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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Sechste Unterredung, welche die des Abtes Theodor über den Mord der Heiligen ist.

11. Von der doppelten Gattung von Prüfungen, welche auf dreifache Weise uns zugehen.

Obwohl wir also gesagt haben, daß die Prüfung doppelt sei, nemlich in Glück und Unglück, so muß man doch wissen, daß alle Menschen aus dreifachem Grunde versucht werden: meist zur Prüfung, oft zur Besserung, dann auch zur Strafe der Schuld. Zur Erprobung nun haben der fromme Abraham, Job und viele Heilige unzählige Prüfungen, wie wir lesen, erduldet. Auch gehört hieher, was im Deuteronomium zum Volke Israel durch Moses gesagt wird: 1 „Du wirst gedenken dieses ganzen Zuges, in welchem der Herr dein Gott dich vierzig Jahre durch die Wüste führte, damit er dich züchtige und Prüfe, und damit offenbar werde, was in deinem Herzen wohnt, ob du hältst seine Gebote oder nicht;“ ferner Das, was im Psalm steht: [S. 459] „Ich prüfte dich bei dem Wasser des Widerspruches.“ Auch zu Job ist gesagt: „Oder glaubst du, daß ich anders zu dir gesprochen, als daß du gerecht erscheinest?“ — Zur Besserung aber ist es, wenn der Herr seine Gerechten für gewisse kleine und leichte Fehler oder für den Dünkel wegen ihrer Reinheit demüthigt und sie verschiedenen Versuchungen überläßt, damit er allen Schmutz der Gedanken und, um mit den Worten des Propheten zu sprechen 2 die Schlacken, die er in ihrem Innersten zusammengewachsen sieht, im gegenwärtigen Leben ausbrenne und so gleichsam nur das reine Gold dem künftigen Gerichte überlasse. So läßt er in ihnen Nichts zurückbleiben, was er in Zukunft untersuchen und der Reinigung mit der Strafpein des Gerichtsfeuers bedürftig finden müßte, nach jener Stelle: 3 „Viele sind die Trübsale der Gerechten,“ und: 4 „Mein Sohn! Vernachlässige nicht die Zucht des Herrn, und sei nicht verdrossen, wenn du von ihm getadelt wirft; denn wen der Herr liebt, den züchtigt er, und er geißelt jeden Sohn, den er aufnimmt; denn wo ist der Sohn, den nicht züchtigt der Vater? Wenn ihr also von der Zucht ausgeschlossen seid, derer doch Alle theilhaft wurden, so seid ihr Bastarde und nicht Söhne.“ In der Apokalypse heißt es: 5 „Ich überführe und züchtige, die ich liebe.“ An Diese richtet sich auch unter dem Bilde Jerusalems das Wort durch den Propheten Jeremias, wie aus dem Munde Gottes: 6 „Denn ich werde ein Ende machen mit den Völkern allen, unter welche ich dich zerstreut habe; mit dir aber mache ich kein Ende. sondern ich züchtige dich nach Recht, damit du dir nicht schuldlos scheinest.“ Um diese heilsame Besserung bittet David mit den Worten: 7 „Prüfe mich, o Herr, und versuche mich; durchbrenne meine Nieren und mein Herz!“ Auch Jeremias sah den Nutzen dieser Prüfung ein und sagte: 8 „Züchtige mich, o Herr, aber nach Rechtsspruch, [S. 460] nicht in deinem Zorn!“ Und wieder: 9 „Ich preise dich, o Herr, daß du mir gezürnt hast; es wandte sich dein Zorn, und du hast mich getröstet.“ Für Sündenschuld aber wird die reinigende Strafe verdangt, wie dort, wo der Herr droht, dem Volke Israel Plagen zu senden, und spricht: 10 „Senden werde ich gegen sie die Zähne der wilden Thiere, die mit Wuth hinziehen über die Erde; aber vergebens schlug ich eure Söhne, Zucht habt ihr nicht angenommen.“ In den Psalmen heißt es: „Viele Geißeln treffen die Sünder,“ und im Evangelium: 11 „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nun nicht mehr, damit dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“ Wir finden übrigens auch einen vierten Grund, aus welchem, wie wir durch die Autorität der heiligen Schrift erkennen, Einigen gewisse Leiden zugehen nur zur Offenbarung der Ehre und der Werke Gottes, nach jener Stelle im Evangelium: 12 „Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollten die Werke Gottes an ihm offenbar werden.“ Und wieder: 13 „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde.“ Es gibt aber auch noch andere Arten von Strafen, mit welchen Diejenigen für die Gegenwart geschlagen werden, welche den Gipfel der Bosheit überstiegen haben, wie wir lesen, daß Dathan und Abiron und Chore verurtheilt wurden 14 und besonders Jene, von denen der Apostel sagt: 15 „Deßhalb überließ sie Gott schmachvollen Leidenschaften und einem verworfenen Sinn,“ was man für ärger halten muß als die übrigen Strafen. Denn von diesen sagt der Psalmist: 16 „In den Mühen der Menschen sind sie nicht und werden nicht mit den Menschen gegeißelt.“ Denn sie verdienen nicht, gerettet zu werden durch die Heimsuchung des Herrn, und nicht, durch zeitliche Plagen ein Heilmittel zu erlangen; [S. 461] sie haben in Verzweiflung sich der Schamlosigkeit überliefert, zur Ausübung jeden Irrthums, zur Unreinigkeit — und sie überschreiten durch die Verhärtung ihres Herzens, durch die Gewohnheit und Menge ihrer Verbrechen die kurze Reinigung dieser Zeit und die Strafe des gegenwärtigen Lebens. Diesen macht auch das Wort Gottes durch den Propheten Vorwürfe: 17 „Ich zerstörte euch, wie Gott zerstört hat Sodom und Gomorrha, und ihr seid geworden wie ein Brandscheit, gerissen aus dem Feuer, und nicht einmal so seid ihr zu mir zurückgekehrt, spricht der Herr.“ Und Jeremias: 18 „Ich tödtete und vernichtete mein Volk, und doch sind sie von ihren Wegen nicht zurückgekehrt.“ Und wieder: 19 „Du schlugst sie, und sie empfanden nicht Schmerz; du zermalmtest sie, und sie weigerten sich, Zucht anzunehmen; sie machten ihre Stirne härter als Felsen und wollten nicht umkehren.“ Da der Prophet sieht, daß für ihre Heilung alle Mittel dieser Zeit vergebens angewendet seien, ruft er, gewissermaßen an ihrem Heile verzweifelnd, aus: 20 „Es erschöpft sich das Gebläse am Feuer, vergebens arbeitet der Blasbalg; denn eure Bosheit wird nicht verzehrt; verworfenes Silber nennet sie, weil der Herr sie verworfen hat.“ Diese heilsame Feuerreinigung gegen Solche, die im Laster verhärtet sind, vergeblich angewendet zu haben, darüber beklagt sich der Herr, an Jerusalem sich richtend, das ganz verfestigt war im tiefen Roste der Sünden: 21 „Setze den leeren ehernen Topf über die Kohlen, damit er heiß werde und sein Erz schmelze, und damit zergehe seine Befleckung in seiner Mitte. — Mit vieler Mühe ward gearbeitet, und nicht ging ab von ihm der überviele Rost, und nicht einmal durch Feuer ist zerstörbar deine Unreinigkeit, da ich dich reinigen wollte, und du bist nicht gereinigt worden von deinem Schmutz.“ Nachdem nun der Herr wie der erfahrenste [S. 462] Arzt alle Heilungsarten erwogen und gesehen hatte, daß keine Gattung von Mitteln mehr für die Krankheit derselben angewendet werden könne, da wurde er gleichsam von der Größe der Bosheit überwunden und gereizt, von seiner milden Züchtigung abzulassen, was er ankündigt mit den Worten: 22 „Von nun an werde ich dir nicht mehr zürnen, und mein Eifer ließ ab von dir.“ Von Andern aber, deren Herz nicht durch die Menge der Sünden verhärtet ist, und die nicht dieser strengsten und so zu sagen äzenden Feuerheilung bedürfen. sondern denen die heilsame Belehrung durch Worte zum Heile ausreicht, heißt es: 23 „Ich werde sie bessern, wenn sie hören von Trübsal für sie.“ Wir kennen recht wohl auch andere Ursachen der Strafe und Vergeltung, welche über die schwersten Verbrecher verhängt werden nicht zur Sühne ihrer Missethaten noch auch zur Tilgung der Sündenschuld, sondern zur Besserung und Einschüchterung der Lebenden, was, wie wir augenscheinlich erkennen, gegen Jeroboam, den Sohn des Nabath, gegen Baasa, den Sohn des Achia, sowie gegen Achab und Jezabel geschah, worüber sich so das göttliche Strafurtheil auspricht: 24 „Siehe, ich werde Unglück über dich kommen lassen und abmähen die Neste von dir, und tödten will ich von Achab, was an die Wand pisset, den Eingeschlossenen und Letzten in Israel, und will preisgeben dein Haus wie das des Jeroboam, des Sohnes Nabath und wie das Haus des Baasa, des Sohnes Achia, weil du so gehandelt hast, daß du mich zum Zorne gereizt, und Israel machtest sündigen, und die Hunde werden fressen Jezabel auf dem Acker Jezrabel. Wenn Achab stirbt in der Stadt, werden ihn die Hunde fressen; wenn er aber auf dem Felde stirbt, werden ihn fressen die Vögel des Himmels.“ Dazu kommt, was als fürchterliche Drohung ausgesprochen wird: 25 „Dein [S. 463] Leichnam wird nicht gebracht werden in das Grab deiner Väter;“ nicht als ob diese kurze und augenblickliche Strafe hinreichend wäre, entweder die profanen Erfindungen von Diesem, der zuerst goldene Kälber zur beständigen Untreue des Volkes und zum ruchlosen Abfall von Gott einführte, oder die so unzähligen und schändlichen gottesräuberischen Verbrechen Jener zu tilgen, sondern damit den Übrigen, welche das Zukünftige entweder gering schätzten oder gar nicht glaubten und nur durch den Anblick des Gegenwärtigen erschüttert wurden, durch das Beispiel jener Strafen, die sie fürchteten, Schrecken eingeflößt wurde, und damit sie erkennen möchten durch den Beweis dieser Strenge, es gebe bei der Majestät des höchsten Wesens keine Gleichgiltigkeit gegen die menschlichen Dinge und die tägliche Leitung derselben. So sollten sie durch Das, was sie am meisten fürchteten, klarer einsehen, daß Gott ein Vergelter sei für alle Handlungen. Wir finden aber auch, daß Einige für leichtere Schuld dasselbe Todesurtheil für die Gegenwart erhielten, welches Jene traf, die, wie wir vorher gesagt, die Urheber der gottesräuberischen Untreue waren. So geschah Jenem, der am Sabbat Holz gesammelt hatte; oder an Ananias und Saphira, die mit dem Fehler der Unwahrhaftigkeit Etwas von ihrem Vermögen zurückbehalten hatten; nicht als ob hier dieselbe Sündenlast gewesen wäre, sondern sie wurden bei der Anmaßung einer noch nicht dagewesenen Übertretung entdeckt und mußten nun den Übrigen, wie sie ein Beispiel der Sünde gegeben, so auch das der Strafe und des Schreckens bieten, damit, wer immer später Dasselbe zu erstreben suche, wissen möchte, daß ihm nach derselben Weise, in der Jene verurtheilt wurden, bei der Untersuchung des zukünftigen Gerichtes werde vergolten werden, wenn auch für jetzt die Strafe noch aufgeschoben würde. Weil es nun scheint, daß wir, die Gattungen der Versuchungen und Strafen durchgehend, eine Abschweifung gemacht haben von der vorgenommenen Darstellung, in der wir sagten, daß der vollkommene Mann in beiden [S. 464] Prüfungen immer unbeweglich bleiben müsse, so wollen wir nun wieder zu derselben zurückkehren.

1: Deuteron. 8, 12.
2: Is. 1, 25.
3: Ps. 33, 20.
4: Hebr. 12, 5—8.
5: Apok. 3, 19.
6: Jerem. 30, 11.
7: Ps. 25, 2.
8: Jerem. 10, 24.
9: Is. 12, 1.
10: Deuter. 32, 24.
11: Joh. 5, 14.
12: Joh. 9, 3.
13: Joh. 11, 4.
14: Num. 16.
15: Röm. 1, 24.
16: Ps. 72, 5.
17: Amos 4, 11.
18: Jerem. 15, 7.
19: Jerem. 5, 3.
20: Jerem 6, 29.
21: Ezech. 24, 11.
22: Ezech. 16, 12.
23: Oseas 7, 42. Vulgata sehr verschieden.
24: III, Kön. 21, 21.
25: III. Kön. 13, 22. Diese Drohung wurde aber nicht zu Achab gesprochen, sondern zu einem Propheten für geringere Schuld.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger