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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Erste Unterredung, gehalten mit Abt Moyses über Absicht und Endzweck des Mönches.

14. Über die Einigkeit der Seele.

Obwohl in diesen Körper gebannt, soll doch Jeder wissen, daß er jener Religion, jenem Gefolge werde zugerechnet werden, als dessen Theilnehmer und Verehrer in [S. 305] diesem Leben er sich gezeigt hat, und soll nicht zweifeln, daß er auch in jenem Leben dort Genosse sein werde, wo er sich in diesem als Diener und Mitglied lieber hingeben wollte, nach dem Ausspruche des Herrn, der so sagt: „Wenn Jemand mir dient und mir nachfolgt, so wird, wo ich bin, dort auch mein Diener sein.“ Denn wie das Reich des Teufels angenommen wird dadurch, daß man in den Lastern mit ihm übereinstimmt, so nimmt man das Reich Gottes durch Übung der Tugenden, durch Reinheit des Herzens und geistige Wissenschaft in Besitz. Wo aber das Reich Gottes ist, da hat man ohne Zweifel auch das ewige Leben; und wo das Reich des Teufels ist, da ist ohne Zweifel Tod und Hölle; wer darin ist, kann auch Gott nicht loben nach dem Ausspruch des Propheten, der sagt: 1 „Nicht die Todten werden dich loben, und Alle nicht, die in die Tiefe (ohne Zweifel: der Sünde) steigen; sondern wir, sagt er, die da leben (nicht den Lastern und dieser Welt, sondern Gott), wir preisen den Herrn von nun an bis in Ewigkeit.“ „Denn Niemand ist im Tode, der Gottes gedenket; und in der Tiefe (der Sünde), wer wird den Herrn bekennen?“ 2 Also Niemand. Denn Keiner bekennt den Herrn, wenn er sündigt, auch wenn er sich tausendmal für einen Christen oder Mönch erklärt, seiner gedenkt Gottes, wenn er Das zuläßt, was Gott verabscheut; noch bekennt er sich wahrhaft als einen Diener Desjenigen, dessen Gebote er mit halsstarrigem Leichtsinn verachtet. In diesem Tode ist nach der Erklärung des hl. Apostels jene Wittwe, die in Wohlbehagen lebt, denn er sagt: „Eine Wittwe, die in Genüssen lebt, ist bei lebendigem Leibe todt.“ Es gibt also Viele, die in diesem Leibe lebend todt sind und im Abgrunde liegend Gott nicht loben können. Auf der andern Seite aber gibt es Solche, die, abgestorben dem Leibe nach, Gott im Geiste preisen und loben, nach jener Stelle: „Preiset den Herrn, ihr Geister und Seelen der Gerechten!“

[S. 306] Und wieder: „Jeder Geist lobpreise den Herrn!“ Und in der Apokalypse 3 heißt es, daß die Geister der Getödteten Gott nicht nur loben, sondern auch mit Bitten drängen. Im Evangelium 4 sagt der Herr noch klarer zu den Sadducäern: „Habt Ihr nicht gelesen, was euch Gott gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Nun, Gott ist kein Gott der Todten, sondern der Lebendigen.“ Denn Alle leben ihm. Von diesen sagt der Apostel: 5 „Deßhalb schämt sich Gott nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ Denn daß die Seelen nach der Trennung von diesem Leibe nicht unthätig sind und nicht ohne Gefühl, das zeigt auch die Parabel des Evangeliums, welche von dem armen Lazarus und dem in Purpur gekleideten Reichen erzählt wird: 6 Der Eine von ihnen erhält zum Lohne den seligsten Platz, d. i. die Ruhe im Schooße Abrahams, der Andere wird durch die unerträgliche Gluth des ewigen Feuers verzehrt. Wenn wir nun auch auf Das merken wollen, was zu dem Räuber gesagt wird: „Heute wirst Du bei mir im Paradiese sein,“ was drückt es offenbar Anderes aus, als daß in den Seelen nicht nur die frühern Erkenntnisse bleiben, sondern daß sie auch eines Looses genießen, das der Beschaffenheit ihrer Verdienste und Handlungen entspricht. Denn das hätte Gott Jenem keineswegs versprochen, wenn er gewußt hätte, daß seine Seele nach der Trennung vom Fleische entweder des Gefühles beraubt oder in das Nichts aufgelöst werden müßte; denn nicht sein Fleisch, sondern seine Seele sollte mit Christo eingehen in’s Paradies. — Vermeiden, ja mit allem Abscheu verwerfen muß man jene ganz verkehrte Unterscheidung der Häretiker, welche nicht glauben, daß Christus an demselben Tage, an welchem er in die Unterwelt stieg, auch im Paradiese sein konnte, und nun so trennen: Wahrlich sage ich dir heute, [S. 307] — und indem sie hier die Trennung hereinsetzen, fahren sie fort: Du wirst bei mir im Paradiese sein, — so daß also dieß Versprechen nicht als ein sogleich nach Ablauf dieses Lebens erfülltes anzusehen wäre, sondern als ein erst nach Eintritt seiner Auferstehung sich erfüllendes. Sie sehen nicht ein, was der Herr schon vor dem Tage seiner Auferstehung zu den Juden gesagt hatte, die da glaubten, er werde wie sie von menschlichen Bedrängnissen und leiblicher Schwäche festgehalten: „Niemand,“ sagt er, „steigt in den Himmel, ausser wer vom Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ Dadurch wird klar bewiesen, daß die Seelen der Verstorbenen nicht nur ihrer Sinneskräfte nicht beraubt werden, sondern auch nicht jener Affekte ermangeln, wie Hoffnung und Trauer, Freude und Furcht, und daß sie schon anfangen Etwas von dem vorauszukosten, was ihnen in jenem allgemeinen Gerichte aufbewahrt wird; daß sie ferner nicht nach der Meinung einiger Ungläubigen, wenn es mit dem irdischen Aufenthalte aus ist, in Nichts sich auflösen, sondern lebendiger fortbestehen und im Lobe Gottes eifriger verharren. Und in der That — damit wir nun die Schriftzeugnisse bei Seite lassen und über die Natur der Seele selbst nach unserer geringen Fassungskraft ein wenig disputiren — geht es denn nicht, ich will nicht sagen über alle Einfältigkeit, sondern über allen Wahnsinn der Thorheit, auch nur leichthin zu vermuthen, daß jener kostbarere Theil des Menschen, in welchem nach dem hl. Apostel das Ebenbild und Gleichniß Gottes sich findet, nach Ablegung dieser körperlichen Bürde, in der er jetzt verborgen ist, seine Fassungskraft verliere, da er doch alle Kraft der Vernunft in sich enthält und auch die stumme und sinnlose Materie des Fleisches durch Theilnahme an sich sinnbegabt macht? Folgt ja doch in allweg und ist in der Ordnung der Vernunft enthalten, daß der Christ, befreit von dieser leiblichen Masse, von der er nun abgestumpft wird, seine Erkenntniskräfte besser entfalten und sie viel eher reiner und feiner erhalte, als daß er sie verliere. So sehr nun erkennt der hl. Apostel die Wahr- [S. 308] heit dessen, was wir sagen, daß er sogar wünscht, von diesem Fleische zu scheiden, damit er durch die Trennung von demselben inniger mit Gott sich zu vereinigen vermöge, und so sagt er: „Ich habe Sehnsucht, aufgelöst zu werden und bei Christo zu sein 7 — denn es ist viel besser — weil, so lange 8 wir im Fleische sind, wir in der Fremde sind weg vom Herrn; — und deßhalb sind wir voll kühnen und guten Willens, eher vom Leibe zu scheiden und bei Gott heimisch zu sein. Deßhalb auch bestreben wir uns, sei es ferne oder nahe, ihm zu gefallen.“ So nennt er also das Weilen der Seele, welche in diesem Fleische ist, ein Fernsein vom Herrn und eine Trennung von Christus; dagegen hält er mit vollem Glauben und Vertrauen ihre Lösung von diesem Leibe und ihr Scheiden für die Heimkehr zu Christus. Und noch klarer sagt derselbe Apostel wieder über diesen lebensvollsten Zustand der Seelen: 9 „Ihr seid hinzugetreten zu Sion, der Bergeshöhe und Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, zu der Versammlung vieler tausend Engel und zu der Kirche der Erstgeborenen, die aufgezeichnet sind im Himmel, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten.“ Von diesen Geistern sagt er an einer andern Stelle: 10 „Wir hatten die Väter unseres Fleisches als Gelehrtere 11 und wir verehrten sie; werden wir uns nun nicht viel mehr dem Vater der Geister unterwerfen und so leben?“

1: Ps. 113.
2: Ps. 6.
3: Apokal. 6.
4: Matth. 22, 31.
5: Hebr. 11, 16.
6: Luk. 16.
7: Philipp. 1, 23.
8: II. Kor. 5, 6.
9: Hebr. 12, 22.
10: Hebr. 12, 9.
11: Und also als unsere Lehrmeister.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger