Liebe Gottes aufgelöst und versunken sich ganz vertraut mit ihm wie mit dem eigenen Vater in besonderer Anhänglichkeit unterredet. Daß wir diesen Zustand eifrig suchen müssen, lehrt uns die Formel des Gebetes des Herrn, indem sie sagt: „Vater unser,“ wodurch wir mit dem eigent- [S. 559] lichsten Worte bekennen, daß Gott der Herr der Vater des Weltalls sei, und klären, daß wir aus dem Stande des Knechtes zur Annahme an Kindesstatt erwählt worden seien. Wir fügen dann bei: „Der du bist in dem Himmel,“ damit wir die Erwähnung des gegenwärtigen Lebens, das wir in dieser Welt führen, als eines fremden und von unserem Vater uns weit entfernenden mit vollem Abscheu vermeiden und vielmehr mit größter Sehnsucht nach jenem Lande eilen, in welchem, wie wir bekennen, unser Vater wohnt; damit wir ferner Nichts zulassen, was uns dieses unseres Berufes und des Adels einer solchen Kindschaft unwürdig machen, uns des natürlichen Erbes als Entartete berauben und dem Zorne seiner Gerechtigkeit und Strenge verfallen lassen würde. Da wir also zu dieser Stufe und Rangordnung der Söhne erhoben worden sind, so wollen wir beständig von jener Liebe brennen, wie man sie bei guten Söhnen findet, so daß wir all unsern Affekt nicht sowohl auf unsern Nutzen, als vielmehr auf die Ehre unseres Vaters richten, indem wir ihm sagen: „Geheiligt werde dein Name!“ zum Zeugniß, daß die Ehre unseres Vaters unser Verlangen, unsere Freude sei, nach, dem Beispiele dessen, der da sprach: 1 „Wer von sich selbst redet, sucht die eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaft, und Ungerechtigkeit ist nicht in ihm.“ Wünscht ja doch das Gefäß der Auserwählung, von dieser Glut erfüllt, sogar verdammt zu werden 2 aus Christi Nähe, wenn Diesem nur eine zahlreiche Familie werde und das Heil des ganzen israelitischen Voltes zunehme. Freilich mit Sicherheit wünscht Derjenige unterzugeh’n für Christus, der da weiß, daß Niemand sterben könne für das Leben. Und wieder sagt er: „Wir freuen uns, wenn wir schwach sind, ihr aber stark seid.“ 3 Was Wunder übrigens, wenn das Gefäß der Auserwählung für die Ehre Christi, die Bekehrung seiner Brüder und den Vorzug seines Stam- [S. 560] mes verdammt zu sein wünscht fern von Christus, da ja auch der Prophet Michäas zum Lügner werden wollte und verlassen von der Eingebung des hl. Geistes, wenn nur das Volk jüdischer Nation jenen Schlägen und dem Verderben der Gefangenschaft, wovon er prophezeit hatte, entgehen würde. „Möchte ich doch,“ sagt er, „nicht ein Mann sein, der den Geist hat, und lieber Lüge reden!“ 4 Wir wollen Nichts weiter sagen von jener Bereitwilligkeit des Gesetzgebers, der sich nicht weigerte, mit seinen Brüdern, wenn sie zu Grunde gehen sollten, auch unterzugehen, indem er sprach: 5 „Ich beschwöre dich, o Herr! Gesündigt hat dieß Volk in großer Sünde; entweder verzeih’ ihm diese Schuld, oder wenn du es nicht thust, so tilge mich aus deinem Buche, das du geschrieben.“ Es kann aber passend dieses Wort: „Geheiligt werde dein Name“ auch so verstanden werden: Die Heilighaltung Gottes ist unsere Vollkommenheit. Wenn wir ihm also sagen: Geheiligt werde dein Name, so sagen wir mit andern Worten: Mache uns so, o Vater, daß wir einzusehen oder zu fassen verdienen, wie groß deine Heiligkeit sei, oder doch daß unser geistiger Wandel dich als den Heiligen offenbare. Dieß wird dann wirksam in uns erfüllt, wenn die Menschen unsere guten Werke sehen und unsern Vater preisen, der im Himmel ist.

1: Joh. 7, 18.
2: Röm. 9, 3.
3: II. Kor. 13, 9.
4: Mich. 2, 11.
5: Exod. 32, 31. 32,

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger