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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Siebente Unterredung, welche die erste mit Abt Serenus ist, über die Veränderlichkeit der Seele und die bösen Geister.

26. Von der Tödtung des verführten Propheten und der Krankheit des Abtes Paulus, die er zu seiner Besserung bekam.

Das sehen wir genau erfüllt an jenem Propheten und Gottesmanne im dritten Buche der Könige, der wegen einer einzigen Sünde des Ungehorsams, die er nicht einmal absichtlich und mit Schuld des eigenen Willens, sondern durch die Täuschung eines Andern beging, sogleich von einem Löwen getödtet wurde, was die hl. Schrift mit Folgendem erzählt: 1 „Das ist der Mann Gottes, der dem Worte des Herrn ungehorsam war, und der Herr gab ihn einem Löwen preis, der ihn tödtete nach dem Worte, das der Herr gesprochen.“ In diesem Ereigniß sehen wir die Tilgung des gegenwärtigen Vergehens und des unvorsichtigen Irrthums, sowie die Verdienste der Gerechtigkeit, für welche der Herr seinen Propheten nur zeitlich dem Peiniger überließ, aus der Entsagung und Enthaltsamkeit des Räubers selbst, weil die so gefräßige Bestie durchaus Nichts von dem ihr preisgegebenen Leichnam zu nehmen wagt. Für dieselbe Sache ist auch in unsern Zeiten ein genügend deutlicher und klarer Beweis geliefert an dem Abt Paulus und Moses, der einen Ort dieser Wüste, Namens Calamus, bewohnte. Der erstere nemlich weilte in der Wüste, die bei der Stadt Panephysus liegt. Wir wissen, daß diese Einöde einst durch eine Überfluthung von Salzwasser entstanden ist, das, so oft der Nordwind wehte, aus dem See aufgewirbelt und über die anliegenden Ländereien hingejagt wurde und so [S. 499] die ganze Oberfläche jener Gegend bedeckte, daß es die dortigen alten Dörfer, die einst aus derselben Ursache von allen Bewohnern verlassen worden waren, wie Inseln erscheinen ließ. Hier also war der Abt Paulus in der Ruhe der Einsamkeit und im Stillschweigen zu einer solchen Reinheit des Herzens fortgeschritten, daß er seinem Blicke, ich will nicht sagen kein weibliches Angesicht, sondern nicht einmal die Kleider dieses Geschlechtes begegnen ließ. Denn als ihm auf dem Wege zur Zelle eines Vaters zugleich mit dem Abte Archebius, einem Bewohner derselben Einöde, zufällig eine Frau begegnete, da lief er im Schrecken über diese Begegnung. ausser Acht lassend die Obliegenheit des liebevollen Besuches, die er auf sich genommen, mit solcher Eile wieder in sein Kloster zurück, wie Keiner vor einem Löwen oder dem grausamsten Drachen fliehen würde, so daß er nicht einmal durch das Rufen und Bitten des erwähnten Abtes Archebius, der ihn zurückrief, bewegt wurde, zum Besuche des Greises, wie sie sich vorgenommen hatten, auf dem begonnenen Wege fortzufahren. Obwohl Dieß aus Eifer für die Keuschheit und in brennender Liebe zur Reinheit geschehen ist, so wurde doch, weil es nicht der Erkenntniß gemäß geschah, die geregelte Verhaltungsweise und das Maß der rechten Unterscheidung überschritten; denn er hielt ja nicht nur die Vertraulichkeit mit Frauen, die wahrhaft schädlich ist, sondern auch schon die Gestalt dieses Geschlechtes für verabscheuungswürdig. So wurde er denn gleich von einer solchen Züchtigung getroffen, daß sein ganzer Körper in der Krankheit der Gicht sich auflöste und keines seiner Glieder mehr vollständig seine Verrichtungen zu erfüllen vermochte. Nicht nur die Füße nemlich und die Hände, sondern auch die Bewegungen der Zunge, wodurch die Worte ausgesprochen werden, und selbst die Ohren verloren so sehr das Gefühl, daß an ihm von dem Menschen nichts Anderes mehr übrig blieb, als eine unbewegliche und gefühllose Figur. Es kam so weit, daß ihm die sorgfältigste Bedienung der Männer nicht mehr hingereicht hätte, wenn ihm nicht weiblicher Eifer zu Hilfe [S. 499] gekommen wäre. Denn nachdem er in ein Kloster heiliger Jungfrauen gebracht worden war, wurde ihm Speise und Trank, die er nicht einmal mit einem Winke verlangen konnte, durch weibliche Bedienung beigebracht und half ihm dieselbe Sorgfalt zur Befriedigung aller Bedürfnisse seiner Natur durch fast vier Jahre, d. i. bis zu seinem Lebensende. Obwohl er nun durch eine solche Schwäche aller Glieder gelähmt war, daß keines eine lebendige und merkliche Bewegung behielt, so ging doch eine solche Gnade aus seinen Tugenden hervor, daß, wenn Kranke mit dem Öle gesalbt wurden, das er, ich will eher sagen mit seinem Leichnam als mit seinem Körper, berührt hatte, sie sogleich von allen Krankheiten geheilt wurden, so daß in Betreff seines Zustandes selbst den Ungläubigen klar und deutlich einleuchtete, daß die Schwäche aller Glieder durch die liebevolle Anordnung Gottes verhängt sei, und daß die Gnade der Krankenheilung ihm durch die Kraft des hl. Geistes verliehen werde zum Beweis seiner Reinheit und zur Offenbarung seiner Verdienste.

1: III. Kön. 13, 26.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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