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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Fünfte Unterredung, welche die des Abtes Serapion über die acht Hauptsünden ist.

[S. 427] 14. Von dem Kampfe, zu dem wir uns wider die Sünden, ihrer Angriffsweise entsprechend, rüsten müssen.

Deßhalb müssen wir gegen sie den Kampf so aufnehmen, daß Jeder nach Erforschung des Lasters, das ihn am meisten angreift, gegen dieses den Hauptstreit richte, indem er alle Sorge und Sorgfalt des Geistes auf die Beobachtung und Bekämpfung desselben heftet, auf dieses mit den täglichen Pfeilen der Fasten zielt, gegen dieses jeden Augenblick das Stöhnen des Herzens und zahlreiche Geschoße der Seufzer schleudert, die Mühen des Wachens und die inneren Betrachtungen darauf verwendet, unaufhörlich sein Gebet in Thränen vor Gott ausgießt und die Überwindung der Versuchung von ihm besonders und beständig erbittet. Denn es ist unmöglich, über irgend eine Leidenschaft einen Triumph davon zu tragen, ehe man eingesehen hat, daß man durch eigenes Ringen und Mühen den Sieg im Kampfe nicht erlangen könne, obwohl es zur Erlangung der Reinigung nothwendig ist, Tag und Nacht in aller Sorge und allem Eifer zu verharren. Wenn sich nun Einer von dieser Leidenschaft befreit fühlt, so durchforsche er aufs Neue die Schlupfwinkel seines Herzens in gleicher Absicht und suche, welche von den Übrigen Leidenschaften sich ihm als die unheilvollere zu erkennen gebe, und erhebe gegen sie besonders alle Waffen des Geistes. So wird er immer, wenn die stärkeren überwunden sind, einen schnellen und leichten Sieg über die andern gewinnen, weil sowohl der Geist durch die fortschreitenden Triumphe stärker wird als auch der nachfolgende Streit mit den schwächern ihm ohnehin den Erfolg im Kampfe leichter macht. So geschieht es auch gewöhnlich von denen, welche vor den Königen dieser Welt aus Rücklicht auf den Lohn mit allen Arten wilder Thiere zu kämpfen pflegen, welche Art des Schauspiels man geheimhin pancarpum nennt. Diese, sage ich, nehmen gegen jene Thiere, welche sie als kampffähiger durch ihre Kraft oder als gefährlicher durch die Wuth ihrer Wildheit erkennen, [S. 428] zuerst den Zusammenstoß und Kampf auf, und wenn diese getödtet sind, werfen sie die weniger furchtbaren und wüthenden in leichterer Vernichtung nieder. So werden wir auch uns, wenn die mächtigern Laster überwunden sind und die schwächeren nachfolgen, ohne jede Gefahr einen vollkommenen Sieg verschaffen. Wir dürfen auch nicht glauben, daß Einer, welcher hauptsächlich gegen ein Laster kämpft und über die Pfeile der Andern gleichsam ohne Acht hinsieht, durch irgend einen unverhofften Schlag leichter verwundet werden könne, was gewiß nicht geschehen wird; denn es ist unmöglich, daß Jemand, der für die Reinigung seines Herzens besorgt ist und sein geistiges Streben gegen den Angriff irgend eines Lasters bewaffnet hat, nicht eine gewisse allgemeine Scheu und ähnliche Wachsamkeit auch gegen die übrigen Sünden habe. Denn wie würde Der verdienen, auch nur über jene Leidenschaft, von der er gereinigt werden will, den Sieg davonzutragen, der sich des Lohnes der Reinigung unwürdig macht durch die Befleckung mit andern Lastern? Nicht also, sondern wenn sich die Hauptmeinung unseres Herzens den besondern Kampf gegen eine Leidenschaft vorgenommen hat, so wird sie hiefür aufmerksamer beten und mit besonderer Sorgfalt und Dringlichkeit bitten, daß sie dieselbe genauer beobachten und dadurch einen schnellen Sieg erlangen möchte. Denn daß wir diese Kampfesordnung einhalten müssen, ohne jedoch auf unsere eigene Kraft zu vertrauen, das lehrt auch der Gesetzgeber mit diesen Worten: 1 „Fürchte sie nicht, weil der Herr dein Gott in deiner Mitte ist; der große und furchtbare Gott selbst wird diese Nationen vor deinen Augen vertilgen allgemach und Theil um Theil. Du wirst sie nicht zugleich vernichten können, damit nicht etwa zu viel werde wider dich das Gethier der Erde. Aber es wird sie dir preisgeben der Herr dein Gott vor deinem Angesichte und wird sie tödten, bis sie ganz vernichtet sind.“

1: Deuteron, 7. 21 ff.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Gregor Emmenegger