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Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

28. Kapitel (62—65). Kurzer Aufenthalt im lnselkloster Chilmi. Die letzten Lebenstage des Heiligen; Tod und Begräbnis.

Ein Jahr etwa vor seinem Abschied von dieser Welt entsagte er, von tiefer Zerknirschung des Herzens veranlaßt, plötzlich seinen kirchlichen Verrichtungen. Er verließ sogar heimlich sein Kloster und begab sich in Begleitung von nur wenigen Brüdern auf die Insel Circina.1 Dort widmete er sich auf der engen Klippe Chilmi, wo er bereits ein Kloster hatte bauen lassen, der Lesung, dem Gebet und dem Fasten und übte, als ob er bereits von seinem bevorstehenden Tod wisse, von ganzem Herzen Buße. Und obwohl sein ganzes Leben, seit er nach seiner Bekehrung sich mit ganzer Seele dem Mönchsstand geschenkt hatte, eine fortgesetzte Entsagung gewesen war, tötete er doch auf dieser Insel noch viel mehr und mit dem Eifer eines Anfängers im geistlichen Leben seine Glieder ab und vergoß reichliche Tränen in der Einsamkeit mit seinem Gott. Da aber sehr viele über die Abwesenheit ihres Bischofs unzufrieden waren, begab er sich, durch die Forderungen der Liebe veranlaßt, wiederum in sein früheres Kloster, um den frommen Christen die gewohnten Tröstungen zu bieten und mit großmütiger Seele sich den schwersten Anforderungen für das Heil seiner Mitmenschen zu unterziehen.

Noch waren nicht viele Tage verflossen, als der gütige Gott seinen treuen Diener heimsuchte. Denn plötzlich befielen ihn die heftigsten Leiden körperlicher Krankheit, in welcher er fast 70 Tage hindurch, von Schwäche ermattet, nur diesen Ausspruch zu wiederholen pflegte: „Herr, gib mir nur hier Geduld, dort oben Verzeihung!" [S. 114] Von diesem Gebet ließ er keinen Augenblick ab, ob ihn die Schmerzen quälten, ob die Fiebersglut in ihm brannte, ob Schwäche ihn in Ohnmacht versetzte. Als die Ärzte ihm rieten, Bäder zu nehmen, entgegnete er: „Können denn Bäder den Tod eines Menschen hindern, wenn seine Lebenszeit abgelaufen ist. Wenn aber der Tod schon nahe ist und auch die lindernde Wirkung warmer Bäder ihn nicht verscheuchen kann, warum ratet ihr mir, die Strenge einer lange geübten Lebensweise am Ende aufzugeben?"

So stellte er gläubigen Sinnes sein Heil dem Willen Gottes anheim. Als er aber bemerkte, daß seine Auflösung unzweifelhaft bevorstehe, ließ er alle seine Kleriker zusammenrufen und redete sie in Gegenwart der Mönche mit folgenden Worten an: „Brüder, aus Sorge um das Heil eurer Seelen bin ich vielleicht lästig und hart gegen euch gewesen. Darum bitte ich einen jeden um Verzeihung, der eine Klage gegen mich hat. Und wenn vielleicht meine Strenge das richtige Maß überschritten hat, so betet, daß Gott mir dies nicht zur Sünde anrechnet." Als der heilige Fulgentius diese Worte unter Tränen und Schluchzen hervorbrachte, fielen alle zu seinen Knien nieder und riefen aus, er sei stets gütig und freundlich und, wie es seine Pflicht war, wachsam für aller Heil gewesen, „So schenke euch also", sprach er, „mein Gott und Herr einen Hirten, der seiner würdig ist!" Darauf wurde Schweigen geboten, und er ruhte eine Weile aus.

Dann zeigte er seine Sorge für die Armen; er ließ die Summe Geldes, aus welcher er täglich als treuer Verwalter den Armen ein Almosen spendete, holen und befahl, sie ganz zu verteilen. Er wußte in seinem Gedächtnis die Namen der Witwen und Waisen, der Fremden und aller Dürftigen und bestimmte nach eigenem Ermessen, wieviel jedem einzelnen gegeben werden solle. Da er in dieser Welt keine Erben hatte, hinterließ er die Erbschaft dieser gütigen Sorge den Armen, Aber auch seine Geist- [S. 115] liehen wollte er des Segens, auf den sie ein Anrecht hatten, nicht berauben. Voll Mitleid gedachte er auch ihrer Armut und hatte im geheimen und voll Sorgfalt schon alle Anordnungen getroffen. In ununterbrochenem Gebet verharrend und jedem, der ihn besuchte, den Segen spendend, blieb er bis zur letzten Stunde bei klarem Bewußtsein, Endlich an den Kaienden des Januar, nach der Vesper, gab er seinen seligen Geist glücklich in die Hände seines Herrn zurück im 25. Jahr seines Episkopats, im 65. Jahr seines Lebens, wie er kurz vor seinem Tod vielen Brüdern gesagt hatte.

An dem Tag des Hinscheidens konnte der heilige Leib nicht mehr bestattet werden. Er wurde im Oratorium des Klosters aufgebahrt, und die ganze Nacht hindurch hielten die Mönche und Kleriker unter dem Gesang von Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern Totenwache. Am anderen Morgen, als eine große Volksmenge aus den benachbarten Orten zur Totenfeier gekommen war, wurde er von den Priestern in die Kirche der Stadt getragen, die Secunda heißt, in der er auch die Reliquien der Apostel hatte beisetzen lassen.2 Dort erhielt er ein ehrenvolles Grabmal, Er war nämlich der erste Bischof, dem die Ehre der Beisetzung in dieser Kirche zuteil wurde, in der nach alter Gewohnheit kein Priester oder Laie begraben werden durfte. Aber das große Maß der Liebe zu ihm hatte dieses Hindernis der Gewohnheit beseitigt; alle Bürger der Stadt wünschten nämlich und verlangten voll inniger Verehrung, daß der dort konsekrierte heilige und von Gott geliebte Mann zu jeder Zeit auch dem Orte nach dem Gebet der einzelnen verbunden sei. Denn sie hatten schon öfters erfahren, welche Wohltaten ihnen das Gebet des heiligen Fulgentius gespendet und welche Übel es abgewendet hatte, wie es sich später an [S. 116] offenkundigen Beweisen deutlich zeigte, als nur wenige Jahre nach seinem Heimgang das feindliche Volk der Mauren unvermutet das Gebiet von Ruspe überfiel und mit Raub, Mord und Brandstiftung großes Unheil anrichtete und sogar innerhalb der Kirchenmauern niedermachte, wen es fand.3 Wer bewunderte nicht das Ansehen, in dem der heilige Fulgentius bei Gott stand? Während seines Lebens war die ihm anvertraute Stadt von Kriegswirren nicht heimgesucht worden; und während fast die ganze Provinz eine entsetzliche Knechtschaft über sich ergehen lassen mußte, blieb Ruspe verschont wegen seines ehrwürdigen Bischofs, dessen Leben seinen Mitbürgern eine schützende Mauer war.

1: Circina gehört mit der kleineren Nachbarinsel Cercinitis zu der Inselgruppe Kerkenna südlich von Ruspe, etwa vierzig Kilometer von der Küste entfernt. Chilmi ist im Südwesten der Insel Circina zu suchen. Im Jahre 1918 sind hier Katakomben aufgedeckt worden.
2: Reliquien der Apostelfürsten, vielfach wahrscheinlich nur Gegenstände, die durch die Berührung mit den Reliquien oder dem Sarg geheiligt waren, besaßen damals viele Kirchen, wie z. B. die in Telepte oder Tebessa.
3: Die Mauren, die sich wiederholt von der vandalischen Oberhoheit zu befreien versucht und besonders den Süden der Provinz Byzacena beunruhigt hatten, erneuerten nach dem Tod Thrasamunds ihre frühere Feindseligkeit. Im Jahre 525 eroberten sie fast die ganze Provinz Mauretania Sitifensis und Mauretania Caesariensis und den Süden von Numidien. Ihr Anführer Antalas verwüstete an der Spitze eines großen Heeres den Süden der Byzacena und besiegte ein vandalisches Heer unter Führung Oamers, eines Netten des Königs Hilderich, in einer blutigen Schlacht. Thrasamunds Neffe Gelimer benutzte die dadurch hervorgerufene Unzufriedenheit, um sich der Stadt Karthago zu bemächtigen und Hilderich mit seinen Neffen Oamer und Oageis ins Gefängnis zu werfen. Nun sandte der oströmische Kaiser Justinian unter dem Vorwand, Hilderich zu unterstützen, seinen Feldherrn Belisar nach Afrika, Dieser landete im September 533 bei Ras-Kaboudia in nächster Nähe der Stadt Ruspe. Am 15. September nahm Belisar die Hauptstadt Karthago ein. Die Mauren, die sich formell unterworfen hatten, setzten in dieser Zeit ungehindert ihre Plünderungszüge in der Byzacena fort, die ihnen besonders nach der Rückkehr Belisars nach Konstantinopel schutzlos preisgegeben war.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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