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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Fünfte Unterredung, welche die des Abtes Serapion über die acht Hauptsünden ist.

16. Über die Bedeutung der sieben Völker, deren Länder Israel nahm, und warum es bald heißt, daß es sieben, bald daß es viele Völker waren.

Es sind das die sieben Völker, deren Länder Gott den aus Ägypten ausgezogenen Söhnen Israels zu geben ver- [S. 431] sprach. Da nach dem Apostel Jenen Dieß alles zum Vorbilde begegnete, so müssen wir es als eine für uns geschriebene Ermahnung auffassen. Denn so heißt es: 1 „Wenn dich der Herr dein Gott hineingeführt haben wird in das Land, in dessen Besitz du einziehst, und wenn er viele Völker vor deinen Augen vernichtet haben wird, den Hethäer und Gergezäer, den Amorrhäer und Chananäer, den Pherezäer und Eväer und Jebusäer, sieben Völker viel zahlreicher und stärker als du, und wenn der Herr sie dir wird preisgegeben haben, so schlage sie bis zur Vernichtung.“ Daß es nun heißt, sie seien zahlreicher, hat den Grund, daß die Laster zahlreicher sind als die Tugenden. Deßbalb werden im Verzeichniß zwar sieben Nationen aufgezählt, bei der Erwähnung ihrer Besiegung aber stehen sie ohne Nennung einer Zahl, denn es heißt: Und wenn er viele Völker vernichtet haben wird &c. Denn zahlreicher als Israel ist das Volk der fleischlichen Leidenschaften, welches aus diesem siebenfachen Zündstoff und Keim der Laster hervorgeht. Denn daraus entstehen Mord, Streit, Spaltungen, Diebstähle, falsche Zeugnisse, Gotteslästerungen, Schmausereien, Trunkenheit, Verläumdungen, Spielereien, schändliche Reden, Lügen, Meineide, thörichtes Geschwätz, Leichtfertigkeit, Unruhe, Raubsucht, Bitterkeit, Geschrei, Unwille, Verachtung, Murren, Versuchung, Verzweiflung und viele andere, deren Aufzählung zu lange wäre. Da diese von uns für leicht gehalten werden, so hören wir, was der Apostel von ihnen denke, oder was für ein Urtheil er über sie fälle: 2 „Murret nicht“, sagt er, „wie Einige von Jenen murrten und durch den Verderber 3 umkamen;“ und von der Versuchung: 4 „Lasset uns nicht Christum versuchen, wie Einige von ihnen versucht haben und durch Schlangen umkamen;“ von der Verläumdung: „Liebe nicht die Verläumdung, da- [S. 432] mit du nicht umkommest;“ und von der Verzweiflung: 5 „Die in der Verzweiflung sich der Unzucht ergaben zur Ausübung jeder Verkehrtheit, zur Unreinigkeit.“ Daß aber Zankgeschrei, wie Zorn, Unwille und Gotteslästerung verdammt werde, lehrt uns ganz klar derselbe Apostel, da er so befiehlt: 6 „Jede Bitterkeit, Zorn und Unwille, Zankgeschrei und Gotteslästerung werde entfernt von euch wie alle Bosheit.“ Und dergleichen mehr. Obwohl nun die Laster viel zahlreicher sind als die Tugenden, so werden doch nach Besiegung jener acht hauptsächlichsten, aus deren Natur sie, wie sicher ist, hervorgehen, sogleich alle ruhig und werden zugleich mit diesen in ewiger Vernichtung ausgerottet. Denn von der Gastrimargie entstehen Schmausereien und Trunkenheit; von der Unzucht: Schandreden und Possen, Spielerei und thörichtes Geschwätz; von der Geldsucht: Lüge, Betrug, Diebstahl, Meineid, Verlangen nach schmutzigem Gewinn, falsche Zeugnisse, Gewalt, Unmenschlichkeit und Raubsucht. Vom Zorn entstehen: Mord, Polterei, Erbitterung; von der Traurigkeit: Herbheit, Kleinmuth, Bitterkeit, Verzweiflung; von der Acedie: Trägheit, Schläfrigkeit, Unaufgelegtheit, Unruhe, Herumschweifen, Unstätigkeit des Geistes und Körpers, Geschwätzigkeit, Neugier; von der Ehrsucht: Streit, Spaltung, Prahlerei und anmaßende Neuerungssucht; vom Hochmuth: Verachtung, Neid, Ungehorsam, Gotteslästerung, Murren, Verläumdung. Daß aber diese Pestkrankheiten auch stärker sind, fühlen wir deutlich bei der Anfechtung in unserer Natur selbst. Denn kräftiger kämpft in unsern Gliedern die Lust der fleischlichen Leidenschaften oder Laster, als das Streben nach den Tugenden, die nur durch die größte Anstrengung des Herzens und des Körpers erlangt werden. Schauen wir nun noch mit unsern geistigen Augen auf jene unzählbaren Schaaren von Feinden, die der Apostel anführt mit den Worten: 7 „Wir haben nicht einen Kampf gegen Fleisch und Blut, [S. 433] sondern gegen die Herrschaften und Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsterniß, gegen die Geister der Bosheit in den Himmelsräumen.“ Davon handelt auch jene Stelle über den Gerechten, die im neunzigsten Psalme steht: „Es werden fallen dir zur Seite Tausend und Zehntausend zu deiner Rechten.“ Nun wirst du klar einsehen, daß sie viel größer sind an Zahl und Kraft als wir, die wir fleischlich sind und irdisch, während jenen eine geistige und luftähnliche Substanz verliehen ist.

1: Deuter. 7, 1.
2: I. Kor. 10, 10.
3: Ebend. V. 9.
4: = Würgengel; die Pest, welche die gegen Moses und Aaron murrenden Israeliten schlug. S. IV. Mos. 16, 41 ff.
5: Ephes. 4, 19.
6: Ephes. 4, 31.
7: Ephes. 6, 12.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger