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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Zweite Unterredung des Abtes Moyses über die Klugheit.

26. Antwort, daß man das Maaß der Labung nicht überschreiten solle.

Moyses: Man muß Beides in gleicher Weise und Sorgfalt beachten. Denn wir müssen sowohl das Maaß der Speise wegen der Enthaltsamkeit und Reinheit mit aller Genauigkeit einhalten als auch die Menschenfreundlichkeit und Verehrung den ankommenden Brüdern der Liebe wegen gleichfalls leisten, weil es gar zu abgeschmackt ist, dem Bruder, ja Christo selbst, den Tisch anzubieten und nicht mit ihm gleichfalls Speise zu nehmen oder sich von seiner Mahlzeit abzusondern. Daher werden wir in keinem der beiden Punkte tadelnswerth erfunden werden, wenn wir diese Gewohnheit einhalten, daß wir um die neunte Stunde von den zwei Broden, die uns nach dem festgesetzten Maaße mit Recht gehören, das eine sogleich genießen, das andere wegen des zu erwartenden Besuches auf den Abend aufheben, um es, wenn unerwartet einer der Brüder kommt mit ihm gemeinsam zu nehmen, ohne der sonstigen Gewohnheit Etwas beizufügen. Bei dieser Ordnung wird uns der Besuch des Bruders, der uns sehr angenehm sein muß, durchaus nicht betrüben. So leisten wir also die Pflichten der Menschenfreundlichkeit auf eine Weise, die uns Nichts von der Strenge der Enthaltung nachgeben läßt. Wenn aber Niemand kommt, so nehmen wir das andere Brod, als nach dem gesetzlichen Maaße uns gebührend, ohne Bedenken auch sogleich. Bei dieser Kargheit kann der Magen Abends nicht beschwert werden, da ja um die neunte Stunde schon ein Brod vorausgenommen wurde; dagegen pflegt Dieß meist denen zu geschehen, die im Glauben, eine strengere Entsagung zu üben, die ganze Labung auf den Abend verschieben. Denn die kurz zuvor genommene Speise läßt nicht zu, daß man beim abendlichen und nächtlichen Gebete [S. 353] eine feine und leichte Fassungsgabe finde. Daher ist sehr zum Vortheil und Nutzen um die neunte Stunde eine Essenszeit erlaubt worden, und der Mönch, der sie hiezu benützt wird sowohl in den nächtlichen Vigilien leicht und frei erfunden werden als auch sehr fähig zu der abendlichen Gebetsfeier, da die Speise schon verdaut ist.

So sättigte uns der gottselige Moses mit der Speise eines doppelten Unterrichtes: da er uns nicht nur die Gnade und Tugend der Klugheit im gegenwärtigen Lehr-vortrage, sondern auch in der vorausgegangenen Besprechung die Weise der Entsagung und die Bestimmung und den Endzweck dieses Berufes zeigte, so daß, was wir vorher nur in der Glut des Geistes und im Eifer für Gott gleichsam mit geschlossenen Augen verfolgt hatten, uns nun heller als das Licht durch ihn eröffnet war. Er brachte uns auch zur Einsicht, wie weit wir diese Zeit her von der Reinheit des Herzens und der Richtschnur der Klugheit abgewichen seien; da ja auch die Wissenschaft aller sichtbaren Künste dieser Welt ohne die Bestimmung eines Zweckes nicht bestehen und ohne Hinblick auf ein bestimmtes Ziel gar nicht erreicht werden kann.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger