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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebente Unterredung, welche die erste mit Abt Serenus ist, über die Veränderlichkeit der Seele und die bösen Geister.

[S. 502] 31. Daß Jene unglücklich sind, welche nicht verdienen, solchen zeitlichen Prüfungen unterworfen zu werden.

Übrigens muß man Jene für wahrhaft elend und erbarmenswerth halten, bei denen, obwohl sie sich mit allen Verbrechen und Lastern beflecken, dennoch nicht nur kein sichtbares Zeichen einer diabolischen Besessenheit zu merken ist, sondern denen nicht einmal irgend eine ihren Thaten entsprechende Prüfung noch irgend eine züchtigende Geißel gesendet wird. Denn sie verdienen nicht die kurze und leichte Arznei dieser Zeit, da ihre Härte und ihr unbußfertiges Herz über die Strafe des gegenwärtigen Lebens hinausgeht und sich Zorn und Entrüstung aufhäuft für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, an welchem ihr Wurm nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen wird. Als der Prophet von Angst erfüllt war über die Trübsal der Heiligen, die er verschiedenen Leiden und Prüfungen unterworfen sah, während im Gegentheil die Sünder nicht nur ohne jede demüthigende Geißel durch die Welt gingen, sondern auch Überfluß an Reichthum und das größte Glück in allen Dingen genoßen: da rief er im übermannenden Eifer und von der Glut seines Geistes entflammt aus: 1 „Meine Füße aber wankten fast, und beinahe glitten aus meine Schritte, weil ich eiferte wider die Gottlosen, im Anblicke des Friedens der Sünder; denn sie denken nicht an den Tod, und ihre Plage dauert nicht; in der Mühsal der Menschen sind sie nicht und werden nicht mit den Menschen gezüchtigt.“ Freilich sie sollen im künftigen Leben mit den Teufeln bestraft werden, da sie nicht verdienen im gegenwärtigen gemäß dem Lohn und der Zucht der Söhne mit den Menschen gegeißelt zu werden. Auch Jeremias streitet mit Gott über dieß Glück der Gottlosen, und obwohl er bekennt, daß er an [S. 503] der Gerechtigkeit Gottes nicht zweifelt, und sagt: 2 „Du bist freilich gerecht, o Herr, wenn ich mit Dir rechte,“ — so fügt er doch, die Ursachen dieser so großen Ungleichheit untersuchend, bei: „Dennoch muß ich vom Rechte zu dir sprechen. Warum ist glücklich der Weg der Gottlosen? Wohl ist Allen, die untreu sind und schlecht handeln: du hast sie gepflanzt, und sie haben Wurzel geschlagen; sie gedeihen und bringen Frucht. Nahe bist du ihren Lippen und ferne von ihrem Innern.“ — Ihren Untergang beklagt der Herr durch den Propheten, und zu ihrer Heilung sendet er sorgfältig Ärzte und Lehrer und ruft sie gleichsam zu ähnlicher Klage auch mit den Worten: 3 „Schnell fiel Babylon, zermalmt ist sie, jammert über sie, holet Salbe für ihren Schmerz, vielleicht daß sie heil wird.“ Aber ohne Hoffnung antworten die Engel, denen die Sorge für das menschliche Heil anvertraut ist, oder wenigstens der Prophet an Stelle der Apostel oder der geistlichen Männer und Lehrer, die Babylons Herzenshärte und Unbußfertigkeit sahen: „Wir wollten Babylon helfen, und es wurde nicht heil; verlassen wir es denn und gehen wir. Jeder in sein Land; denn bis zum Himmel reicht sein Strafgericht und erbebt sich bis zu den Wollen.“ Von der hoffnungslosen Krankheit Solcher spricht an Stelle Gottes Isaias zu Jerusalem: 4 „Von der Fußsohle bis zum Scheitel ist keine Gesundheit in ihr, sondern Wunde und Striemen und geschwollene Beulen, die nicht verbunden, nicht mit Heilmitteln gepflegt, nicht gesalbt sind mit Öl.“

1: Ps. 72, 2 ff.
2: Jerem. 12, 1 ff.
3: Jerem. 51, 8.
4: Is. 1, 6.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger