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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechste Unterredung, welche die des Abtes Theodor über den Mord der Heiligen ist.

9. Das Beispiel des frommen, vom Teufel versuchten Job und des von Judas verrathenen Herrn; und daß dem Gerechten sowohl Glück als Unglück zum Heile gereiche.

Hat doch auch die Geduld des Job nicht dem Teufel Lohn gebracht, der ihn durch seine Versuchungen nur herrlicher machte, sondern eben Jenem, der dieselben männlich ertrug; und auch dem Judas wird nicht die Befreiung von der ewigen Todesstrafe zu Theil werden, weil sein Verrath zum Heile des menschlichen Geschlechtes ausschlug. Denn man muß nicht auf den Erfolg eines Werkes sehen, sondern auf die Absicht des Handelnden. Wir müssen also diese Lehrbestimmung unveränderlich in uns bewahren, daß Keinem von einem Andern ein Übel zugefügt werden kann, wenn er es sich nicht selbst durch die Trägheit seines Herzens und seine Kleinmuth zuzieht; und ebendieselbe Lehre bestätigt der hl. Apostel in einem Verse: 1 „Wir wissen [S. 453] aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten helfen;“ denn indem er sagt, „alle Dinge verhelfen zum Besten,“ begreift er darunter in gleicher Weise Alles, nicht nur was man für günstig, sondern auch was man für widrig hält. Das hat der hl. Apostel auch Alles selbst durchgemacht, wie er an einer andern Stelle beschreibt, indem er sagt: 2 „Durch die Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken,“ d. i. „durch Ehre und Unehre, durch Verlästerung und guten Ruf, als Verführer und doch wahrhaftig, wie traurig und doch voll Freude, wie Dürftige, Viele aber bereichernd &c.“ Also Alles, was man für günstig hält und auf die rechte Seite zählt, der Apostel aber mit den Worten Ehre und guten Ruf bezeichnet, — sowie auch Das, was man für widrig hält, wie es der Apostel durch Unehre und Verlästerung deutlich ausdrückt und auf die linke Seite stellt, — all Das, wird dem vollkommenen Manne zur Waffe der Gerechtigkeit, wenn er das ihm Zugefügte großherzig erträgt, weil er nemlich mittelst dieser Dinge kämpft und sie, die ihn angreifen sollten, als Waffen gebraucht. So ist er gerade durch dieselben wie mit Bogen und Schwert und starkem Schild gegen Jene, die sie ihm anthun, geschützt, schreitet fort in Geduld und Tugend, erreicht durch die Waffen des Feindes den herrlichsten Triumph der Standhaftigkeit gerade in dem, was ihm zu seiner Vernichtung angethan war, und wird weder durch das Glück übermüthig noch durch Unglück niedergeschlagen, sondern geht immer auf ebenem Boden und königlichem Wege einher. Er wird von diesem Zustande der Ruhe keineswegs weder durch überraschende Freude gleichsam zur Rechten abgewendet noch durch die hereinbrechenden Übel oder die Macht der Traurigkeit wieder zur Linken getrieben. Denn „vielen Frieden haben, die deinen Namen lieben, und für sie gibt es keinen Anstoß.“ 3 Von Jenen [S. 454] aber, welche durch alle vorkommenden Zufälle nach ihrer veränderlichen Beschaffenheit umgestimmt werden, heißt es: 4 „Der Thor aber ändert sich wie der Mond.“ Denn wie von den Vollkommenen und Weisen gesagt wird: „Den Gottliebenden hilft Alles zum Besten,“ so wird von den Schwachen und Thörichten erklärt: „Alles ist entgegen einem thörichten Manne;“ denn er zieht aus glücklichen Verhältnissen keinen Gewinn und wird durch unglückliche nicht gebessert. Es ist ja Sache ein und derselben Tugend, Trauriges mit Starkmuth zu ertragen und sich im Glücke zu mäßigen, so daß ganz gewiß Derjenige, der in einem dieser beiden Stücke überwunden wird, keinem von beiden gewachsen ist. Leichter aber kann Einer unterliegen im Glück als im Unglück. Denn dieses hält Manche selbst wider ihren Willen zurück und demüthigt sie und läßt sie in heilsamer Zerknirschung entweder weniger sündigen oder bessert sie; jenes aber macht den Geist durch weichliche und gefährliche Schmeicheleien übermüthig und wirft dann die durch ihre glücklichen Erfolge sicher Gemachten in schwererem Sturze nieder.

1: Röm. 8, 28.
2: II. Kor. 6, 7 ff.
3: Ps. 118, 165. In der Vulgata: legem tuam statt nomen tuum.
4: Sirach 27, 12.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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