Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

27. Kapitel (57—62). Rückkehr nach Ruspe; Verwaltung der Diözese; Teilnahme an den Synoden von Junca und Sufes; literarische Tätigkeit.

Als er in Eile die Häuser all seiner Freunde besucht, diese gesegnet und sich dazu herbeigelassen hatte, fröhlich zu sein mit den Fröhlichen, nachdem er zuvor getrauert hatte mit den Traurigen, und als er alle Wünsche erfüllt hatte, sagte er den Brüdern Lebewohl und verließ Karthago. Auf allen Straßen der weiten Reise erwarteten ihn noch größere Freudenkundgebungen, da die Volksscharen von allen Seiten mit Laternen und Fackeln und Baumzweigen ihm entgegeneilten und dem unaussprechlichen Gott Dank sagten, der den heiligen Fulgentius vor aller Augen auf wunderbare Weise mit Gnaden ausgezeichnet hatte. In allen Kirchen wurde er wie der Diözesanbischof empfangen, und die ganze Provinz Byzacena war voll einstimmiger Freude über seine Rückkehr.

Wen sonst hätte die Größe eines solchen Ruhmes nicht zum Hochmut verleitet? Dem heiligen Fulgentius aber war sie ein Anlaß, nach noch immer größerer Demut zu streben. Denn obwohl er, von der Gunst des Volkes getragen, zurückkehrte und die bischöfliche Würde mit dem Vorzug einer besonderen Verehrung vereinigte, wollte er trotzdem, nachdem er seinen bischöflichen Sitz wieder eingenommen hatte, auch jetzt inmitten der Mönche leben. Um nicht den Anschein zu erwecken, als wolle er durch seine Rückkehr die Macht- [S. 109] befugnisse des Abtes Felix schmälern, entsagte er freiwillig jeder Befehlsgewalt über die Mönche, da er selbst nicht seinen, sondern den Willen eines anderen erfüllen wollte. So lehnte er, der schon als Mönch die Leitung seiner Mitbrüder übernommen hatte, es nunmehr als Bischof ab, im eigenen Kloster Herr zu sein. So gewissenhaft hütete er sich, den Abt Felix zu kränken, daß, wenn er an Fremden Gastfreundschaft übte und man die Zahl der Brote vermehren oder sonst eine weitere Aufwendung machen mußte, er zuerst die Meinung des Abtes Felix einholte. Bei allen kirchlichen Versammlungen der Byzacena wurde über alle wichtigen Angelegenheiten zuerst sein Rat eingeholt; in seinem eigenen Kloster aber fragte er demütig auch über die kleinsten Dinge den Abt Felix um seine Ansicht,

Aber es genügte dem heiligen Fulgentius noch nicht, mit Worten und in der Tat diese Demut zu üben; er wollte auch schriftlich bestätigen, daß er in jenem Kloster nichts als Eigentum beanspruche, und daß er nicht zur Ausübung einer Gewalt, sondern aus Liebe unter den Mönchen wohne. Da er in seiner klugen Vorsicht darauf bedacht war, daß die schlichten Diener Gottes nicht später einen Nachteil erlitten, schob er in diesem Schriftstück der Geltendmachung von Rechten seiner Nachfolger einen Riegel vor, da er den Nutzen der Mönche, die sich dem Dienste Gottes geweiht hatten, über alles andere stellte. Doch kaufte er neben der Kirche ein Haus, auf dessen Bau er mit großer Sorgfalt achtete, damit für seinen Nachfolger eine Wohnung vorhanden sei.

Wenn aber erledigte Ämter der Kleriker neu zu besetzen waren, übernahm er viele durch Tugend erprobte Mönche in den kirchlichen Dienst. Auch hier war er besorgt für die Aufrechterhaltung der Liebe, damit auf Grund der alten brüderlichen Freundschaft — er nahm nämlich fast alle Kleriker aus jenem Kloster — in Zukunft Streitigkeiten zwischen den Mönchen und Geist- [S. 110] liehen vermieden würden. Mit sorgfältiger Aufmerksamkeit wachte er darüber, daß kein Kleriker sich mit eitlen Kleidern schmückte oder durch die Beschäftigung mit weltlichen Dingen längere Zeit den geistlichen Dienst vernachlässigte, Er machte es allen zur Pflicht, ihre Häuser nicht weit von der Kirche entfernt zu haben, den Garten mit eigener Hand zu bebauen und die größte Sorgfalt auf eine genaue Aussprache und den schönen Vortrag der Psalmen zu verwenden.

Ferner setzte er fest, daß in jeder Woche alle Kleriker und Witwen und alle Laien, die dazu imstande wären, am Mittwoch und Freitag fasten und alle den täglichen Vigilien und den Gebeten am Morgen und Abend beiwohnen sollten. 1 Einige unruhige Geister wies er mit Worten zurecht, einige auch, deren Schuld ganz offenkundig war, mit körperlichen Züchtigungen. Er verstand es, die Laster aller durch heilsame Ermahnungen so zu rügen, daß er, ohne einen Namen zu nennen, alle in Furcht versetzte und sie zwang, selbst verborgene Fehler aus heilsamer Furcht abzulegen. Wie hätte er auch für den eigenen Klerus ein geringeres Maß von Wachsamkeit angewendet, da er doch auch langdauernde Streitigkeiten und hartnäckige Feindseligkeiten benachbarter Gemeinden aus dem Wege räumte. Durch seine heilsame Ermahnung beschwichtigte er die Aufregung in der Gemeinde von Maximiana,2 die sich geweigert hatte, den für sie geweihten Bischof aufzunehmen; er machte dadurch einem schweren Ärgernis ein Ende und brachte durch sein bescheidenes und segensvolles Eingreifen alle Verhältnisse wieder in Ordnung.

Auf der Synode von Junca3 wurde er nach dem Urteil [S. 111] aller Bischöfe, die zusammengekommen waren, einem Bischof mit Namen Quodvultdeus,4 der den Vortritt vor ihm zu besitzen behauptete, an Rang vorangestellt. An diesem Tag und unter den gegebenen Verhältnissen schwieg er, um nicht durch eine Ablehnung das Ansehen der Versammlung herabzusetzen. Als er aber nach dem Konzil bemerkte, daß der Bischof gekränkt war, hielt er es aus Furcht, seiner persönlichen Ehre wegen einem Mitbruder Ärgernis zu bereiten, für vollkommener, um der Liebe willen geringer als ohne Liebe größer zu sein. Er wartete daher später die berühmte Synode von Sufes 5 ab und trug hier in Gegenwart aller die demütige Bitte vor, der Bischof Quodvultdeus möge wieder mit seiner Zustimmung über ihn gestellt werden, damit, wenn sein eigener Name an späterer Stelle genannt werde, er wieder froh werde in dem Bewußtsein, daß sein Mitbischof versöhnt sei. Die Bischöfe bewunderten die Demut einer solchen Forderung; sie wollten ihn jedoch nicht betrüben durch die Zurückweisung des angebotenen Opfers der Demut an Gott, um dadurch die Eintracht des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren. 6 Wo sind nun diejenigen, die sich beherrschen lassen von dem Streben, andere zu überragen, die sich selbst über Höhergestellte erheben und sich Privilegien anmaßen, auf die sie keinen Anspruch besitzen? Seht hin auf den heiligen Fulgentius, der den ihm gebührenden Vorrang nicht verteidigte, weil er nicht auf Kosten der Liebe über einem anderen stehen wollte. [S. 112]

Dieser ausgezeichnete Lehrmeister der katholischen Kirche hat, obwohl er hier in Afrika durch seine vielfache Beschäftigung nur wenig freie Zeit fand, sehr viele Predigten diktiert, die er vor den Gläubigen hielt. Überall, wo er predigte, gewann er aller Herzen, indem er sie nicht zu leeren und eitlen Beifallsäußerungen hinriß, sondern die Herzen erschütterte. Einst wartete Bonifacius seligen Angedenkens, der Bischof von Karthago, der bei Furnos7 eine Kirche einweihte, auf Fulgentius, der zwei Tage hindurch in seiner Gegenwart predigte; Bonifacius war so erfreut, das Wort Gottes aus seinem Mund zu vernehmen, daß er während der Predigt den Boden mit Tränen benetzte und Gott dankte, dessen Gnade in der katholischen Kirche zu jeder Zeit große und berühmte Lehrer erweckt.

Nach seiner Heimkehr aus der Verbannung schrieb er noch viele neue Werke: zehn Bücher, in denen er die Entstellungen des Fabianus widerlegte;8 über die Wahrheit der Prädestination und der Gnade verfaßte er drei Bücher.9 Noch viele andere Werke stammen von ihm, deren authentischen Text einer, wenn er sie kennenlernen will, in seinem Kloster finden kann. Denn für uns ist es nunmehr Zeit zu erzählen, wie er nach seinen guten Taten ausruhte und in das Reich des Himmels berufen wurde. [S. 113]

1: Die vigiliae setzt Lapeyre (St. F. 181 A. 4) mit der Matutin gleich, die matutinae orationes mit den Laudes, die vesperae orationes mit der Vesper und Complet.
2: Maximiana ist in der Umgebung des heutigen Sousse, bei Henchir Nebahna oder Henchir Zeiat, zu suchen.
3: Das Konzil von Junca fand sogleich nach der Rückkehr der verbannten Bischöfe, im Jahre 523, statt; den Vorsitz führte Liberatus, der Primas der Byzacena. Auf Antrag des Abtes Petrus wurde hier das Verhältnis der Klöster zu den Diözesanbischöfen geregelt. Wir kennen nur die Briefe, die bei dieser Gelegenheit zwischen Liberatus und Bonifacius dem Erzbischof von Karthago, gewechselt wurden.
4: Nach Lapeyre (Vie p. 130 A. 3) handelt es sich wohl um den Bischof von Bulla minor, der auch im Jahre 525 an dem Konzil von Karthago teilnahm.
5: Der alte Bischofssitz Sufes in der Byzacena ist das heutige Hr. Sbiba. Die Konzilsakten sind nicht erhalten.
6: Eph. 4, 3.
7: Gemeint ist wahrscheinlich Furnos Maius in der Proconsularis, das heutige Ai'n-Fourna, wo man im Jahre 1926 eine weiße Marmorplatte mit der Inschrift „Conlok (ata) a Symeone episcopo" freigelegt hat, die sich nach Meinung der Archäologen auf hier niedergelegte Reliquien bezieht und vielleicht auf die Einweihung der Basilika hinweisen könnte (vgl. Lapeyre St. F. p. 183).
8: „Contra Fabianum libri decem." Der Arianer Fabianus hatte ein Protokoll über mündliche Verhandlungen mit Fulgentius veröffentlicht, das wenigstens teilweise unrichtig war.
9: „De veritate praedestinationis et gratiae Dei ad Joannem et Venerium libri tres." Dieses Werk ist übrigens schon vor der Heimkehr, noch auf Sardinien, verfaßt, da es in dem Brief der verbannten Bischöfe an Johannes und Venerius (Ep. 15, 19, Migne 65, 442) erwähnt wird.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Fulgentius
Einleitung zur Fulgentius-Vita

Navigation
. . Mehr
. . 12. Kapitel (29—31). ...
. . 13. Kapitel (31—35). ...
. . 14. Kapitel (35—36). ...
. . 15. Kapitel (37). Lebe...
. . 16. Kapitel (38—39). ...
. . 17. Kapitel (40—41). ...
. . 18. Kapitel (41—42). ...
. . 19. Kapitel (43). Grü...
. . 20. Kapitel (44—45). ...
. . 21. Kapitel (46—49). ...
. . 22. Kapitel (49—50). ...
. . 23. Kapitel (50). Sein...
. . 24. Kapitel (51—53). ...
. . 25. Kapitel (54—55). ...
. . 26. Kapitel (55—56). ...
. . 27. Kapitel (57—62). ...
. . 28. Kapitel (62—65). ...
. . 29. Kapitel (66). Wahl...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger