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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch

XIV. Kapitel

84.

[S. 88] 1. Soviel soll mit möglichst kurzen Worten über den Gnostiker für die Griechen gesagt sein, gleichsam als ein Samenkorn, aus dem besseres Verständnis erwachsen kann. Man muß aber wissen, daß der (einfache) Gläubige, auch wenn er in einem oder auch in mehreren von den besprochenen Punkten richtig handelt, es doch sicherlich nicht in allen zugleich und noch weniger mit höchstem Verständnis tut wie der Gnostiker.

2. Und was vollends die Leidenschaftslosigkeit, um diesen Ausdruck zu verwenden, unseres Gnostikers betrifft, vermöge deren die Vervollkommnung des Gläubigen durch Liebe fortschreitet und "zur vollkommenen Mannesreife, zum Vollmaß des Alters"1 gelangt, indem sie Gott ähnlich wird,2 nachdem sie wahrhaftig "engelgleich"3 geworden ist, - was also die Leidenschaftslosigkeit betrifft, so läge es mir nahe, noch viele andere Zeugnisse aus der Schrift beizubringen, ich halte es aber für besser, wegen der Länge meiner Abhandlung auf ein solches ehrgeiziges Bemühen zu verzichten und denen, die sich anstrengen wollen, es zu überlassen, daß sie durch Auszüge aus der Heiligen Schrift auch die Lehren mühsam ausarbeiten.

3. Nur eine Stelle will ich ganz kurz behandeln, um den Abschnitt nicht ganz ohne eine erklärende Bemerkung zu lassen. Der göttliche Apostel sagt nämlich in seinem ersten Brief an die Korinther: "Wagt es wirklich einer von euch, wenn er einen Rechtshandel mit dem anderen hat, vor den Ungerechten sein Recht zu suchen statt vor den Heiligen? Oder wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?"4 und was folgt.

4. Da aber die Schriftstelle sehr umfangreich ist, wollen wir von den Worten des Apostels die passendsten verwenden und in möglichster Kürze im Vorübergehen die Stelle gewissermaßen in unsere Sprache übertragen und so den Sinn des Wortes des Apostels darlegen, mit dem er die Vollkommenheit des Gnostikers beschreibt.

5. Er sieht nämlich die Eigenart des Gnostikers nicht nur darin, daß er lieber Unrecht leidet als Unrecht tut,5 sondern lehrt ihn auch, Böses nicht nachzutragen, wobei er nicht einmal gestattet, im Gebet etwas Ungünstiges für den Beleidiger zu erbitten; denn [S. 89] er weiß, daß auch der Herr ausdrücklich befohlen hat, "für die Feinde zu beten".6

6. Der Ausdruck "sein Recht vor den Ungerechten suchen"7 bedeutet nun nichts anderes, als daß der Beleidigte offenbar wiedervergelten will und vorhat, durch Vergeltung ein zweites Unrecht zu tun, was bedeutet, daß er auch selbst in der gleichen Weise Unrecht tut.

7. Wenn es dagegen heißt, daß manche "vor den Heiligen ihr Recht suchen"8 wollen, so wird damit auf die hingewiesen, die in ihrem Gebet erflehen, daß denen, die ihnen Unrecht getan haben, ihre Anmaßung vergolten werden möge, und es bedeutet, daß die letzteren zwar besser als die ersteren, aber noch nicht leidenschaftslos sind, wenn sie nicht jede Kränkung völlig vergessen und entsprechend der Lehre des Herrn auch für die Feinde beten.

1: Vgl. Eph 4,13.
2: Vgl. Platon, Theaitetos p. 176 B.
3: Vgl. Lk 20,36.
4: 1Kor 6,1 f.
5: Vgl. ebd. 6,7 f.
6: Mt 5,44; Lk 6,28.
7: Vgl. 1Kor 6,1.
8: Vgl. ebd.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger