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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechste Unterredung, welche die des Abtes Theodor über den Mord der Heiligen ist.

6. Antwort auf die vorgelegte Frage.

Zuweilen pflegt die göttliche Schrift in freiem Gebrauch das Wort Übel statt „Trübsale“ zu setzen, nicht als ob Das dann von Natur aus eigentlich Übel wären, sondern weil sie von denen als Übel gefühlt werden, welchen [S. 450] sie zu ihrem Heile zugefügt werden. Denn wenn das göttliche Urtheil mit Menschen verhandelt, so muß es sich nothwendig mit menschlichen Worten und menschlicher Gefühlsweise entsprechend ausdrücken. Denn das heilsame Schneiden oder Brennen, welches bei den von faulen Geschwüren Angesteckten in bester Absicht vom Arzte angewendet wird, halten doch die Gequälten für ein Übel; und so ist weder dem Pferde der Sporn noch dem Bösewicht die bessernde Zucht angenehm. Auch alle Wissenschaften werden von denen, die unterrichtet werden, in der Gegenwart als herb empfunden, wie der Apostel sagt: 1 „Jede Schulung wird in der Gegenwart nicht als freudvoll, sondern als betrübend angesehen; nachher aber wird sie denen, die in ihr geübt wurden, eine friedevolle Frucht der Gerechtigkeit bringen;“ und: 2 „Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt jeden Sohn, den er aufnimmt.“ „Denn wer ist der Sohn, den nicht züchtigt der Vater?“ Daher pflegt oft Übel statt Trübsal zu stehen, wie z. B.: 3 „Und es ergriff Gott Reue wegen des Übels, das er ihnen anthun zu wollen gesagt hatte, und er that es nicht;“ und wieder: 4 „Denn du, Herr, bist gnädig und barmherzig, bist langmüthig und von großem Erbarmen, und es reuen dich die Übel,“ d. h. die Trübsale und Plagen, welche du uns wegen der Mißverdienste unserer Sünden anzuthun genöthigt wirst. Da ein anderer Prophet wußte, wie heilsam diese Einigen seien, so betete er, wahrlich nicht aus Mißgunst, sondern aus Sorge für ihr Heil: „Mehre ihnen die Übel, o Herr, mehre die Übel den Herrlichen der Erde!“ Und der Herr selbst sagt: 5 „Siehe, ich lasse hereinbrechen über sie Übles,“ d. i. Schmerzen, Verluste, wodurch sie in der Gegenwart heilsam gezüchtigt gezwungen werden sollen, zu mir, den sie im Glücke verachteten, endlich mit Eifer zurückzukehren. Deßhalb können wir nicht lehren, daß Dieß Hauptübel seien, [S. 451] denn sie gereichen Vielen zum Heile und erzeugen die Ursachen ewiger Freuden. Damit wir also auf die vorgelegte Frage zurückkommen, so ist Alles, was uns als vermeintliches Übel von Feinden oder irgend welchen Andern zugefügt wird, nicht für Böses zu halten, sondern für Mittleres. Denn es wird sich nicht als Das zeigen, wofür es Jener hielt, der es mit rasendem Gemüthe uns anthat, sondern wie es Jener beurtheilte, der es ertrug. Wenn also einem heiligen Manne der Tod angethan wurde, so darf man nicht glauben, daß ihm ein Übel zugefügt worden sei, sondern etwas von dem in der Mitte Liegenden. Während Dieß dem Sünder ein Übel ist, wird es für den Gerechten die Ruhe und Befreiung vom Übel. Denn der Tod ist wirklich für den Gerechten, dessen Leben verborgen ist, eine Ruhe. Deßhalb erduldet der gerechte Mann durch denselben auch keinen Nachtheil, wie er nichts neu Erfundenes duldet, sondern was ihm mit Naturnotwendigkeit doch noch begegnet wäre, das nimmt er jetzt durch die Bosheit des Feindes nicht ohne Gewinn für’s ewige Leben hin und bezahlt die Schuld des menschlichen Todes, die nach einem ausnahmslosen Gesetz zu erstatten ist, während er eine reiche Frucht des Leidens ärntet und den Lohn einer großen Vergeltung.

1: Hebr. 12, 11.
2: Ebend. 12, 6; Sprüchw. 3, 12.
3: Jerem. 26, 13.
4: Joel 2, 13.
5: Jerem. 11, 11.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger