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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Fünfte Unterredung, welche die des Abtes Serapion über die acht Hauptsünden ist.

12. In welcher Hinsicht die Ruhmsucht nützlich sei.

In einem Falle kann jedoch die Ruhmsucht mit Nutzen von den Anfängern angenommen werden, aber nur von denen, die noch von fleischlichen Lastern gereizt werden. Möge also ein Solcher zur Zeit der Bedrängniß durch den Unzuchtsgeist sich entweder die Würde des priesterlichen Amtes vorstellen oder dieß öffentliche Meinung, in der er für heilig und unbefleckt gilt, und möge so die Stachel der unreinen Begierde als schändlich und sowohl seines Rufes als dieses Standes unwürdig wenigstens durch diese Betrachtung vermeiden, indem er ein größeres Übel durch ein kleineres zurückdrängt. Denn es ist für Jeden besser, durch den Fehler der Ruhmsucht verwundet zu werden, als in die Gluth der Unzucht zu fallen, aus der es nach dem Falle keine oder doch kaum eine Herstellung gibt. 1 Diesen Ge- [S. 425] danken hat an Gottes Statt einer der Propheten trefflich ausgedrückt, indem er sagt: „Um meinetwillen werde ich entfernen meinen Zorn, und durch mein Lob werde ich dich zügeln, daß du nicht untergehest,“ d. h. damit du durch das deiner Ehrsucht gebotene Lob ergriffen werdest und ja nicht in die Tiefe der Hölle stürzest und unwiderruflich in vollendeten Todsünden untergehest. Es ist auch nicht zu wundern, wenn dieser Leidenschaft eine solche Kraft innewohnt, daß sie Jeden, der in den Schmutz der Unzucht fallen will, im Zaume zu halten vermag, da durch die Erfahrungen Vieler gar oft erprobt worden ist, wie sie den, welchen sie einmal durch den Pesthauch ihres Giftes verdorben hat, unermüdlich macht, so daß sie ihn nicht einmal ein zwei- oder dreitägiges Fasten fühlen läßt. Das haben, wie wir wissen, auch Einige in dieser Wüste häufig bekannt, daß sie bei ihrem Aufenthalt in den Klöstern Syriens eine nur alle fünf Tage stattfindende Labung mit Brod ohne Mühe ausgehalten hatten, nun aber schon von der dritten Stunde an von solchem Hunger gequält wurden, daß sie kaum bis zur neunten das tägliche Fasten aufschieben könnten. Über diesen Punkt gab der Abt Makarius eine gute Antwort, als ihn Einer fragte, warum er in der Wüste von der dritten Stunde an schon vom Hunger gequält werde, da er doch im Kloster oft ganze Wochen die Labung verschmähte, ohne Hunger zu fühlen. „Weil hier“, sagt er, „kein Zeuge deines Fastens ist, der dich mit seinem Lob nähren und erhalten könnte; dort aber sättigte dich der Finger 2 der Menschen und die Erquickung der Ehrsucht.“ Ein Bild hievon, daß, wie gesagt, durch das Hinzukommen der Ruhmsucht die Sünde der Unzucht verdrängt werde, ist ganz schön und bezeichnend im Buche der Könige 3 darge- [S. 426] stellt, wo der heranziehende König der Assyrier, Nabuchodonosor, das von Nechar, dem König Ägyptens, gefangene Volk Israel aus Ägypten in sein Reich führte, natürlich nicht um sie in die frühere Freiheit und ihr Vaterland wieder einzusetzen, sondern um sie in sein Gebiet zu bringen, mithin weiter zu entfernen, als sie in Ägyptens Gefangenschaft gewesen waren. Dieses Bild kann auch so noch für uns zutreffen; denn obwohl es erträglicher ist, dem Laster der Ehrsucht als dem der Unzucht zu dienen, so kommt man doch härter aus der Herrschaft der Ehrsucht heraus; denn der gleichsam in weitere Ferne geführte Gefangene wird nur mit größerer Mühe in sein Vaterland und die heimathliche Freiheit zurückkehren, und mit Recht wird an ihn jener Tadel des Propheten gerichtet: 4 „Warum bist du alt geworden im fremden Land?“ Mit Recht nemlich heißt Der „alt geworden im fremden Land“, welcher sich nicht erneuert durch die Lossagung von irdischen Lastern.

Der Hochmuth hat zwei Gattungen: die erste ist fleischlich, die zweite geistig, die auch gefährlicher ist; denn sie versucht besonders Jene, die sie in Tugenden fortgeschritten findet.

1: Das ist nun wohl nicht so genau zu nehmen, da sonst der Rath weniger gut und passend wäre, nach dem Ausspruche des Apostels, man solle nicht Böses thun, um Gutes zu erzielen. Die hier geschilderte Ehrsucht braucht auch gar keine sündhafte zu sein, sondern ist an sich berechtigt und nur kein hinreichend gutes und hohes Motiv zur Meidung der Sünde.
2: Der nemlich auf dich bewundernd zeigte.
3: IV. Kön. 23, 24. 25. Weder aus diesen Kapiteln im Buche der Könige, noch aus Jeremias 42—46 ergibt sich das von Cassian hier Erzählte.
4: Baruch 3, 11.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger