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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
XVI. Kapitel

101.

1. Man kann nun freilich sehen, daß diejenigen, die ein wirkliches Wissen besitzen, um nichts bestimmter die Richtigkeit dessen verfechten, was sie wissen, als diejenigen, die nur Meinungen haben, die Richtigkeit ihrer Meinungen,1 soweit es wenigstens auf unbewiesene Versicherungen ankommt.

2. Jedenfalls verachten und verlachen sie einander, und es kommt vor, daß der nämliche Gedanke bei den einen hoch in Ehren steht, bei den anderen für verrückt gilt.

3. Und wir haben doch gelernt, daß ein Unterschied ist zwischen der Lust, die man den Heiden zuweisen muß, und der Streitsucht, die man den Irrlehrern zuerkennen muß, und wieder der Freude, die man als die Eigenart der Kirche bezeichnen, und dem Frohsinn, den man dem wahren Gnostiker zuschreiben muß.

4.2 Und wie denjenigen, der sich unterweisen läßt, Ischomachos3 zum Landmann machen wird, Lampis4 zum Schiffer, Charidemos5 zum Heerführer, Simon6 zum Reiter, Perdix7 zum Kaufmann, Krobylos8 zum Koch, Archelaos9 zum Tänzer, Homeros zum Dichter, Pyrrhon zum Meister im Wortkampf, Demosthenes zum Redner, Chrysippos zum Meister im logischen Denken, Aristoteles zum Naturkundigen, Platon zum Philosophen, so wird, wer dem [S. 105] Herrn gehorcht und der durch ihn gegebenen Weissagung folgt, nach dem Ebenbilde des Meisters vollkommen zu einem im Fleische wandelnden Gott10 gemacht.

5. Von dieser Höhe stürzen also die herab, die Gott nicht auf dem Wege, den er führt, folgen; er führt aber an der Hand der "von Gott eingegebenen Schriften".11

6. Denn wenn es auch unzählige Arten des menschlichen Handelns gibt, so lassen sich doch fast alle Verfehlungen auf zwei Ursachen zurückführen, auf Unwissenheit und auf Schwäche12 (beide sind aber von unserem Willen abhängig; sie finden sich bei denen, die weder lernen noch andererseits ihre Leidenschaften beherrschen wollen); infolge der ersteren kommt man nicht zum richtigen Urteil; infolge der anderen kann man dem richtigen Urteil, zu dem man gekommen ist, nicht folgen.

7. Denn weder kann man richtig handeln, wenn man sich zu einem falschen Urteil hat verführen lassen, selbst wenn man völlig imstande ist, das Erkannte zu tun, noch wird man sich, auch wenn man das richtige Urteil fällen kann, als untadelig bewähren, wenn man zu schwach zum Handeln ist.

1: Vgl. Aristoteles, Eth. Nic. VII 5 p. 1146b 29
2: Eine ähnliche, waohl aus der gleichen Quelle stammende Lehrerliste bei Aelianus, Var. hist. IV 16.
3: Vgl. Xenophon, Oikon. VII ff.
4: Vgl. Plut. Moral. p. 787 A; 234 F.
5: Vgl. Demosthenes 3,5; 18,114.116.
6: Vgl. Plinius, Nat. Hist. 34,76; Xenophon, De re equ. 1,1.
7: Vgl. Aristophanes, Vögel 1292 mit Schol.; Pseudo-Plut. Prov. Alex. 124.
8: Vgl. Aelianus, Var. hist. IV 16.
9: Vgl. Athen. I p. 19 C.
10: Vgl. Empedokles Fr. 112,4 Diels.
11: Vgl. 2Tim 3,16.
12: Vgl. Strom. II 62; VII 16,2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger