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Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

2. Kapitel (6—8). Fulgentius empfindet Überdruß an der Welt und Sehnsucht nach dem Klosterleben.

Da er aber das ihm übertragene Amt mit Milde ausübte und bei seiner angeborenen Herzensgüte niemand wehtun wollte und deshalb den Auftrag erhielt, bei Eintreibung der Abgaben mit Strenge vorzugehen, begann ihm die Beschäftigung mit den weltlichen Dingen als [S. 55] schwere Bürde zu erscheinen und der eitle äußere Glanz seiner Stellung zu mißfallen. Eine lobenswerte Resignation zog in seine Seele ein; allmählich erwachte die Lust am geistlichen Leben, dazu die Freude an frommer Lesung und unermüdlicher Eifer zum Gebet. Daher war er häufig Gast der ihm so liebgewordenen Klostergemeinden, und er lernte die Sitten und Lebensziele der Diener Gottes kennen. Er machte die Wahrnehmung, daß es für solche, die der Welt entsagt haben, keine Freuden, aber auch keinen Ekel an der Welt mehr gibt.

Er sah, wie die Mönche, die in größter Enthaltsamkeit lebten, keine Anfeindung zu fürchten brauchten, sondern sich gegenseitig liebten. Ferner sah er viele junge Männer, die stete Keuschheit gelobt hatten, sich von jeglichem sündhaften Umgang enthalten. Von solchen Gedanken ergriffen, brach er in die Worte aus: „Warum denn mühen wir uns in der Welt ab ohne die Hoffnung auf die künftigen Güter? Welchen Lohn wird uns einst die Welt zu bieten vermögen? Wenn wir Freude suchen, obgleich es besser ist, gut zu weinen als sich schlecht zu freuen, um wieviel edler ist die Freude derer, deren Gewissen vor Gott so ruhig ist, die sich nicht schrecken lassen durch die Härte des ungerechten Steuereinnehmers, die nichts fürchten als die Sünde, die auf nichts anderes sinnen, als die Gebote Gottes zu erfüllen! Sie brauchen sich nicht zu ermüden durch das Hin- und Herlaufen wegen ihrer Geschäfte, sie brauchen nicht das Unglück des Vermögensverlustes erbärmlich zu beweinen noch schimpflich zu fürchten. Sie arbeiten mit ihren Händen, ohne dem Vorteil anderer im Wege zu stehen; sie leben miteinander friedfertig, nüchtern, milde, demütig und einträchtig. Sie kümmern sich nicht um Sinneslust, sondern verwenden große Sorgfalt und stete Wachsamkeit auf Reinheit. Laßt uns das Beispiel dieser lobwür- [S. 56] digen Männer nachahmen und diesen Stand eines vollkommenen Lebens mit Freude erfassen! Möge es unser Nutzen sein, daß wir durch die Offenbarung der göttlichen Gnade der Erkenntnis des Vollkommeneren gewürdigt wurden! Laßt uns unserem früheren Wandel entsagen und unsere Anstrengung auf ein anderes Ziel richten! Strebten wir vorher danach, unter vornehmen Freunden noch vornehmer zu erscheinen, so wollen wir nun danach trachten, unter den armen Dienern Gottes noch armer zu werden! Mußten wir zuvor Schuldner bedrängen, so wollen wir nun versuchen, Sünder zu bekehren! Pflegt ja doch Christus unser Herr aus öffentlichen Zöllnern Lehrer der Kirche zu machen; denn Matthäus wurde von der Zollbank zum Apostelamt berufen. Zwar halten wir unsere Person für eine solche Ehre nicht geeignet; wenn aber jener das Amt eines Zöllners aufgab und dafür das Predigtamt eintauschte, sollte ich nicht nach Ablegung der Prokuratur mich dem Schmerz der Buße widmen dürfen? Gott ist unsere Hilfe, Die Schwachheit unseres jugendlichen Alters darf nicht als Entschuldigung dienen. Mächtig ist ja Gott, der so vielen Jünglingen, die wir ihr Leben im Kloster verbringen sehen, Enthaltsamkeit verleiht, auch mir Sünder ähnliche Gnade zu geben."

Nachdem er diese Worte in seinem Herzen längere Zeit wiederholt hatte, entschloß er sich unter Eingebung des Heiligen Geistes, gänzlich den irdischen Freuden zu entsagen und ein Genosse jenes Lebens zu werden, das er so begeistert pries. In der Erwägung jedoch, daß eine plötzliche Änderung seiner Lebensweise, die Geist und Körper in gleicher Weise angreife, ihm schon im Anfangsstadium seiner Bekehrung zu einem schweren Hindernis werde oder Anstoß errege, verlegte er sich darauf, sich heimlich dann und wann im Fasten zu üben; von da [S. 57] aus tat er einen kleinen Schritt vorwärts und suchte die Gesellschaft seiner alten Freunde zu meiden. Oft zog er sich aus dem lauten Getriebe zurück und verweilte, ohne daß seine Angehörigen und Untergebenen es wußten, anscheinend wegen angestrengter Amtstätigkeit in ernster Einsamkeit auf seinem Landbesitz; dort widmete er sich dem Gebet, der Lesung und dem Fasten, schränkte das Übermaß der Speisen ein, besuchte nicht mehr die Bäder und führte, noch im Laienstand, schon vollständig ein Mönchsleben.

All seine Bekannten waren erstaunt über die auffallende Sparsamkeit dieses feinen Mannes und suchten die Ursache dieser Veränderung in einer gewissen engen Kleinherzigkeit. Bei ihm aber wuchs von Tag zu Tag die Liebe zum heiligen Stande und ein noch viel größeres Verlangen nach Abtötung. Schließlich fühlte er, nachdem er alles erprobt hatte, was ihm schwer schien, die Kraft seines Willens mit Hilfe der göttlichen Gnade groß genug; bestärkt durch die Erörterung des heiligen Augustinus über den 36. Psalm beschloß er, sein Vorhaben zu veröffentlichen. Er wünschte eiligst seine Kleidung zu ändern, damit er nicht einmal mehr die Gesellschaft der Freunde, die zu ihm kamen, zu ertragen gezwungen sei, mit denen er lange Zeit ein leichtfertiges Leben geführt hatte. In seiner Weisheit bedachte er, daß seine Bekehrung ihm allein von Nutzen sei, wenn sie geheim bliebe, daß sie jedoch, wenn sie in die Öffentlichkeit dringe, vielen anderen ein gutes Beispiel geben werde, ihr früheres Sündenleben aufzugeben. Denn welcher gewöhnliche oder arme Mann hätte sich schämen sollen, Mönch zu werden, wenn er einen Fulgentius die Anmaßung angeborenen Stolzes ablegen und mit geduldigen Schritten auf den rauhen Wegen der Entsagung wandeln sah! [S. 58]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger