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Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

24. Kapitel (51—53). Gründung und Leitung eines neuen Klosters auf Sardinien.

Der heilige Fulgentius wollte nicht mehr in dem früheren Haus wohnen, da er von vielen Brüdern begleitet war. Bei der Basilika des heiligen Märtyrers [S. 102] Satutninus1 fand er, fern vom Geräusch der Stadt, einen freien Platz; dort erbaute er, nachdem er zuvor, wie es sich gebührt, Primasius, 2 den verehrungswürdigen Bischof der Stadt Calaris, um Erlaubnis gefragt hatte, aus eigenen Mitteln ein neues Kloster, in dem er vierzig und mehr Brüder sammelte, mit denen er die Ordnung des klösterlichen Lebens streng befolgte. Keinen ließ er die Regel seines heiligen Standes übertreten; in erster Linie aber schärfte er seinen Mönchen die Beobachtung des Grundsatzes ein, daß keiner von ihnen etwas als persönliches Eigentum beanspruche; alles sollte ihnen gemeinsam sein. Er pflegte nämlich zu sagen: der könne und dürfe nicht als rechter Mönch angesehen werden, dessen Sinn auf privaten Besitz gerichtet sei. Denn daß ein Mönch vielleicht bessere Speisen zu sich nimmt, dazu zwingt ihn bisweilen die Schwäche seines Körpers; daß er sich aber in irgendwelchen unbedeutenden Dingen ein persönliches Verfügungsrecht vorbehalten will, ist ein klarer Beweis für einen stolzen Willen und habsüchtige Begehrlichkeit. Er teilte selbst mit größtem Taktgefühl den Dienern Gottes die zum Leben notwendigen Hilfsmittel zu, wobei er auf die Kräfte und Schwächen der einzelnen Rücksicht nahm. Doch ermahnte er diejenigen, für die er mehr als für die anderen besorgt war, zur Beobachtung einer umso größeren Demut, indem er ihnen sagte: „Wenn einer aus dem gemeinsamen Besitz mehr erhält, so wird er der Schuldner aller, denen jener Besitz gehört; einem Schuldner aber geziemt vor allem Demut." So erreichte er, daß keiner Anstoß daran nahm, wenn man sah, daß er jemandem seiner Krankheit wegen etwas mehr gab. [S. 103]

Besonders lag ihm am Herzen, den Bitten aller Mönche zuvorzukommen, indem er ihnen schon vorher gab, was Bedürfnis oder ein vernünftiger Grund gebot. Wenn sich aber einer unterfing, um etwas zu bitten, bevor es ihm gegeben wurde, schlug er es sofort ab, selbst wenn er es zu erhalten verdient hatte, indem er sagte, Mönche müßten mit dem zufrieden sein, was sie bekommen. Im übrigen dienen die, welche für ihre Person um etwas bitten, als ob sie ein Anrecht darauf hätten, es zu erhalten, noch immer den fleischlichen Begierden und haben noch keine vollkommene Vorstellung von den himmlischen Dingen, solange sie sich bemühen, die Dinge, die ihnen notwendig sind, da sie es durch Kauf nicht können, sich wenigstens durch Bitten zu verschaffen. Jene nannte er echte Mönche, die unter Verzicht auf ihr eigenes Vergnügen bereit waren, nichts zu wünschen und nichts abzulehnen, sondern nur die Ratschläge oder Befehle des Abtes auszuführen. Daher erlaubte er auch nicht einmal dem Bruder, der mit dem Amt des Priors betraut war, ohne seine Zustimmung etwas zu unternehmen. Die Brüder, die arbeiteten und sich mit unermüdlichem Eifer körperlicher Beschäftigung widmeten, aber keine Liebe zu geistlicher Wissenschaft zeigten, waren ihm weniger lieb, noch hielt er sie der höchsten Ehre für würdig. Bei wem er aber Liebe zur geistlichen Wissenschaft fand, auch wenn er aus Mangel an körperlichen Kräften keine Handarbeit verrichten konnte, der stand bei ihm in besonderer Liebe und Achtung.

Gern sah er, wenn ihm jemand bei seiner Belehrung vor den Brüdern die schwierigsten Fragen vorlegte, durch deren Beantwortung er seine vorzügliche Geistesschärfe beweisen konnte; und allgemein durften alle Brüder, auch wenn sie von Natur aus von schlichtem und geringem Geist waren, jede beliebige Frage stellen; und Überdruß oder Überanstrengung konnten ihn nicht [S. 104] veranlassen, mit seiner Auskunft aufzuhören, bevor sie sich für befriedigt erklärten.

Er besaß die große und wunderbare Gnadengabe, mit ruhigem Herzen aufgeregte Geister zurechtzuweisen, so daß dann, wenn andere meinten, er zürne heftig, um so mehr die größte Ruhe in seiner Seele herrschte; ohne jede Erregung vermochte er, wenn er auch äußerlich erregt zu sein schien, viele Schuldige mit heilsamen Strafworten zu erschüttern. Denn da er nur die Laster haßte, die Menschen aber liebte, gab er sich nur solange den Anschein der Strenge, als es der Nutzen der geistlichen Zucht verlangte; sonst aber war er gegen die einzelnen so sanft, leutselig und freundlich, daß er keinen der Brüder mit seinem bloßen Namen rief und nicht mit dem Stolz eines weltlichen Herrn über noch so geringe Untergebenen gebot.

1: Die Basilika des heiligen Saturninus, des Patrons der Erzdiözese Cagliari, geht auf die Zeit Konstantins des Großen zurück; an derselben Stelle erhob sich vorher ein Bacchustempel.
2: In den meisten Handschriften steht der Name Brumasius. Es handelt sich jedoch um Primasius, welcher der Tradition nach der 29. Bischof von Calaris war.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger