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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Erste Unterredung, gehalten mit Abt Moyses über Absicht und Endzweck des Mönches.

23. Der Lehrer redet, wenn es die Zuhörer verdienen.

Als der Greis uns darüber erstaunt und bei den Worten seiner Rede von unersättlicher Begierde entflammt sah, hielt er unsere Sehnsucht bewundernd ein wenig mit dem Vortrag inne und fügte dann wieder bei: Weil denn, Söhne, euer Eifer uns zu einer so langen Unterredung veranlaßt hat und ein gewisses Feuer unserer Besprechung glühendere Sinne leiht in Folge eurer Begierde, so daß ich eben daraus offenbar sehe, wie ihr in Wahrheit nach der Lehre der Vollkommenheit dürstet, so will ich euch noch über die Vortrefflichkeit der Klugheit 1 oder über eine Gnade, welche den höchsten und ersten Rang unter allen Tugenden einnimmt, Einiges auseinandersetzen und ihre Herrlichkeit und Nützlichkeit nicht nur durch die täglichen Beispiele, sondern auch durch die alten Reden und Sprüche der Väter beweisen. Denn ich erinnere mich, daß oft, wenn Einige eine Unterredung hierüber mit Seufzen und Thränen erbaten und ich ihnen einige Lehren mittheilen wollte, ich Dieß durchaus nicht konnte, da mir nicht nur die Kraft der Einsicht, sondern auch die des Wortes so schwand, daß mir nicht beifiel, wie ich sie auch nur mit ein wenig Trost ent- [S. 321] lassen konnte. Das ist ein klarer Beweis, daß die Gnade des Herrn den Redenden das Wort eingibt je nach dem Verdienste und Verlangen der Hörenden. Da nun der übrige gar kurze Theil der Nacht für unsere Darstellung nicht auszureichen vermag, so wollen wir denselben lieber der Ruhe des Körpers widmen, der ganz sich auflösen müßte, wenn man ihm auch das Wenige verweigern würde, und wir wollen die ganze Entwicklung des Themas für die unverkürzte Untersuchung des kommenden Tages oder der Nacht aufsparen. Das ziemt, sich ja für gute Lehrer der Klugheit, daß sie zuerst darin die Fertigkeit ihrer Einsicht offenbaren, und ob sie jener Tugend fähig sind oder sein können, durch Geduld und dieses Anzeichen bewähren, daß sie von jener Tugend handelnd, welche die Mutter der Mäßigung ist, durchaus nicht in das Laster der Übertreibung fallen, das jener entgegen ist. So würden sie das innerste Wesen und die Natur jener, die sie mit Worten pflegen, in That und Wirklichkeit verletzen. Darin also soll uns die gute Gabe der Klugheit, über welche wir, soweit es der Herr verleihen mag, noch untersuchen wollen, zuerst nützen, daß sie uns nicht erlaubt, das Maß der Unterredung oder der Zeit zu überschreiten, da wir ja gerade über ihre Vortrefflichkeit und die Mäßigung, welche als erste ihr inwohnende Tugend erkannt wird, uns besprechen wollen. Mit diesen Worten nun die Unterredung endend ermahnte Moyses uns, die wir noch voll Begierde an seinem Munde hiengen, ein wenig zu schlafen, und wies uns an, gleich auf dieselben Psiathien (Matten), auf denen wir saßen, zu liegen, nachdem Embrimien (Polster) statt der Kopfkissen unter unser Haupt gelegt waren, die man aus gröberem Papyrus in lange und schlanke Bündel zusammengepaßt hatte. Diese bieten, in Fußes Höhe gleich zusammengebunden, den Brüdern, die beim Mahle sitzen, einen niedern Sitz nach Weise eines Schemels; dann aber wieder, unter den Nacken der Schlafenden gelegt, gewähren sie dem Haupte eine nicht zu harte, sondern nachgiebige und geeignete Stütze. Man hält sie deßhalb für so günstig und passend zum Ge- [S. 322] brauche der Mönche, weil sie erstens etwas weich sind und mit wenig Mühe und Geld zu verschaffen, da ja überall an den Ufern des Nil der Papyrus herauswächst, den Jeder, der will, zum Gebrauche unbehindert abschneiden darf; zweitens, weil sie zum Hin- und Herlegen, je nachdem es nöthig ist, sehr handsamen Stoffes und leichter Natur sind. Und so ließen wir uns endlich durch das Gebot des Greises zum Schlafen bestimmen, mit Mühe ruhend, theils wegen unserer begeisterten Freude über die entwickelte Unterredung, theils wegen der gespannten Erwartung der versprochenen Untersuchung.

1: Discretio = Unterscheidung, Unterscheidungsgabe, Klugheit, Mäßigung, Bescheidenheit in den Ansprüchen an die eigene Kraft.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger