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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebente Unterredung, welche die erste mit Abt Serenus ist, über die Veränderlichkeit der Seele und die bösen Geister.

4. Rede des Greises über den Zustand der Seele und ihre Standhaftigkeit.

Serenus: Es ist eine gefährliche Anmaßung, ohne richtige Erforschung der Dinge und ohne Fassung eines bestimmten Begriffes über die Natur irgend einer Sache Behauptungen und Entscheidungen aufzustellen und nur nach der eigenen schwachen Betrachtung eine Vermuthung zu schöpfen, statt daß man nach dem Stande und der Beschaffenheit der Wissenschaft selbst oder nach der Erfahrung der Andern sein Urtheil fällt. Es wird doch nicht Einer, der des Schwimmens unkundig ist, weil er weiß, daß das Wasser nicht das Gewicht seines Körpers tragen könne, nun wegen dieser Erfahrung seiner Ungeschicklichkeit entscheiden wollen, daß überhaupt Niemand, der mit festem Fleische umgeben sei, von dem flüssigen Elemente getragen werden könne. Seine Meinung ist also für wahr zu halten, so weit er sie für seine eigene Erfahrung vorgebracht hat, während sonst durch den sichersten Beweis und die unzweifelhafte Überzeugung der Augen ausgemacht ist, daß die Sache nicht nur nicht unmöglich sei, sondern auch sehr leicht von Andern ausgeführt werde. — Der νούς also, d. i. der Geist, wird als ἀεὶ κινητὸς καὶ πολὺ κινητός, d. i. als immer beweglich und viel beweglich desinirt. Das steht auch in der Weisheit, welche die Salomons heißt, geschrieben: 1 „Γηίνον οἴκημα βαρύνει νοῦν πολὺ φροντίζοντα,“ d. h. „das irdische Wohnhaus beschwert den vieldenkenden Geist.“ Dieser kann also gemäß seiner natürlichen Beschaffenheit niemals müßig bleiben, sondern er muß nothwendig, wenn nicht Vorsorge getroffen ist, wo er seine Bewegungen üben [S. 474] und womit er sich beständig beschäftigen solle, durch die ihm eigene Beweglichkeit umherschweifen und Alles durchstiegen, bis er durch viele Übung und langen Brauch — jene vergebliche Arbeit, wie ihr es nennt — gewöhnt, erfahre und lerne, welche Gegenstände er für sein Gedächtniß herrichten, um welche er in unermüdetem Fluge kreisen und verweilend sich stärken solle. damit er so vermöge, die schädlichen Einflüsterungen des Feindes, durch die er zerstreut wurde, zurückzuweisen und in jener Verfassung und Beschaffenheit zu verharren, die er wünscht. Wir müssen also diese Flüchtigkeit unseres Herzens nicht der menschlichen Natur, oder Gott, dem Schöpfer derselben, zuschreiben; denn wahr ist der Ausspruch der Schrift, „daß der Herr den Menschen recht gemacht, er selbst sich aber böse Gedanken gesucht habe.“ Von uns also hängt ihre Beschaffenheit ab, denn es heißt: „Ein guter Gedanke ist nahe denen, die um ihn wissen — und ein kluger Mann wird ihn finden.“ Wo aber immer Etwas durch unsere Klugheit und Thätigkeit gefunden werden kann, da ist das Nichtfinden ohne Zweifel unserer Trägheit und Unklugheit, nicht aber einem Fehler der Natur anzurechnen. Mit diesem Sinne stimmt auch der Psalmist Überein, wenn er sagt: 2 „Selig der Mann, dessen Hilfe von dir kommt, o Herr; aufzusteigen sinnet er in seinem Herzen.“ Seht ihr also, daß es in unserer Macht steht, Erhebungen, d. i. zu Gott dringende Gedanken, oder Niedersteigen, d. i. solche Gedanken in unsern Herzen zu überlegen, die zum Irdischen und Fleischlichen abfallen? Wenn diese nicht in unserer Macht stünden, so hätte auch der Herr die Pharisäer nicht so streng getadelt: 3 „Was denket ihr Böses in euern Herzen;“ noch hätte er durch den Propheten befohlen: 4 „Entfernet die Unthat eurer Gedanken von meinen Augen!“ Und: 5 „Wie lange noch werden weilen in dir verderbliche Gedanken?“ Es würde auch nicht [S. 475] am Tage des Gerichtes Rechenschaft von uns gefordert werden über die Beschaffenheit derselben, wie über die der Werke, da Gott so durch Isaias droht: 6 „Siehe, ich komme, um vor mich zu rufen ihre Werke und Gedanken mit allen Völkern und Zungen.“ Ja wir könnten auch nicht verdammt werden durch ihr Zeugniß oder vertheidigt in jenem schrecklichen und furchtbaren Gerichte, während doch der Ausspruch des Apostels lautet: „Da sich gegenseitig unter sich die Gedanken anklagen oder auch vertheidigen an dem Tage, an welchem Gott die Geheimnisse der Menschen richten wird, nach meinem Evangelium.“

1: Weish. 9, 15.
2: Ps. 83, 6.
3: Matth. 9, 4.
4: Is. 1, 16.
5: Jerem. 4, 14.
6: Is. 66, 18.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger