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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Fünfte Unterredung, welche die des Abtes Serapion über die acht Hauptsünden ist.

11. Von dem Ursprunge und der Beschaffenheit einer jeden dieser Sünden.

Damit wir nun im Einzelnen über die Gattungen einer jeden Sünde sprechen, so gibt es drei Gattungen der Gastrimargie. Die erste, welche den Mönch drängt, zu der Labung vor der bestimmten und gesetzlichen Stunde zu eilen; die zweite, welche sich ergötzt an der Anfüllung des Leibes und dem Aufzehren aller möglichen Speisen; die dritte, welche eine zu genaue Bereitung und die größte Feinheit der Speisen verlangt. Diese drei treffen den Mönch mit keinem leichten Schaden, wenn er nicht von allen mit gleicher Anstrengung und Übung sich zu befreien sucht. Denn wie man sich die Beendigung des Fastens vor der gesetzlichen Stunde durchaus nicht herausnehmen darf, so ist auch die Anfüllung des Magens und die kostspielige und ausgesuchte Zubereitung der Speisen fernzuhalten. Werden doch aus diesen drei Ursachen verschiedene und sehr arge Krankheiten der Seele erzeugt. So entsteht aus der ersten die Abneigung gegen das Kloster, und daraus wächst der Abscheu und die Unfähigkeit, diesen Wohnort länger zu ertragen, worauf ohne Zweifel bald der Austritt oder die eiligste Flucht folgt. Die zweite Ursache weckt feurige Stachel der Ausschweifung und Lüsternheit. Die dritte schlingt auch noch um den [S. 422] Nacken der Gefangenen unlösbare Stricke der Habsucht und läßt nicht zu, daß der Mönch jemals in der vollkommenen Blöße Christi gegründet werde. Daß uns Spuren dieses Lasters innewohnen, erkennen wir auch daran als einem Zeichen, daß wir, wenn uns ein Bruder beim Essen behält, nicht zufrieden sind mit dem Geschmacke der Speisen, der ihnen von dem Anbietenden durch die Würze gegeben ist, sondern in unpassender und zügelloser Freiheit verlangen, es möge noch Etwas hinzugegossen oder beigefügt werden. Das soll durchaus nicht geschehen aus drei Ursachen: zuerst, weil der Geist des Mönches immer in voller Übung der Geduld und Entsagung sein soll und nach dem Apostel 1 lernen soll, zufrieden zu sein mit Dem, was da ist; denn keineswegs wird der im Stande sein, die geheimen und heftigeren Begierden des Körpers zu zügeln, der sich schon an der Empfindung einer unbedeutenden Unschmackhaftigkeit stößt und nicht einmal auf einen Augenblick die Leckerhaftigkeit seines Gaumens zu zähmen vermag. Die zweite Ursache ist, weil, wie oft geschieht, die verlangte Sache für jetzt fehlen kann und wir also der Dürftigkeit oder Einfachheit des Gastgebers eine Beschämung bereiten, indem wir seine Armuth, die er lieber Gott allein wollte bekannt sein lassen, veröffentlichen. Drittens, weil der Geschmack, den wir beigefügt wissen wollen, zuweilen Andern nicht zu entsprechen pflegt und es sich also herausstellt, daß wir Andern entgegen sind, während wir unserm Gaumen und unserm Gelüsten genug thun wollen. Deßhalb also ist diese Freiheit auf jede Weise in uns abzutödten. Die Unzucht hat drei Gattungen: die erste ist die, welche durch Verbindung der beiden Geschlechter sich vollzieht; die zweite, welche ohne weibliche Berührung geschieht, wofür Onan, 2 der Sohn des Patriarchen Judas, vom Herrn getödtet wurde. In den hl. Schriften heißt sie immunditia (Unreinigkeit), und der Apostel sagt darüber: 3 „Ich sage [S. 423] aber den Ledigen und Wittwen, daß es gut für sie ist, wenn sie so bleiben wie auch ich; wenn sie sich aber nicht halten, so mögen sie heirathen; denn es ist besser zu heirathen, als Brunst zu leiden.“ Die dritte Art ist die, welche nur in Geist und Gemüth begangen wird. Darum spricht der Herr im Evangelium: 4 „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat schon in seinem Herzen mit ihr die Ehe gebrochen.“ Daß diese drei Arten in gleicher Weise auszutilgen seien, lehrt der hl. Apostel und sagt: 5 „Ertödtet euere Glieder, die auf der Erde sind, die Buhlerei, die Unreinigkeit, die Lüsternheit.“ Und wieder schreibt er von zweien an die Ephesier: 6 „Buhlerei und Unreinigkeit sollen unter euch nicht einmal genannt werden.“ Und wieder: 7 „Das aber wisset, daß kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Geizhals — was Götzendienst ist — eine Erbschaft im Reiche Christi und Gottes besitzen wird.“ Damit wir also alle drei mit gleicher Anstrengung meiden, schreckt uns ihre gleiche Ausschließung vom Reiche Christi. — Die Gattungen der Habsucht sind drei: die erste, welche nicht zuläßt, daß man entsage und seiner Reichthümer und Güter sich beraube; die zweite, welche uns überredet, das, was wir vertheilt oder den Dürftigen gegeben haben, mit größerer Begierde wieder zurückzunehmen; die dritte, welche uns antreibt, das, was wir vorher nicht einmal besaßen, zu begehren oder zu erwerben. Der Zorn hat drei Gattungen: die eine, die innerlich entbrennt, was im Griechischen θυμός heißt; die andere, die in Wort und That und Wirksamkeit hervorbricht und ὀργή genannt wird, von welcher der Apostel sagt: 8 „Nun aber leget ab allen Zorn und Unwillen;“ die dritte, welche nicht wie jene hitzig im Augenblicke verläuft, sondern tagweis und lange bewahrt wird, was ἄλυς heißt. 9 All das müssen wir mit gleichem [S. 424] Abscheu verwerfen. Die Gattungen der Traurigkeit sind zwei: die eine, welche entsteht, wenn der Zorn nachläßt, oder über einen uns zugefügten Schaden, ein verhindertes oder vereiteltes Begehren, die andere, welche aus unvernünftiger Unruhe des Geistes oder aus der Verzweiflung stammt. — Die Acedie hat zwei Gattungen: die eine überwältigt mit Schlaf in der Schwüle; die andere treibt an, die Zelle zu verlassen und zu fliehen. Die Ruhmsucht hat, obwohl sie vielgestaltig und vielfältig ist und in verschiedene Arten sich theilt, doch zwei Gattungen: in der ersten überheben wir uns wegen fleischlicher und sichtbarer Dinge; in der zweiten entbrennen wir wegen geistiger und geheimer von Begierde nach eitlem Lob.

1: Philipp. 4, 11.
2: Genes. 38, 8 ff.
3: I. Kor. 7, 8. 9.
4: Matth. 5, 28.
5: Koloss. 3, 5.
6: Ephes. 5, 3.
7: Ephes. 5, 5.
8: Koloss. 3, 8.
9: Nach Anderen steht hier μῆνις.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger