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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Dritte Unterredung, welche die mit dem Abte Paphnutius ist, über die drei Entsagungen.

22. Antwort, daß unser freier Wille immer der Hilfe Gottes bedürfe.

Paphnutius: Ihr habt zwar das Wort: „wenn es mich gehört hätte“ genau angesehen; aber gar zu wenig habt ihr beachtet, wer der sei, der zu dem Hörenden oder nicht Hörenden redet, und ebensowenig das, was folgt: „Bis zum Nichts hätte ich sicher seine Feinde gedemüthigt, und auf [S. 383] seine Dränger hätte ich meine Hand gelegt.“ Es möge also Niemand das, was wir zum Beweise, daß Nichts ohne den Herrn geschehe, vorbrachten, in falscher Auslegung verdrehen und es zur Vertheidigung des freien Willens so aufzufassen suchen, daß er von dem Menschen die Gnade und tägliche Versorgung durch Gott trachte hinwegzunehmen, weil es heisse: „Und es hörte nicht mein Volk auf meine Stimme“ und wieder: „Wenn mein Volk mich gehört hätte und Israel gewandelt wäre auf meinen Wegen &c.“ Bedenke man doch vielmehr, daß einerseits allerdings die Fähigkeit zu freier Entscheidung durch den Ungehorsam des Volkes bewiesen wird, daß aber auch anderseits die tägliche Vorsehung Gottes für dasselbe sich zeigt, da er ja gleichsam laut rufend mahnte. Denn wenn er sagt: „Wenn mein Volk mich gehört hätte,“ so gibt er doch deutlich zu verstehen, daß er immerhin zuerst zu ihnen gesprochen habe, was der Herr nicht bloß durch Buchstaben im geschriebenen Gesetz, sondern auch durch die täglichen Ermahnungen zu thun pflegt, nach jenem Ausspruch des Isaias: 1 „Den ganzen Tag breite ich meine Arme aus nach dem Volke, das mir nicht glaubt, sondern mir widerspricht.“ Beides also kann bewiesen werden durch die Stelle, die da sagt: „Wenn mein Volk mich gehört hätte, wenn Israel gewandelt wäre auf meinen Wegen: so hätte ich zum Nichts wohl seine Feinde gedemüthigt und auf seine Dränger meine Hand gelegt.“ Denn wie die Freiheit durch den Ungehorsam des Volkes bewiesen wird, so wird das Walten Gottes und seine Hilfe durch den Anfang und das Ende des Verses ausgesprochen, da er versichert, einmal, daß er zuerst geredet habe, und dann, daß er die Feinde gedemüthigt haben würde, wenn man auf ihn gehört hätte. Wir wollen ja durch unsere Lehre nicht die Freiheit des Menschen wegbringen, sondern nur beweisen, wie nothwendig ihm jeden Tag und Augenblick die Hilfe und Gnade Gottes sei. — Nach diesem [S. 384] Unterricht entließ der Abt Paphnutius uns, die wir mehr zerknirscht als heiter waren, vor Mitternacht aus seiner Zelle. Wohl suchten wir die Vollendung der ersten Entsagung mit aller Anstrengung unserer Kraft durchzuführen; nun hatte er uns aber durch seine Unterredung beigebracht, daß, wenn wir glaubten hiedurch den Gipfel der Vollkommenheit erreichen zu sollen, wir von jetzt an erkennen müßten, wie wir noch gar nicht angefangen hätten, von den Höhen der Mönche auch nur zu träumen. Waren wir doch über die zweite Entsagung der Väter erst in den Klöstern unterrichtet worden und wußten, daß wir von der dritten, in der alle Vollkommenheit enthalten ist, und die jene zwei niedrigern so vielfach übertrifft, vorher nicht einmal Etwas gehört hätten!

1: Is. 65, 2.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger