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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
XV. Kapitel

91.

1. Deshalb gerade haben wir also mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit nötig, um festzustellen, wie wir vollkommen richtig leben müssen und was die wahre Frömmigkeit ist.

2. Denn es ist klar, daß die Streitfragen daraus entstanden sind, daß die Wahrheit schwer festzustellen und nur mit Mühe zu erlangen ist. Aus diesen Streitigkeiten sind aber die selbstgefälligen und ehrgeizigen Irrlehren entstanden, deren Urheber Erkenntnis nicht wirklich erlernt oder übernommen haben, sondern nur von der [S. 95] Einbildung, die sie besitzen, erfüllt sind.

3. Man muß also mehr Sorgfalt auf die Erforschung der wirklichen Wahrheit verwenden, die allein es mit dem wahrhaft seienden Gott zu tun hat. Auf die Mühe folgt aber das süße Finden und die angenehme Erinnerung daran. Die Irrlehren sollten uns also veranlassen, uns eifrig an die Mühe des Findens heranzumachen, statt es ganz aufzugeben.

4. Denn wenn zweierlei Obst vor uns liegt, von dem das eine wirkliches, reifes Obst, das andere eine möglichst naturgetreue Nachbildung aus Wachs ist, so müssen wir doch nicht, weil sie einander ähnlich sind, auf beide verzichten; wir müssen vielmehr das wirkliche Obst von dem, das nur so aussieht, durch verständige Betrachtung1 und wirksames Nachdenken unterscheiden.

5. Ein anderes Beispiel ist folgendes: Wenn es nur einen einzigen richtigen Weg, nämlich den königlichen Weg2 gibt, dagegen viele andere Wege, die teils in einen Abgrund, teils in einen reißenden Fluß oder in das gleich am Ufer tiefe3 Meer führen, so wird doch wohl niemand wegen der Verschiedenheit der Wege ganz aufs Gehen verzichten; vielmehr wird er die ungefährliche, königliche, dem allgemeinen Verkehr dienende Straße benützen. Ebenso darf man nicht ganz auf die Wahrheit verzichten, weil die einen dieses, die anderen jenes über sie sagen, sondern man muß um so eifriger die zuverlässige Kenntnis von ihr zu erjagen suchen.

6. Denn auch unter den Gemüsepflanzen, die in den Gärten gezogen werden, wächst das Gras mit auf. Sollten deswegen die Gärtner auf den Gartenbau ganz verzichten?

7. Da wir also von Natur mancherlei Möglichkeiten haben, das, was man sagt, zu prüfen, so ist es unsere Pflicht, ausfindig zu machen, was die folgerichtige Wahrheit ist.

8. Deshalb werden wir auch mit Recht verurteilt, wenn wir dem unsere Zustimmung versagen, was wir glauben sollten, weil wir das Widerspruchsvolle und Unziemliche und Unnatürliche und Unwahre nicht von dem Wahren und Folgerichtigen und Geziemenden und Naturgemäßen unterscheiden, während wir doch diese Unterscheidungsmerkmale zur vollen Erkenntnis der wirklichen Wahrheit benützen sollten.

1: Vgl. Strom. VII 13,1 mit Anm.
2: Vgl. Num. 20,17; Strom. VII 73,5.
3: Vgl. Hom. Od. 5,413.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger