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Fulgentius von Ruspe (467-533) - Fulgentius von Diakon Ferrandus von Karthago (Vita Fulgentii)

14. Kapitel (35—36). Fulgentius wird trotz der Anfeindungen des Diakons Felix Bischof von Ruspe.

Noch war Ruspe,1 eine bedeutende und durch seine vornehmen Einwohner hochangesehene Stadt, ohne Bischof, weil ein Diakon mit Namen Felix, der sich um diese Ehre bewarb, zurückgewiesen worden war. Wie er nun selbst dieser Würde unfähig war, wollte er sie auch keinen anderen empfangen lassen. Sein leiblicher Bruder, ein Freund des Prokurators, hatte der Be- [S. 84] werbung durch den Einfluß der weltlichen Macht Nachdruck zu verleihen versucht. Groß war daher der Schmerz der edlen Bürger, daß sie, die durch den Adel des Blutes die übrigen zu übertreffen schienen, allein ohne geistlichen Vater geblieben waren. Da verbreitete sich in ihrer Betrübnis plötzlich die den Tatsachen entsprechende Kunde, der selige Fulgentius, den so viele Gemeinden des höchsten priesterlichen Amtes für würdig erachtet hatten, sei während der Zeit der Weihen nir gendwo zu finden gewesen und einfacher Priester geblieben. Dadurch war er mit noch höherem Ruhm umkleidet, weil er so demütig das Streben nach größerer Ehre mit Füßen getreten hatte. So sehr die Anmaßung jenes Bewerbers ihnen mißfiel, so sehr waren sie voll des Lobes über Fulgentius, der diese Ehre von sich gewiesen hatte.

Allgemein war die Übereinstimmung, Fulgentius sei für sie aufbewahrt und daher trotz des Verlangens so vieler Gemeinden noch nicht zum Bischof geweiht worden. Ohne Wissen des heiligen Fulgentius also wird der Primas Victor, der sich auf dem Wege nach Karthago befand, von den Bewohnern von Ruspe gebeten, den benachbarten Bischöfen die Erlaubnis zur Weihe des Fulgentius zu erteilen. Nun sammelt sich eine ungestüme Volksschar, und plötzlich wird Fulgentius, den man mit einem Augenleiden behaftet in seiner Zelle trifft, überfallen, festgehalten und weggeführt und nicht mit Bitten, sondern mit Gewalt zum Bischof gemacht. Vom Kloster weg wurde er zu dem mit der Weihe beauftragten Bischof geführt und so zum Vater eines unbekannten Volkes eingesetzt, so daß an ihm jenes prophetische Wort sich zu erfüllen schien: „Ein Volk, das ich nicht kannte, dient mir."2

Der außerordentlich liebenswürdige Anblick des weisen Mannes vermehrte noch die Begeisterung des Vol- [S. 85] kes, das ihn erwählt hatte, und jeder, der den unbekannten Bischof sah, schloß ihn wegen der gewinnenden Schlichtheit seiner Kleidung und seines bescheidenen Auftretens in sein Herz. Sobald er aber bisweilen, wenn die Umstände es erforderten, das Wort ergreifen mußte, dann hing das ganze Volk an seinen Lippen; aus seiner väterlichen Redeweise erschloß es, in welcher Gesinnung ihr geistlicher Lehrer es in Zukunft unterweisen werde. Daher strömte an allen Orten, an denen er vorüberzog, das Volk zusammen, um seine Verehrung zu bekunden und der Kirche von Ruspe Glück zu wünschen, daß sie, wenn auch erst später als die übrigen, einen umso besseren Bischof bekommen habe.

Als nun der Diakon erkannte, daß all seine Anstrengungen um die Erlangung der Bischofswürde gänzlich gescheitert seien, brach er schließlich, was ihm nach seiner Enttäuschung allein noch übrig blieb, in unbändige Wut aus. Zuletzt brachte er eine große Schar zusammen und legte, wie der heilige Psalmist sagt, dem heranziehenden Sohn des Friedens einen Stein des Anstoßes neben den Weg. 3 Der feindselige Nebenbuhler besetzte also den Weg, den der auserwählte Diener Gottes nehmen mußte. Aber Christus eilt an allen Orten einfältigen Seelen zu Hilfe; und kein Mensch hat die Macht, die Wahl eines Bischofs zu verhindern, die nicht vom Ehrgeiz erstrebt ward. Auf eine unerklärliche Warnung des Heiligen Geistes hin schlug das Volk, das im Zuge voranging, einen anderen Weg ein und erhob den seligen Fulgentius, während noch sein Feind am Wege lauerte, auf den bischöflichen Thron. Noch an demselben Tage wurde das heilige Opfer mit großer Feierlichkeit dargebracht; das ganze Volk empfing aus den Händen des heiligen Fulgentius die heilige Kommunion und begab sich dann froh nach Hause.

Als der Diakon dies nachher vernahm, beugte er sich, wenn auch zu spät, unter den göttlichen Willen. Als er [S. 86] nun nach Hause zurückkehrte, nahm ihn Fulgentius mit Güte, Freundlichkeit und Milde auf und weihte ihn später sogar zum Priester. Aber sehr bald verhängte die göttliche Gerechtigkeit die verdiente Strafe. Der Diakon, der nun Priester war, starb innerhalb eines Jahres, und der Prokurator, sein Gesinnungsgenosse, verarmte; so erlitten die zeitliche Strafe für ihren Frevelmut, denen Gott in seiner Macht im zukünftigen Leben die Gnade der himmlischen Verzeihung zu schenken vermag.

Wir haben diese Tatsache deshalb für erwähnenswert gehalten, um zu zeigen, wie dadurch das Ansehen des heiligen Fulgentius bei den einzelnen stieg, da sie sehen mußten, wie die göttliche Strenge bei jenen wachsam eingegriffen hatte.

1: Über die Lage der ehemaligen Stadt Ruspe sind die Meinungen noch geteilt. Nach Lapeyre (a. a. O. 148) ist es wohl mit dem heutigen Henchir Sbia in der Nähe von Ras-Kaboudia, südlich von Monastir, identisch, wo Belisar im Jahre 533 seine Truppen landete. Die Ausgrabungen in der Umgebung von Ras-Kaboudia, durch welche reiche archäologische Funde ans Tageslicht gefördert wurden, bestätigen die Angaben der Vita, nach denen in römischer Zeit in dieser fruchtbaren Gegend eine zahlreiche Bevölkerung ansässig war.
2: Ps. 17, 45.
3: Ps. 139, 6.

 

 

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Quellenangabe
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Einleitung zur Fulgentius-Vita

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger