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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dritte Unterredung, welche die mit dem Abte Paphnutius ist, über die drei Entsagungen.

[S. 362] 7. Wie die Vollkommenheit der einzelnen Entsagungen anzustreben sei.

Es wird uns also nicht viel nützen, die erste Entsagung mit der größten Opferwilligkeit des Glaubens auf uns genommen zu haben, wenn wir die zweite nicht mit demselben Streben und dem gleichen Eifer durchsetzen. Und so werden wir, wenn wir auch diese erlangt haben, zu jener dritten kommen können, in der wir alle Blicke des Geistes zum Himmlischen wenden, nachdem wir ausgezogen sind aus dem Hause unsers frühern Vaters, der uns ja, wie wir wissen, nur Vater war vom Anfange unserer Geburt nach dem alten Menschen und dem vorigen Wandel, da wir von Natur aus Söhne des Zornes waren wie auch die Übrigen. 1 Von diesem Vater wird auch zu Jerusalem, das seinen Wahren Vater, Gott, verachtet hatte, gesagt: 2 „Dein Vater ist der Amorrhäer und deine Mutter eine Cethäerin.“ Und im Evangelium: 3 „Ihr habt den Teufel zum Vater und wollt nach dem Begehren eures Vaters thun.“ Wenn wir Diesen verlassen haben und vom Sichtbaren zum Unsichtbaren aufgestiegen sind, dann werden wir mit dem Apostel sagen können: 4 „Wir wissen, daß, wenn dieß unser irdisches Wohnhaus abgebrochen wird, wir eine Wohnung aus Gott haben werden, ein Haus nicht mit Händen gemacht, sondern ewig im Himmel.“ Und ebenso, was wir kurz vor erwähnt haben: 5 „Unser Bürgerrecht ist im Himmel, von wo wir auch als Retter erwarten unsern Herrn Jesus Christus, welcher umbilden wird den Leib unserer Niedrigkeit zur gleichen Gestalt mit dem Leibe seiner Herrlichkeit.“ Oder jenes Wort des hl. David: 6 „Ich bin ein Fremdling und Pilger auf Erden, wie alle meine Väter.“ Laßt uns also nach dem Worte des Herrn so werden wie Jene, von welchen der Herr im Evangelium zu seinem Vater [S. 363] spricht: 7 „Sie sind nicht von dieser Welt, wie auch ich nicht von dieser Welt bin;“ und wieder zu den Aposteln selbst: „Wenn ihr von dieser Welt wäret, so würde die Welt jedenfalls lieben, was ihr gehört; weil ihr aber nicht von dieser Welt seid, sondern ich euch von dieser Welt erwählt habe, deßhalb haßt euch die Welt.“ Wir werden also die wahre Vollkommenheit dieser dritten Entsagung dann in Wahrheit besitzen, wenn unser Geist durch seine ansteckende Verbindung mit Fleischesfett herabgestimmt, sondern durch die erfahrenste Bearbeitung geläutert ist von jedem Affekt und irdischer Beschaffenheit und nun durch unaufhörliche Betrachtung der göttlichen Schriften und geistige Beschauungen zum Unsichtbaren so emporgestiegen ist, daß er auf das Himmlische und Unkörperliche gerichtet die Hülle des gebrechlichen Fleisches und des ihm anhaftenden Körpers gar nicht mehr merkt. Dann soll er auch in solche Entzückungen hingerissen werden, daß er nicht nur seine Stimmen mehr mit dem leiblichen Ohre vernimmt, und nicht durch den Anblick der vorübergehenden Menschen eingenommen wird, sondern daß er nicht einmal die dastehenden mächtigen Bäume und die größten sich darbietenden Gegenstände mit leiblichem Auge sieht. Die Glaubwürdigkeit und Kraft dieses Zustandes wird nur der fassen, der das Gesagte durch Erfahrung kennen gelernt hat, dessen Herzensaugen nemlich der Herr so von allem Gegenwärtigen abgezogen hat, daß er es nicht nur für vorübergehend, sondern für gleichsam nicht daseiend hält und es für leeren Rauch ansieht, der in Nichts sich auflöst. Wandelnd mit Gott wie Henoch und über menschliches Thun und Treiben erhaben findet man ihn nicht mehr in der Eitelkeit dieser Zeit. Daß Dieß an Jenem (Henoch) auch körperlich geschah, lesen wir so in der Genesis erzählt: 8 „Und es wandelte Henoch mit Gott, und man fand ihn nicht mehr, weil ihn Gott hinweggenommen hatte.“ Auch der Apostel [S. 364] sagt: 9 „Im Glauben wurde Henoch hinweggenommen, damit er den Tod nicht sehe.“ Von diesem Tode sagt der Herr im Evangelium: 10 „Wer da lebt und an mich glaubt, der wird ewig nicht sterben.“ Deßhalb müssen wir drängen, wenn wir die wahre Vollkommenheit erreichen wollen, damit, wie wir dem Leibe nach Eltern, Vaterland, Reichthum und Luft verlassen haben, wir Dieß alles auch dem Herzen nach darangeben und durch keine Begierde mehr zu dem, was wir verließen, zurückkehren. So heißt es von Jenen, welche von Moses aus Ägypten geführt worden, obwohl sie dem Körper nach nicht zurückkehrten, sie seien im Herzen dorthin zurückgegangen, da sie nämlich Gott verließen, der sie mit solcher Wundermacht herausgeführt hatte, und die zuvor verachteten Götzen Ägyptens verehrten, wie die Schrift erzählt: 11 „Und sie kehrten im Herzen nach Ägypten zurück, da sie zu Aaron sprachen: Mach uns Götter, die vor uns herziehen.“ — Wir wollen nicht in gleicher Weise verdammt werden wie Diese, die bei ihrem Aufenthalte in der Wüste, nachdem sie das himmlische Manna gegessen, doch wieder nach den von gemeiner Nützlichkeit und sogar von Lastern übelriechenden Speisen verlangten. Wir wollen nicht ihnen gleich zu murren scheinen: „Gut ging’s uns in Ägypten, wo wir bei Fleischtöpfen saßen und Zwiebel und Knoblauch hatten und Gurken und Melonen.“ 12 Obwohl nun dieser vorbildliche Zustand jenes Volkes vorübergegangen ist, so sehen wir ihn doch jetzt noch täglich in unserm Kreise und Berufe erfüllt. Denn Jeder, der nach seiner Weltentsagung wieder zu den alten Bestrebungen zurückkehrt und sich wieder von den vorigen Begierden locken läßt, sagt in That und Gedanken ganz Dasselbe wie Jene: Gut ging mir’s in Ägypten. Ich fürchte, daß deren eine so große Menge gefunden werden könnte, als damals unter Moses Abgefallene waren. Obwohl man nemlich [S. 365] beim Auszug aus Ägypten sechsmalhunderttausend Bewaffnete zählte, betraten doch von allen nur zwei das Land der Verheissung. Wir müssen also darnach jagen, daß wir von den Wenigen und gar Seltenen die Beispiele der Tugend nehmen, weil dem besagten Vorbild entsprechend auch im Evangelium Viele zwar berufen, Wenige aber auserwählt genannt werden. 13 Es wird uns also die körperliche Entsagung und die gleichsam örtliche Auswanderung aus Ägypten Nichts nützen, wenn wir die Entsagung des Herzens, welche höher und nützlicher ist, nicht gleichfalls zu behaupten vermochten. Denn von dieser genannten körperlichen Entsagung spricht so der Apostel: 14 „Wenn ich all’ mein Vermögen austheile zur Speisung der Armen und meinen Leib zum Verbrennen hingebe, aber die Liebe nicht habe, so nützt es mir Nichts.“ Das hätte der hl. Apostel nie gesagt, wenn er nicht im Geiste vorausgesehen hätte, daß Einige nach Vertheilung ihres ganzen Vermögens zur Ernährung der Armen doch zur evangelischen Vollkommenheit und zu dem steilen Gipfel der Liebe nicht gelangen könnten, weil sie nemlich die alten Laster und die Zuchtlosigkeit der Sitten, sei es unter der Herrschaft des Stolzes oder der Ungeduld, in ihren Herzen zurückbehalten und sich durchaus nicht davon zu reinigen suchen, so daß sie zu der Liebe Gottes, die niemals fällt, keineswegs gelangen. Solche stehen nun natürlich schon zu tief für diesen zweiten Grad der Entsagung und werden also viel weniger jenen dritten, der ohne Zweifel höher ist, erfassen. Erwäget aber auch das sorgfältiger im Geiste, daß er nicht einfach gesagt hat: „wenn ich mein Vermögen ausgetheilt habe;“ denn es könnte sonst scheinen, er habe vielleicht von einem Solchen geredet, der nicht einmal das evangelische Gebot erfülle und, wie einige Laue thun, überhaupt Etwas für sich zurückbehalten habe. Nein, er sagt: „wenn ich all’ mein Vermögen zur Speisung der Armen ausgetheilt habe,“ [S. 366] d. h. obwohl ich vollkommen diesen irdischen Reichthümern entsagt habe. Und dieser Entsagung fügt er noch etwas Größeres bei: „Und wenn ich meinen Leib zum Verbrennen hingegeben habe, die Liebe aber nicht besitze, so bin ich Nichts“; als hätte er mit andern Worten gesagt: „Wenn ich zur Speisung der Armen all mein Vermögen austheile, nach jenem evangelischen Gebote, welches sagt: „Wenn du vollkommen sein willst, so geh’, verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir;“ wenn ich also so entsagen würde, daß ich durchaus Nichts für mich zurückbehielte, und wenn ich dieser Austheilung das Märtyrerthum und die Verbrennung meines Leibes beifügen würde, so daß ich also meinen Leib für Christus hingeben würde, und ich wäre doch noch ungeduldig oder zornsüchtig oder neidisch und hochmüthig und rachsüchtig, oder ich würde suchen, was mein ist, und denken, was böse ist, oder ich würde nicht Alles, was man mir anthun kann, geduldig und gerne ertragen: so wird mich die Entsagung und Verbrennung des äußern Menschen Nichts nützen, wenn der innere sich noch in den alten Lastern wälzt. So hätte ich wohl im Eifer der ersten Bekehrung einfach die Güter dieser Welt verachtet, die ihrem Wesen nach weder gut noch böse, sondern gleichgiltig und, aber ich hätte nicht dafür gesorgt, die schädlichen Vermögen des lasterhaften Herzens ebenso wegzuwerfen und die göttliche Liebe zu erlangen, die geduldig, gütig, nicht eifersüchtig ist, sich nicht aufbläht, nicht aufgeregt wird, nicht verkehrt handelt, nicht das Ihre sucht und nicht Böses denkt, die Alles erträgt, Alles aushält und endlich ihren eifrigen Sucher nicht fallen läßt in der gefährlichen Lage der Sünde.

1: Ephes. 2, 3.
2: Ezech. 16, 2.
3: Joh. 8, 44.
4: II. Kor. 5, 1.
5: Philipp. 3, 20.
6: Ps. 38.
7: Joh. 17, 15.
8: Genesis 15.
9: Hebr. 11, 5.
10: Joh. 11, 26.
11: Exod. 32.
12: Exod. 16.
13: Matth. 20 u. 22.
14: I. Kor. 13.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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