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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechste Unterredung, welche die des Abtes Theodor über den Mord der Heiligen ist.

14. Antwort auf die vorgelegte Frage.

Theodor: Es ist nach dem Apostel nothwendig, daß einer sich erneue im Innern des Geistes und jeden Tag fortschreite, immer gespannt auf Das hin, was vor ihm liegt; oder wenn einer Das vernachlässigt, so muß er folgerichtig rückwärts gehen und in schlechtern Zustand verfallen. Deßhalb kann der Geist keineswegs in einem und demselben Zustande verharren. So wenn Einer seinen Kahn mit [S. 465] gewaltigem Ruderschlage gegen die Wasser des Stromes zwingen will, muß er nothwendig entweder mit der Kraft den Andrang des strömenden Flußes durchschneiden und aufwärts dringen oder mit schlaffen Händen abwärts, wie es der Strömung beliebt, gerissen werden. Es wäre also das ein augenscheinliches Zeichen unserer Verschlimmerung, wenn wir sehen würden, daß wir in Nichts weiter gekommen seien, und wir dürften nicht zweifeln, daß wir durchweg zurückgekommen seien, wenn wir an einem Tage keinen Fortschritt zum Höhern fühlen; denn wie gesagt, der Geist des Menschen kann weder in demselben Zustande beständig bleiben, noch wird irgend Einer der Heiligen in diesem Fleischesleben den Gipfel der Vollkommenheit so inne haben, daß er unbeweglich verharre. Denn es muß ihnen nothwendig immer Etwas zugefügt oder genommen werden und in keiner Kreatur kann eine solche Vollkommenheit sein, die nicht nöthig hätte, Veränderung zu erleiden, gerade wie wir im Buche Job lesen: 1 „Was ist der Mensch, daß er fleckenlos sei und gerecht erscheine, er, der vom Weibe Geborene? Siehe, unter seinen Heiligen ist Keiner unveränderlich und die Himmel sind nicht rein vor seinem Angesicht.“ Gott allein nemlich bekennen wir als unveränderlich, den allein auch deßhalb das Gebet jenes heiligen Propheten so anredet: 2 „Du aber bist ebenderselbe.“ Und Gott selbst sagt von sich: 3 „Gott bin ich und ändere mich nicht;“ weil nämlich er allein immer von Natur aus gut ist, immer in aller Fülle, immer vollkommen, dem niemals weder Etwas zugefügt werden noch genommen werden kann. Darum müssen wir uns zum Tugendstreben mit nie nachlassender Sorge und Sorgfalt anspannen und uns beständig mit diesen Übungen beschäftigen, damit nicht mit dem aufhörenden Fortschritt sogleich der Verlust eintrete. Denn wie wir gesagt haben, in einem und demselben Zustande kann der Geist nicht bleiben, so daß er weder eine Vermehrung [S. 466] der Tugenden erreiche, noch Nachtheile erleide. So beißt Nichts erworben haben, für ihn: Verloren haben, weil der aufhörende Drang fortzuschreiten nicht ferne ist von der Gefahr zurückzugehen.

1: Job 15. 14.
2: Ps. 101, 28.
3: Malach. 3, 6.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger