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Apologeten, Frühchristliche - An Autolykus (Ad Autolycum)
Zweites Buch: Widersinnigkeit des Heldentums und Erhabenheit der christlichen Wahrheit

8. Widersprüche der griechischen Dichter über die göttliche Weltregierung.

Und wozu soll ich weiter die Fülle von derartigen Benennungen und Stammbäumen aufzählen? In jeder Beziehung also lassen alle die Schriftsteller, Dichter und sogenannten Philosophen, und die sich mit ihnen abgeben, sich zum Besten halten. Denn Fabeln vielmehr und Torheiten haben sie über ihre Götter zusammengeschrieben. Denn nicht als Götter haben sie dieselben hingestellt, sondern als Menschen, die einen als Trunkenbolde, die andern als Hurer und Mörder. Aber auch über den Ursprung der Welt haben sie einander widersprechende und törichte Meinungen ausgesprochen. Denn erstens haben einige die Welt als ewig erklärt, wie wir oben gezeigt haben. Und diese, welche sie für ungeworden und die Natur für ewig erklären, haben Dinge gesagt, die mit den Aussprüchen derer, welche die Welt für einmal geworden erklären, gänzlich unvereinbar sind. Sie haben dies ja nur nach Vermutung und [S. 35] menschlicher Einbildung, nicht nach der Wahrheit ausgesprochen. Andere wieder haben das Dasein einer göttlichen Vorsehung behauptet und so die Sätze jener wieder umgestoßen.
Aratus also sagt:
„Zeus sei unser Beginn! Laßt nie uns, Männer, von diesem
Schweigen; denn voll sind seiner die Gassen und Straßen der Städte,
Voll ist jeder Versammlungsplatz, voll Meere und Buchten;
Alle bedürfen wir stets in jeder Beziehung des Gottes.
Sind wir ja doch sein eigen Geschlecht, und gnädig die Rechte
Zeigt er dem Volke, und wecket die Menschen zur Arbeit,
Mahnend, fürs Leben zu sorgen; er zeigt, wann Rinder und Karste
Leichter die Scholle zerbrechen; er zeigt die gelegene Zeit an,
Um das Gepflanzte zu häufeln und alle die Samen zu streuen,“ (Phaen. V. 1—9.)

Wem sollen wir also glauben? Diesem Aratus oder dem Sophokles, der sagt:
„Nicht sich'res Walten Gottes lenkt den Weltenlauf;
Am besten ist's, so hinzuleben wie man kann.“ (Kön. Ödip. V. 978.)

Homer aber stimmt mit diesem wieder nicht überein; denn er sagt:
„Zeus ist's, welcher vermehrt und vermindert dem Manne die Tugend.“ (Il. 20, 242.)

Und Simonides1:
„Keiner hat ohne die Götter
Trefflichkeit errungen, kein Staat, kein Sterblicher;
[S. 36] Gott ist's, der alles ersinnt, ohne ihn ist ohne Beschädigung Nichts.“

Ähnlich sagt Euripides:
„Es gibt auf Erden nichts, was ohne Gott besteht.“

Und Menander:
„Die Gottheit nur trägt Sorge für die Sterblichen.“

Und wieder Euripides:
„Wenn Gottes Ratschluß jemand retten will,
Dem gibt er viele Rettungsmittel an die Hand.“

Und Thestius:
„So Gott es will, so kommst du auch im Binsenkahn
Durchs Meer!“

Und dergleichen sich selbst widersprechende Aussprüche tun sie zu Tausenden. Sophokles wenigstens, der in dem einen Ausspruche das Nichtvorhandensein einer Vorsehung ausspricht, sagt wieder:
„Der Gottheit Hand entflieht kein Sterblicher.“

Ja sie haben sogar eine Mehrzahl von Göttern erfunden und dabei wieder die Einzigkeit Gottes behauptet, und im Gegensatz zu denen, die eine Vorsehung annahmen, das Nichtvorhandensein derselben behauptet. Daher macht Euripides das Geständnis:
„Der eitlen Hoffnung voll, sind wir gar sehr bemüht
Und voller Plag'; doch gar nichts wissen wir.“

Und zwar müssen sie wider Willen bekennen, daß sie die Wahrheit nicht wissen; aber da sie von Dämonen inspiriert und begeistert waren, stammen ihre Aussprüche von diesen. Denn die Dichter, nämlich Homer und Hesiod, von den Musen begeistert, wie man sagt, redeten nach Einbildung und Irrwahn, nicht von einem reinen, sondern von einem trügerischen Geiste inspiriert. Dies wird aber dadurch deutlich bewiesen, daß auch Besessene manchmal, und zwar bis zur Jetztzeit, im Namen des wahren Gottes beschworen werden2, und daß da die trügerischen Geister selbst bekennen, [S. 37] sie seien Dämonen, welche einst in jenen Dichtern tätig gewesen3. Freilich machten einige von diesen, wenn sie nüchternen Geistes waren, Aussprüche über die Einzigkeit Gottes, über das Gericht und die übrigen Dinge, von denen sie sprechen, welche mit denen der Propheten übereinstimmen, damit sie sich selbst und allen Menschen zum Zeugnisse wären.

1: Dieser, wie die folgenden Verse sind aus unbekannten Stücken der genannten Dichter.
2: Über Besessene und deren Exorzismus s. Tertull. Apol. c. 23.
3: Die Geister nämlich, um ihre Namen gefragt, gaben an, sie hießen Apollo oder hätten den Namen eines andern Gottes. Lact. lib. II, c. 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger