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Dr. R. C. Kukula, Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums. In: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten Band I. Aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Dr. Kaspar Julius (Aristides); Dr. Gerhard Rauschen (Justin, Diognet); Dr. R.C. Kukula (Tatian); P. Anselm Eberhard (Athenagoras). (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 12) München 1913.
Einleitung zu Tatians Rede an die Bekenner des Griechentums

Absicht

Der Redner soll nicht zum Fenster hinaussprechen wollen, sondern, wie Aristoteles Rhet. I 3, 1-3 ausführt, seine Absicht unmittelbar auf den Zuhörer richten, dessen Stimmung durch Lob oder Tadel, Ab- oder Zuraten, Anklage oder Verteidigung dem jeweiligen Zweck der Rede dienstbar gemacht werden kann. Daß Tatian in seiner Rede mit großer Fertigkeit alle von Aristoteles aufgezählten Mittel spielen ließ, vor allem aber „verteidigen“ und „zuraten“, seinem Publikum nicht bloß eine Apologie des Christenglaubens, sondern auch einen Protreptikos zur Annahme dieses Glaubens halten wollte, bedarf für den Kenner der Rede keiner weiteren Ausführung. Nicht ganz so leicht aber fällt eine richtige Würdigung der Form und der Beweisgründe , mit denen Tatian sein Ziel zu erreichen versucht. Wägt man besonders charakteristische Stellen wie Kap. I 6 f., VIII 8 ff., XII 11 f., XIX 12; XXI 6, XXII 2 ff., XXIV 2, XXV 1 f., XXXIV 8 f. u. aa., so wird zunächst klar, daß Tatian volkstümlichderb im Ton und Ausdruck sein will; damit stimmt sein wiederholt geäußerter Vorsatz, „deutliche“ und „leichtfaßliche“ Erklärungen zu geben (Kap. IV 5, XXX 5, XXXVI 3): er rechnet also offenbar mit einem Auditorium, in dem Bildung und Reichtum spärlicher vertreten war (vgl. Lactant. instit. V 1; VI 21) als Armut am Geiste und an irdischen Gütern, in dem selbst Frauen und Kinder ruhig geduldet wurden (Kap. XXXII 3 und 7, XXXIII 2), „simplices et imprudentes et idiotae“, wie auch bei Tertullian adv. Prax. 3 zu lesen steht. Unrecht ist daher, in Tatians populärwissenschaftlichem Vortrage, der wie noch manche Predigt des Augustinus oder des Caesarius von Arles „nicht bloß für Gebildete bestimmt war, sondern zugleich von der großen Masse des Volkes verstanden sein wollte“ (Ed. Norden , Antike Kunstprosa S. 537), Platonische Formenschönheit und Aristotelische Gedankentiefe zu suchen. Der Gesichtspunkt, den die Kritik gegenüber einem Abraham a Santa Clara einzunehmen hat, muß selbstverständlich ein anderer [S. 188] sein, als der Gesichtswinkel, unter dem man einen Bossuet genießt. Man darf gewiß an Tatians „Rede“ in vielen Teilen eine vorsätzliche Neigung zu möglichst drastischer Karikatur des Griechentums mit Unlust wahrnehmen: aber man kann ihr deshalb nicht das Zeugnis versagen, daß sie in dem Milieu, für das sie bestimmt war, ihre Wirkung nicht verfehlt haben wird und trotz ihres niederen Stilcharakters Stellen von packender Schönheit und hervorragendem Gefühlswerte aufweist (vgl. z, B. Kap. XI, XXIX, XXXII). Gerade darin erblicke ich immerhin eine sehr respektable Leistung und ein rhetorisches Geschick, das um so höher eingeschätzt zu werden verdient, als der Redner bei der gewollt aphoristischen Behandlung seines Stoffes (s. Kap. XXXVI 3, XLI 6 und 11) auch noch der Gefahr vorbeugen mußte, da oder dort ins Gegenteil der von ihm erstrebten „leichtfaßlichen Deutlichkeit“ zu verfallen. Zwischen den abstrakten Schwierigkeiten seiner Theologie und dem geringen Bildungsstande seines Publikums hat er eine Brücke schlagen müssen, doch der unzweifelhafte Erfolg , mit dem er das getan hat. vermochte ihn bei der Nachwelt nicht gegen den Vorwurf „seichter Unbildung“ und „plumper Fälschung“ zu schützen. Denn seit A. Kalkmanns verdienstvoller Quellenuntersuchung 1 weist man immer wieder auf die Tatsache hin, daß kein einziger Vorwurf, den Tatian gegen griechische Kultübung, Kunst und Wissenschaft geschleudert habe, auf des Apologeten eigenem Acker gewachsen, sondern alle seine Schmähungen aus der Literatur der Griechen, zumeist aus allerhand Hilfsbüchern, wie es scheine, und recht unbedeutenden Streitschriften entlehnt seien. Im Zusammenhalte mit Tatians wiederholter Beteuerung (Kap. XXIX 1, XXXV 1 f.), er habe alles, was er vorbringe, selber kennen gelernt und selber gesehen, genügte also jener Nachweis seiner ausschließlich literarischen Quellen, um ihn obendrein als unverschämten, in flagranti ertappten Lügner hinzustellen. Man hat hierbei [S. 189] seltsamer Weise ganz übersehen, daß uns Tatian selbst in Kap. XXXI 3 mit aller wünschenswerten Deutlichkeit verraten hat, warum er gegen die Griechenlehre nicht seine oder seiner Glaubensgenossen Vor- und Einwürfe ins Treffen schicke, sondern sich grundsätzlich nur auf „Zeugnisse“ der Griechen selber berufen wolle: „Zu Zeugen“ , sagt er, „werde ich nicht unsere eigenen Gewährsmänner nehmen, sondern mich vielmehr auf Anhänger der griechischen Götterlehre zum Beweise berufen; denn das erstere wäre töricht, weil nicht einmal wir Barbaren solche Beweisführung annehmbar fänden, das letztere aber dürfte doch wohl verblüffend wirken, wenn ich euch nämlich mit eueren eigenen Waffen bekämpfe und Beweise vorbringe, die eurerseits nicht beargwöhnt werden können“ (vgl. Kap. 14 und XXXVI 2). Nicht mit gestohlenem Gute wollte sich Tatian schmücken, als er für seine Philippika gegen das Griechentum griechische Autoren ausschrieb, sondern seine Absicht war, möglichst objektiv zu erscheinen und wie später noch Minucius Felix, der gleichfalls seine Beweisführung nur auf heidnische Schriftwerke gründet, gegenüber jedem möglichen Angriff oder Widerspruch von griechischer Seite den Nachweis bereit zu halten: „Ihr Griechen selber seid die klassischen Gewährsmänner meiner vernichtenden Anklagen!“ Unter solchen Umständen (vgl. Tertull. test. an. 1 f.) den Mann immer wieder als „verlogenen Schwindler“ zeichnen zu wollen, weil er zur Bekräftigung seiner von den Griechen geholten Argumente schließlich ganz im allgemeinen hinzufügen zu müssen glaubte, daß er sich von deren voller Berechtigung durch Autopsie und Automathie überzeugt habe, das scheint mir nach wie vor 2 um so schlechter begründet, als man sich den alten Sophistenschüler doch kaum als einen Menschen wird vorstellen wollen, der an den hervorstechenden Erscheinungen griechisch-römischer Kultur mit verbundenen Augen [S. 190] vorübergegangen sei. Jedenfalls kann man den Vorwurf bewußter Verdrehungen oder Verfälschungen in keiner Beziehung erweisen und wird ihn um so unbedenklicher fallen lassen dürfen, als sich im zweiten Jahrhundert gewiß kein Fürsprecher des Christentums leichtfertig der Gefahr aussetzen mochte, von den eigenen Hörern der Lüge und des Schwindels überführt zu werden.

1: Rhein. Mus. f. Philologie N. F. Bd. XLII (1887), S. 489 bis 524
2: S. Altersbew. u, Künstlerkat. S. 20 ff.

 

 

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Einleitung zu:
Rede an die Bekenner des Griechentums (Oratio ad Graecos) (Tatian (2. Jdh.))

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