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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Achte Unterredung, welche die zweite mit Abt Serenus ist über die Herrschaften oder Mächte.

23. Antwort, daß durch das natürliche Gesetz die Menschen schon von Anfang an der Verurtheilung und Strafe unterworfen waren.

Serenus: Gott hat bei der Erschaffung des Menschen diesem die ganze Kenntniß des Gesetzes von Natur aus eingepflanzt, und wenn der Mensch diese, gemäß der Absicht Gottes, wie Anfangs bewahrt hätte, so wäre es nicht nöthig gewesen, ein anderes zu geben, das nachher schriftlich [S. 535] veröffentlicht wurde; denn es war ja überflüssig, von aussen ein Heilmittel zu bieten, das noch im Innern eingepflanzt und lebendig war. Aber weil dieses, wie gesagt, ganz verdorben war durch die Freiheit und die Gewohnheit zu sündigen, da wurde als sein Bann- und Zwingherr, als sein Rächer und, um mit der hl. Schrift zu reden, auch als sein Beihelfer der strenge Entscheid des mosaischen Gesetzes gegeben, damit wenigstens in der Furcht vor der gegenwärtigen Strafe die gute Gabe des natürlichen Wissens nicht völlig ausgetilgt werde, nach dem Ausspruche des Propheten, der sagt: „Er gab das Gesetz zur Hilfe.“ 1 So heißt es denn auch beim Apostel ein Erzieher, 2 der gleichsam den Kindern gegeben ist, sie zu unterrichten und zu bewahren, damit sie nicht von jener Lehre, in der sie von Natur aus unterrichtet waren, durch Vergeßlichkeit abweichen möchten. Daß nun den Menschen alle Kenntniß des Gesetzes vom Anfang der Erschaffung her eingegossen war, beweist sich klar daraus, daß, wie wir wissen, schon vor dem Gesetz, ja schon vor der Sündfluth, alle Heiligen die Gebote des Gesetzes hielten ohne die Lesung des geschriebenen Gesetzes. Denn wie hätte Abel, da noch kein Gesetz da war, wissen können, daß er Gott von den Erstlingen seiner Schafe und von dem Fette derselben ein Opfer bringen müsse, wenn ihn das nicht ein von Natur aus ihm eingepflanztes Gesetz gelehrt hätte? Wie hätte Noe unterscheiden können, was ein reines und unreines Thier sei, als das unterscheidende Gesetzesgebot noch nicht gegeben war, wenn er nicht durch das natürliche Wissen wäre unterrichtet gewesen? Woher hat Enoch gelernt mit Gott zu wandeln, da er keine Erleuchtung durch Gesetz von irgend Jemand überkommen hatte? Wo hatten Sem und Japhet gelesen: „Du sollst die Schande deines Vaters nicht aufdecken,“ so daß sie rückwärts hingehend die Scham des Vaters verhüllten? Woher war Abraham belehrt, der Beute, die ihm angeboten wurde, zu entsagen, [S. 536] um so ja keinen Lohn für seine Anstrengung zu nehmen? Oder warum gab er dem Priester Melchisedech den Zehnten, der durch das Gesetz des Moses vorgeschrieben ist? Woher hat eben dieser Abraham, woher Lot, als das evangelische Gebot noch nicht sein Licht verbreitete, den Wanderern und Fremdlingen die Fußwaschung, und was sonst die Menschlichkeit fordert, unter Bitten angeboten? Woher hat Job eine solche Ehrfurcht des Glaubens, eine so reine Keuschheit, eine solche Kenntniß der Demuth, Sanftmuth, Barmherzigkeit und Menschenliebe erlangt, wie wir sie jetzt nicht einmal von Denen, welche die Evangelien auswendig wissen, erreicht sehen? Von welchem Heiligen lesen wir, daß er vor dem Gesetz irgend ein Gebot des Gesetzes verletzt habe? Wer von ihnen hat nicht das Wort bewahrt: „Höre. Israel: der Herr dein Gott ist Einer“? Wer von ihnen hat es nicht gehalten: „Du sollst dir kein Bildniß machen noch irgend ein Gleichniß von dem, was im Himmel ist oder was auf Erden oder im Gewässer unter der Erde“? Wer von ihnen hat nicht beachtet das Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter,“ oder die folgenden: „Du sollst nicht tödten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugniß geben, sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“ — und andere, viel größere als diese, wodurch sie nicht nur den Geboten des Gesetzes, sondern selbst jenen des Evangeliums zuvorkamen? 3

1: Is. 8 (LXX).
2: Galat. 3, 24.
3: Serenus hat sich auch in diesem Kapitel öfter ungenau ausgedrückt. So will er mit der Behauptung, daß Gott dem Menschen bei der Erschaffung die ganze Kenntniß des Gesetzes einpflanzte, gewiß keinen eigentlichen Ontologismus, und trotz des wiederholten „naturaliter“ auch keinen Naturalismus lehren, bei welchem die übernatürliche Begabung und Kenntniß des ersten Menschen zu kurz käme. — Auch seine Behauptung von dem völligen Verderben (penitus corrupta) des natürlichen Gesetzwissens ist wohl nicht so streng gemeint, daß sie der wahren katholischen Lehre widersprechen würde.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger