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Dr. R. C. Kukula, Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.
Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums

Hörern

Absichtlich spreche ich mit Tatian Kap. XXXVI 3 von den Hörern seiner Rede: Tatians Λόγος πρὸς Ἕλληνας ist nämlich keine fingierte, bloß für den Buchhändler und ein Lesepublikum geschriebene 1, sondern eine wirkliche, vor Zuhörern gehaltene Rede. Denn daß so lebhafte Anrufe wie Kap. XII 11 οἱ βουλόμενοι μανθάνειν σπεύσατε, XVII 2 τοῦ γέλωτος ἢν μὴ ἀποπαύσησθε, XXXII 3 γελᾶτε δὲ ὑμεῖς u. dgl. m. bloß einem literarischen Schema zuliebe ersonnen wären, dafür spricht weder die von Puech 2 erwogene sehr zweifelhafte Analogie mit dem sog. IV. Makkabäerbuch des Ps.-Josephos noch das Konzept der ganzen Rede, das wohl überall auf oratorischen, aber nirgends auf literarischen Effekt angelegt ist. Der große „Künstlerkatalog“ z, B. ist m. E. gerade seiner Größe wegen ein zwingender Beweis, daß die Rede mindestens einmal, vielleicht auch öfter gesprochen wurde: wäre sie als bloße Abhandlung in Form einer „Rede“ verfaßt, dann läsen wir Kap. XXXI 7 ff. sicherlich an anderer Stelle, hinter Kap. III oder noch wahrscheinlicher hinter Kap. XXIV, wohin der Verfasser einer Buchrede den „Künstlerkatalog“ gesetzt hätte. So aber haben wohl Schnellschreiber ταχυγράφοι, die vor den θρόνοι berühmter Sophisten und großer Prediger ihre Kunst verwerteten 3 auch Tatians Predigt just in der Form, in der sie uns noch vorliegt, emsig nachgeschrieben, mit allen Unebenheiten des Ausdrucks und allen Abschweifungen vom Thema, wie sie bei gesprochener Rede und lebendigem [S. 191] Vortrag gewöhnlich und besonders der stoisch-kynischen Diatribe, dem Vorbild der christlichen Predigt, geläufig und eigentümlich waren. Man wende nicht ein, daß Ausdrücke wie γράφειν ἀρξάμενος in Kap. XXXV 2 oder ἀγαγράψομεν in Kap. XLI 11 (s. unten die Anmerkung z. d. St.) doch eher auf eine Buchrede hinzuweisen scheinen; denn wir können uns die Wahl dieser Ausdrücke ungezwungen damit erklären, daß Tatian die chronologischen Daten der Kapitel XXXI u. XXXVI-XLI, die ohne schriftliche Fixierung die Zuhörer überhaupt und besonders diejenigen von ihnen, die etwa seine Angaben „ins einzelne überprüfen" wollten (Kap. XXXI 7), kaum befriedigen konnten, zu bequemer Übersicht wirklich auf eine Tafel σανίς geschrieben haben mag. Wird also hierdurch die Annahme eines gesprochenen λόγος keineswegs hinfällig gemacht, so kann man zugunsten dieser Annahme als letztes und, wie ich glaube, stärkstes Argument noch die wohlbedachte Ökonomie der Rede anführen, zumal ihre auffallende Sparsamkeit und Unzulänglichkeit in Zahl und Maß der dogmatischen Belehrungen. Denn wenn der Redner in Kap. XXI über die „Erscheinung Gotte in Menschengestalt“ so auffallend flüchtig hinweggeht, wenn er grundlegende Erörterungen nicht selten ganz unvermittelt abbricht, sich allenthalben mit einer knappen Andeutung begnügt oder wie in Kap. XXX 5 einfach mitteilt, daß er ein bestimmtes Thema behandeln „werde“ , wenn er endlich in Kap. XLII die ganze Rede mit dem „Versprechen“ abschließt, barbarische Wissenschaft lehren und auf kritische Einwürfe Rede und Antwort stehen zu wollen : so kann hieraus doch wohl kein anderer Schluß gezogen werden, als daß der Λόγος πρὸς Ἕλληνας gemäß den Andeutungen seines Autors keine abgeschlossene Darstellung der Christenlehre geben will, sondern als eine Art Prooemium entstanden sein muß, dessen knapp dosierter Lehrgehalt demnächst in Fortsetzungen ergänzt und vertieft werden soll (vgl. K. XLI 6). Man kann an die Einleitung zu einer vielleicht wiederholt gehaltenen Reihe von Missionspredigten oder an eine einmalige Inaugurationsrede gelegentlich der Eröffnung des von Epiphanius 13, 4 bezeugten didaskale3ion [S. 192] denken, das Tatian nach Justins Märtyrertod in Mesopotamien errichtet hat 4: eine dritte Möglichkeit aber scheint mir ausgeschlossen. Vergleichen könnte man z. B. des Isokrates Programmrede κατὰ τῶν σοφιστῶν.

1: Geffcken a, O. S. 107, vgl. Puech, Les Apologistes Grecs B. 152.
2: Recherches S. 5, Anm. 2, unter Hinweis auf Norden, Ant. Kunstpr. S. 416 ff
3: S. Norden, Ant. Kunstpr. 596, Anm. 1.
4: Näheres s. in '"Tatians sog. Apologie" S. 49 ff.

 

 

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Einleitung zu:
Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos) (Tatian (2. Jdh.))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger