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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Neunte Unterredung, welche die erste des Abtes Isaak ist, über das Gebet.

15. Ob die vier Arten der Gebete zugleich und für Alle nothwendig seien oder nur einzeln und abwechselnd.

Es pflegen nun wohl alle vier Arten Anlaß zur Entstehung kräftiger Gebete zu geben, und sowohl aus der Bitte um Verzeihung, welche aus der Reue über die Sünden entsteht, als auch aus dem Zustande der Anbetung, der aus der Treue der Opfer und der Erfüllung der Gelübde, entspringt je nach der Reinheit des Gewissens, — ferner auch aus der Fürbitte, die aus der Glut der Liebe hervorgeht, und aus der Danksagung, welche durch die Betrachtung der Wohlthaten Gottes und seiner Größe und Güte erzeugt wird, — entströmen, wie wir wissen, oft ganz glühende und feurige Gebete; so daß es fest steht, daß alle diese genannten Arten für Alle sich nützlich und nothwendig erweisen und also in einem und demselben Menschen der verschiedene Affekt jetzt die reinsten und glühendsten Gebete der Bitte, jetzt die der Anbetung oder Fürbitte emporsendet. Dennoch aber scheint die erste Art mehr für die Anfänger zu passen, die noch von den Stacheln ihrer Sünden und solcher Erinnerung gequält werden; die zweite für Jene, welche schon eine gewisse Höhe des Geistes erreicht haben durch den geistigen Fortschritt und das Verlangen nach Tugenden; die dritte für Jene, welche nach thatkräftiger Erfüllung ihrer Gelübde sich durch die Betrachtung fremder Gebrechlichkeit und den Eifer der Liebe angetrieben fühlen, für Andere zu bitten; die vierte aber für Diejeni- [S. 556] gen, welche, nachdem der strafende Gewissensstachel aus ihren Herzen ausgerissen ist, voll Sicherheit die Freigebigkeit und Erbarmung des Herrn, die er entweder früher ihnen erwies oder gegenwärtig zukommen läßt oder für die Zukunft bereit hält, mit ganz gereinigtem Geiste betrachten und dadurch mit glühendem Herzen zu jener unbegreiflichen und für die menschliche Zunge unaussprechlichen Gebetsweise hingerissen werden. Zuweilen aber pflegt der Geist, der zu jenem wahren Affekte der Reinheit vorgeschritten ist und in ihm schon fest zu wurzeln angefangen hat, all Dieß zusammen und gleichmäßig zu erfassen und, indem er Alles wie eine unbegreifliche und blitzschnelle Flamme durchfliegt, unaussprechliche Gebete voll reinster Inbrunst vor Gott auszugießen, welche der Geist selbst, der mit unaussprechlichen Seufzern bittet, ohne unser Wissen zu Gott sendet, indem er in der kurzen Zeit jener Stunde so Vieles zusammenfaßt und über unsere Darstellungskraft im Gebete ausgießt, daß man es nicht nur nicht mit der Zunge durchgehen, sondern zu anderer Zeit sich nicht einmal mit dem Geiste daran zu erinnern vermag. — Es findet sich nun aber, daß auf jeder Stufe zuweilen reine und streng gesammelte Gebete ausgesendet werden, da sogar auf jener ersten und niedrigsten Stufe, die im Gedanken an das künftige Gericht besteht, Solche, die noch unter der Strafe des Schreckens und der Furcht vor der Rechenschaft sich befinden, zu Zeiten so zerknirscht werden, daß sie mit nicht geringerer Lebhaftigkeit des Geistes von der Salbung der Abbitte erfüllt werden, als Jene, welche gemäß der Reinheit ihres Herzens die Freigebigkeit Gottes durchschauen und durchgehen und nun in unaussprechlicher Freude und Wonne sich auflösen; denn ein Solcher fängt nach dem Ausspruche des Herrn an, mehr zu lieben, weil er erkennt, daß ihm mehr nachgelassen wurde.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger