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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dritte Unterredung, welche die mit dem Abte Paphnutius ist, über die drei Entsagungen.

10. Es könne Keiner durch die erste Stufe der Entsagung vollkommen sein.

Wenn wir nun diese sichtbaren Reichthümer der Welt verlassen, so werfen wir nicht unsere, sondern fremde Güter weg, obwohl wir uns rühmen, sie durch unsere Mühe erworben oder als Erbschaft von den Eltern überkommen zu haben. Denn Nichts ist, wie ich sagte, unser Eigenthum, als was wir im Herzen besitzen, und was der Seele anhängt, so, daß es von Niemand ganz kann weggenommen werden. Über diese sichtbaren Reichthümer aber sagt Christus mit schwerem Tadel zu denen, die sie als Eigenthum behalten und den Dürftigen nicht mittheilen wollen: 1 „Wenn ihr im fremden Gut nicht treu gewesen seid, wer wird euch geben, was euer ist?“ Es zeigt also nicht bloß die tägliche Erfahrung unwiderleglich, daß diese Reichthümer fremde seien, sondern auch der Ausspruch des Herrn hat sie so benannt und bezeichnet. Von den sichtbaren und erbärmlichen Reichthümern sagt auch Petrus zum Herrn: 2 „Sieh’, wir haben Alles verlassen und sind dir nachgefolgt, was werden wir also bekommen?“ Und doch weiß man, daß Diese Nichts als werthlose zerrissene Netze verlassen haben. Wenn also dies „Alles“ nicht von der Lossagung von den Lastern, die wahrhaft groß und sehr hochstehend ist, verstanden werden muß, so werden wir kaum finden, was denn die Apostel so Kostbares verlassen haben, und [S. 370] was der Herr für einen Grund hatte, ihnen eine solche Glorie der Seligkeit zu verleihen, daß sie von ihm hören durften: 3 „Bei der Wiedergestaltung, wenn der Sohn des Menschen auf dem Throne seiner Majestät sitzt, werdet auch ihr auf zwölf Thronen sitzen und richten die zwölf Stämme Israels.“ Wenn also Die, welche diesen irdischen und sichtbaren Gütern vollständig entsagen, doch aus gewissen Gründen zu jener apostolischen Liebe nicht gelangen können und jene höhere und nur sehr Wenigen zugängliche dritte Stufe der Entsagung nicht mit ungehinderter Kraft besteigen können, was werden Jene von sich urtheilen müssen, die nicht einmal die erste, so leichte, vollkommen sich eigen machen, sondern den alten Schmutz ihres Geldes mit der alten Treulosigkeit zurückbehalten und glauben, sie dürften sich schon mit dem bloßen Namen eines Mönches rühmen? — Also die erste Entsagung, von der wir gesprochen, erstreckt sich auf fremdes Eigenthum und reicht mithin für sich allein nicht aus, dem Entsagenden die Vollkommenheit zu verleihen, wenn er nicht zu der zweiten kommt, die wahrhaft ein Opfer unsers Eigenthums ist. Haben wir diese durch Ausrottung aller Laster erlangt, so werden wir auch den Gipfel der dritten Entsagung ersteigen, durch die wir nicht nur Alles, was auf dieser Welt geschieht, oder was im Einzelbesitz der Menschen ist, sondern auch die ganze Fülle aller Elemente, die für so großartig gehalten wird, als eitel und bald vergebend unter uns lassen und mit Geist und Herz verachten, indem wir nach dem Apostel nicht auf das Sichtbare, sondern nur auf das Unsichtbare schauen; denn was man sieht, ist zeitlich, was man aber nicht sieht, ewig. So mögen wir endlich verdienen, jenes Letzte zu hören, was dem Abraham gesagt wurde: „Und komm in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Dadurch wird klar gezeigt, daß, wenn Einer nicht die drei obigen Entsagungen mit allem Eifer des Geistes durchgemacht [S. 371] hat, er auch zu diesem Vierten nicht kommen könne, das als Lohn und Preis einem solchen Opferwilligen ertheilt wird, nemlich, daß er für sein Verdienst das Land der Verheissung betreten dürfe, das ihm durchaus nicht mehr die Dornen und Disteln der Laster trägt, da man es ja nach Austreibung aller Leidenschaften durch die Reinheit des Herzens in diesem Leibe besitzt. Aber nicht die Tugend und der Eifer des sich Abmühenden wird ihm dasselbe zeigen, sondern der Herr verspricht, daß er selbst es zeigen wolle, indem er sagt: „Und komm in das Land, das ich dir zeigen werde.“ Dadurch wird offenbar bewiesen, daß, wie der Anfang unseres Heiles durch die Berufung des Herrn geschieht, der da sagt: „Geh’ heraus aus deinem Lande,“ so auch die Vollendung der Vollkommenheit und Reinheit von ebendemselben verliehen werde, da er spricht: „Und komm in das Land. das ich dir zeigen werde,“ d. h. nicht in eines, das du aus dir selbst kennen oder durch deinen Elfer finden könntest, sondern das ich dir zeigen werde, während du selbst es nicht nur nicht wissen, sondern auch nicht suchen würdest. Daraus können wir deutlich erschließen, daß wir durch Eingebung des Herrn gerufen zum Wege des Heiles eilen, aber auch durch seine Belehrung und Erleuchtung geführt zur Vollendung der höchsten Seligkeit gelangen.

1: Luk. 16, 12.
2: Matth. 19, 27.
3: Matth. 19, 28.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger