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Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)
Erste Unterredung, gehalten mit Abt Moyses über Absicht und Endzweck des Mönches.

[S. 302] 13. Antwort über die Richtung des Herzens auf Gott und über das Reich Gottes und das des Teufels.

Moyses: Freilich, Gott beständig anhangen und seiner Beschauung sich unaufhörlich hinzugeben, wie ihr sagt, das ist für den Menschen, so lange er mit diesem gebrechlichen Fleische bekleidet ist, unmöglich. Aber es ist uns nothwendig zu wissen, wohin wir die Meinung unseres Geistes fest gerichtet halten müssen, und zu welchem Ziele wir den Blick unserer Seele immer zurückrufen müssen. Kann Dieß der Geist erreichen, so freue er sich und fühle es schmerzlich und mit Seufzen, wenn er davon getrennt ist; er merke es, daß er ebenso oft von dem höchsten Gute weggekommen ist, als er sich getrennt von jenem Anblick betroffen hat, und halte für Unzucht selbst jede nur augenblickliche Entfernung von der Betrachtung Christi. Wenn von ihm unser Blick auch nur ein wenig abgewichen ist, so wollen wir die Augen des Herzens wieder zu ihm wenden und gleichsam in geradester Linie den Blick des Geistes zurückrufen. Denn Alles liegt in der Zurückgezogenheit der Seele. Wenn der Teufel aus ihr getrieben ist und die Laster nicht mehr in ihr herrschen, so wird in sicherer Folge das Reich Gottes in uns gegründet, wie der Evangelist sagt: Das Reich Gottes wird nicht kommen in auffallender Weise, und man wird nicht sagen: „Sieh’ hier, oder siehe dort ist es; denn wahrlich ich sage euch, das Reich Gottes ist in euch.“ 1 In uns kann aber nichts Anderes sein als die Kenntniß oder Unkenntniß der Wahrheit und die Vertrautheit entweder mit den Lastern oder mit den Tugenden, wodurch wir entweder dem Teufel oder Christo ein Reich im Herzen bereiten. Die Beschaffenheit dieses Reiches beschreibt auch der Apostel, indem er sagt: 2 „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken. sondern Gerechtigkeit und [S. 303] Friede und Freude im hl. Geist.“ Wenn also das Reich Gottes in uns ist, und wenn es Gerechtigkeit und Friede und Freude ist, dann ist ja der, welcher sich in diesen aufhält, ohne Zweifel im Reiche Gottes; und im Gegentheil sind Jene, welche in Ungerechtigkeit, in Zwietracht und in der Traurigkeit, die den Tod wirkt, leben, im Reiche des Teufels, in der Hölle und im Tode. Denn durch diese Anzeichen wird das Reich Gottes und des Teufels unterschieden. Und in der That, wenn wir mit hohem Geistesblick den Zustand betrachten, in welchem die himmlischen, überirdischen Kräfte leben, die wahrhaft im Reiche Gottes sind, welcher andere Zustand ist dafür zu halten, als der einer immerwährenden, beständigen Freude? Denn was ist der wahren Seligkeit so eigen und so entsprechend als eine beständige Ruhe und immerwährende Freude? Und damit du um so sicherer belehrt werdest, nicht bloß durch mein Urtheil, sondern durch die Autorität des Herrn selbst, daß das Gesagte so sei, so höre ihn, wie er die Beschaffenheit und den Zustand jenes Reiches ganz klar beschreibt: 3 „Siehe,“ sagt er, „ich schaffe neue Himmel und eine neue Erde. und nicht mehr wird das Frühere im Gedächtnisse sein und nicht kommen in’s Herz; sondern ihr werdet euch freuen und jubeln in dem, was ich schaffe, ewiglich.“ Und wieder: 4 „Freude und Frohlocken wird man finden in ihr, Danksagung und die Stimme des Lobes; und es wird sein Mondesfest um Mondesfest und Sabbath auf Sabbath.“ 5 Und wieder: 6 „Freude und Frohlocken werden sie erlangen: fliehen werden Schmerz und Seufzen.“ Und wenn ihr noch Klareres über jenes Leben und die Stadt der Heiligen erkennen wollt, so merket auf Das, was durch die Stimme des Herrn zu Jerusalem selbst gesagt wird: „Und ich werde [S. 304] Setzen,“ sagt er, „als deine Aufsicht den Frieden und als deinen Vorsteher — Gerechtigkeit; nicht wird ferner Ungerechtigkeit in deinem Lande gehört werden, nicht Verödung und Betrübniß in deinen Grenzen; Heil wird stehen auf deinen Mauern und Lobpreis unter deinen Thoren. Nicht wird ferner die Sonne deine Leuchte sein am Tage und nicht der Glanz des Mondes dich erhellen, sondern der Herr wird Dir sein zum ewigen Licht und dein Gott zu deinem Ruhme; nicht wird untergehen fürderhin deine Sonne und dein Mond nicht abnehmen, sondern es wird der Herr dir zum ewigen Lichte sein und ganz zu Ende die Tage deiner Trauer.“ Und deßhalb nennt der hl. Apostel nicht allgemein und schlechthin jede Freude das Reich Gottes, sondern ausdrücklich und genau nur jene, die im hl. Geiste ist. Denn er weiß, daß es auch eine andere tadelnswerthe Freude gibt, von der es heißt: „Diese Welt wird sich freuen“ und: „Weh’ euch Lachenden, weil ihr weinen werdet.“ — Das Himmelreich kann übrigens dreifach aufgefaßt werden: entweder, infoferne die Himmel, d. i. die Heiligen herrschen werden über andere Untergebene nach jener Stelle: „Sei du über fünf Städte und du über zehn!“ Auch gehört hieher, was zu den Jüngern gesagt wurde: „Ihr werdet auf zwölf Thronen sitzen und richten die zwölf Stämme Israels;“ oder insoferne die Himmel selbst Anfangs von Christus regiert werden, da nemlich, erst nachdem Alles ihm unterworfen ist, Gott anfangen wird, Alles in Allem zu sein; oder sicher, insofern sie im Himmel mit dem Herrn herrschen werden. 7

1: Luk. 17, 20.
2: Röm. 14, 17.
3: Isai. 65.
4: Isai. 51.
5: Es wird ewige Festlichkeit sein. Jeder Neumond war ja für die Juden eine Festzeit.
6: Isai. 60. 17.
7: Also eine aktive, passive und lokale Bedeutung.

 

 

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Einleitung: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger