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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechste Unterredung, welche die des Abtes Theodor über den Mord der Heiligen ist.

10. Von der Tugend des vollkommenen Mannes, der bildlich doppelrechthändig genannt wird.

Diese sind es also, welche bildlich in den hl. Schriften ἀμφοτεροδέξιοι, d. h. doppelrechthändig genannt werden, wie jener Aoth im Buche der Richter 1 geschildert wird, der beide Hände gebrauchte wie die rechte. Diese Tüchtigkeit werden auch wir in geistiger Weise besitzen können, wenn wir Das, was günstig ist und für rechtsliegend gehalten wird, und Das, was ungünstig ist und linksliegend genannt wird, durch guten und gerechten Gebrauch nach rechts gehörend machen, so daß, was immer uns angethan wird, nach dem Apostel uns zu Waffen der Gerechtigkeit werde.

[S. 455] Wir sehen nemlich, daß unser innerer Mensch aus zwei Theilen und ich möchte sagen mit zwei Händen bestehe, und kein Heiliger kann die genannte linke Hand entbehren, sondern daran erkennt man die vollkommene Tugend, daß sie beide durch guten Gebrauch zur Rechten macht. Und damit das Gesagte deutlicher verstanden werden möge, so hat der heilige Mann eine rechte Hand, nemlich die geistlichen Erfolge, was dann sein Zustand ist, wenn er glühend im Geiste die Wünsche und Begierden alle beherrscht; wann er, vor aller teuflischen Anfechtung sicher, ohne jede Mühe und Schwierigkeit die Laster des Fleisches entweder verachtet oder vernichtet, da er erhaben über die Erde alles Gegenwärtige und Irdische wie eitlen Rauch und leeren Schatten ansieht und als bald vergehend verachtet; da er ferner das Zukünftige in der Entzückung des Geistes nicht nur auf’s Heißeste begehrt, sondern auch klarer schaut; da er kräftiger durch geistige Beschauungen genährt wird, da er klarer die ihm erschlossenen himmlischen Geheimnisse schaut, seine Gebete reiner und kräftiger zu Gott aufsendet und so in der Glut des Geistes zu dem Unsichtbaren und Ewigen mit ganzer Seelenfrische sich hinüberhebt, so daß er gar nicht mehr im Fleische zu sein glaubt. Er hat aber ebenso auch seine linke Seite, wenn er in die Wirbel der Versuchungen hineingezogen wird, wenn er für fleischliche Begierden in der Glut flammender Reize entbrennt, zur Zorneswuth durch das Feuer der Aufregung erglüht, wenn er getrieben wird von der Überhebung des Stolzes und der Ruhmsucht oder durch die den Tod wirkende Traurigkeit niedergedrückt wird, wenn er durch die Künste und Anfechtungen der Verdrossenheit erschüttert wird und alles geistigen Feuers beraubt in Lauheit und unvernünftiger Trauer dahinwelkt, so daß er nicht nur der richtigen und eifrigen Gedanken beraubt wird, sondern auch der Psalm, das Gebet, die Lesung, die Einsamkeit der Zelle ihn gleichmäßig abstoßen und alle Tugendmittel in einem gewissen unerträglichen, düstern Ekel ihm abscheulich vorkommen. Wenn ein Mönch von Derartigem betroffen ist, so wisse [S. 456] er, daß er von der linken Seite bedrängt werde. Wer immer also in Dem, was zur rechten Seite gerechnet wurde, sich nicht mit eitlem Ruhme überhob und in dem, was links liegt, männlich kämpfte und nicht in Verzweiflung zusammenbrach, sondern vielmehr aus den Gegensätzen sich Waffen der Geduld für die Übung der Tugend nahm, der wird beide Hände gebrauchen wie die rechte und in beiden Kämpfen als Triumphator sowohl über dem Zustand links als den rechts die Siegespalme erlangen. Diese hat, wie wir lesen, der fromme Job verdient, der gewiß die Krone der rechten Seite trug, als er ein Vater von sieben Söhnen reich und mächtig einherschritt und täglich für ihre Reinigung dem Herrn Opfer brachte, da er sie lieber in Gottes Schutz und Freundschaft wissen wollte, als in der seinen. Damals stand seine Thüre jedem Ankommenden offen, da war er der Faß der Lahmen und das Auge der Blinden, da wurden die Schultern der Kranken von den Fellen seiner Schafe warm, und er war der Vater der Waisen und der Mann der Wittwen und freute sich nicht einmal im Herzen über seines Feindes Unglück. Und gerade dieser triumphirte wieder durch das ihm zu Theil gewordene Linke in höherer Tugend über das Unglück, da er, seiner sieben Söhne in einem Augenblicke beraubt, nicht wie ein Vater in bitterer Trauer sich verzehrte, sondern wie ein wahrer Diener Gottes an dem Willen seines Schöpfers sich freute. Da wurde er aus einem Reichen der Ärmste, entblößt statt besitzend, aussätzig statt gesund, aus einem angesehenen und berühmten Manne wurde er ein unbedeutender und verachteter und bewahrte dennoch unverletzt den Starkmuth seines Herzens. Endlich wohnte er alles Vermögens und aller Hilfsmittel beraubt auf dem Düngerhaufen und schabte wie der grausamste Henker des eigenen Leibes den herumfließenden Eiter mit der Scherbe hinweg und zog aus jedem Theile seiner Glieder Würmerballen, indem er mit den Fingern in die tiefen Wunden grub. In allem Dem fiel er in keine Verzweiflung und Gotteslästerung, noch murrte er in Etwas gegen seinen Schöpfer, ja er war [S. 457] so wenig durch die Last und Bitterkeit der Prüfungen erschüttert, daß er selbst das seinem Körper aus dem frühern Vermögen noch übrige Gewand, das allein, weil er damit bekleidet war, von der Verwüstung des Teufels hatte gerettet werden können, zerriß und wegwarf und so zu der Blöße, die ihm der grausame Räuber angethan hatte, auch noch die freiwillige fügte. Auch das Haupthaar, das allein von den Resten der frühern Herrlichkeit unberührt übrig geblieben war, schnitt er ab und warf es seinem Verfolger hin, und indem er so vernichtete, was der wüthende Feind verschont hatte, frohlockte und höhnte er wider ihn mit jenen himmlischen Worten: „Wenn wir das Gute empfangen haben aus der Hand des Herrn, warum sollen wir das Böse nicht ertragen? Nackt bin ich aus meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich dahin zurückkehren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; wie es dem Herrn gefiel, so geschah es; gepriesen sei der Name des Herrn.“ Einen Doppelhänder dürfte ich mit Recht auch Joseph nennen, der im Glücke so werth dem Vater, so treu den Brüdern, so angenehm bei Gott war; im Unglücke keusch, seinem Herrn treu, in den Fesseln des Kerkers voll Sanftmuth, uneingedenk der Beleidigungen, wohlthätig gegen Feinde, gegen seine neidischen und, so viel auf sie ankam, sogar mörderischen Brüder nicht nur liebevoll, sondern sogar freigebig. Diese also und alle Ähnlichen werden mit Recht Doppelrechthändige genannt; denn sie gebrauchen beide Hände wie die rechte und zwischen dem vom Apostel Aufgezählten mitten hindurchgehend sagen sie gleichfalls „Durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken &c.“ Von diesem Rechts und Links spricht aus dem Munde der Braut Salomon im hohen Liede wie folgt: „Seine Linke ist unter meinem Haupte, und seine Rechte hält mich umfangen.“ Obwohl sie beide als nützlich bezeichnet, so setzt sie doch jene unter das Haupt, weil die widrigen Dinge dem Herrschenden im Herzen Unterthan sein müssen. Sie sind nämlich nur dazu nütze, daß sie uns eine Zeit lang üben und zum Heile unterrichten und [S. 458] in der Geduld uns vollkommen machen; die Rechte aber soll, wie sie wünscht, zu ihrem Wohle und ihrer ewigen Erhaltung in der heilsamen Umarmung des Bräutigams mit ihr verbunden sein und sie unauflöslich umschlingen. — So werden dann auch wir doppelrechthändig sein, wenn uns der Besitz oder Mangel der gegenwärtigen Dinge nicht ändert und weder jener uns zu den Lüsten einer schädlichen Erschlaffung treibt noch dieser uns zur Verzweiflung und Klage hinreißt; sondern wenn wir in Beidem Gott gleichmäßig dankend die gleiche Frucht sowohl aus günstiger, wie aus ungünstiger Lage ziehen. Als einen solch’ wahren Doppelrechthänder bezeugt sich uns der Völkerlehrer, indem er sagt: „Ich habe gelernt, mich mit dem zu begnügen, was für mich da ist; ich weiß gedemüthigt zu werden und weiß Überfluß zu haben; überall und in Atem bin ich eingeübt: in Sättigung und Hunger, in Überfluß und Mangel leiden; Alles vermag ich in Dem, der mich stärkt.“ 2

1: Richt. 3, 15.
2: Philipp. 4, 11—13.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger