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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
XI. Kapitel

67.

1. Sie ertragen also weder, wie die übrigen es tun, aus Furcht vor den größeren Übeln die kleineren,1 noch verharren sie bei dem Bekenntnis ihrer Berufung aus Scheu vor dem Tadel ihrer Standes- und Gesinnungsgenossen, sondern aus Liebe zu Gott gehorchen sie willig [S. 71] dem Rufe, nicht wegen der Belohnungen für die Mühen; sie haben vielmehr kein anderes Ziel, als daß sie durch ihr Tun Gottes Wohlgefallen gewinnen.

2. Denn diejenigen, die aus Ruhmbegierde oder aus Furcht vor einer anderen noch härteren Strafe oder in der Hoffnung auf irgendwelche Freuden und Genüsse, die ihrer nach dem Tode warten, ausharren, sind noch Kinder im Glauben; sie sind zwar selig, aber sie sind noch nicht wie der Gnostiker zu Männern in der Liebe zu Gott geworden (denn es gibt, es gibt in der Tat wie in den Gymnastikwettkämpfen, so auch in der Kirche verschiedene Siegespreise für Männer und für Knaben); die Liebe ist aber ihrer selbst wegen erstrebenswert, nicht wegen irgend etwas anderem.

3. Für den Gnostiker erwächst also gewissermaßen die vollkommene Tapferkeit zugleich mit der Erkenntnis aus der Selbstbeherrschung im Leben, wenn er sich nämlich stets darum bemüht, über seine Leidenschaften Herr zu werden.

4. Die Liebe macht also durch Schulen und Üben den von ihr erzogenen Kämpfer furchtlos und unverzagt und erfüllt ihn mit Vertrauen auf den Herrn, ebenso wie die Gerechtigkeit ihn dazu befähigt, sein ganzes Leben hindurch die Wahrheit zu sagen.

5. Denn eine kurze Zusammenfassung der Forderung der Gerechtigkeit war das Wort: "Euer Ja soll Ja, und euer Nein soll Nein sein!"2 Das gleiche gilt auch von der Mäßigkeit.

6. Denn weder wer aus Ehrgeiz (wie die Wettkämpfer der Siegeskränze und des Ruhmes wegen) noch wer aus Geiz (wie einige, bei denen die Mäßigkeit eine Heuchelei ist, weil sie infolge einer schlimmen Leidenschaft das Gute anstreben) aber auch nicht wer aus Sorge für das Wohlbefinden des eigenen Körpers der Gesundheit wegen und ebensowenig wer aus bäuerlicher Unwissenheit enthaltsam ist und die Genüsse nicht kennt,3 ist in Wahrheit mäßig (denn die Leute, die ihr Leben bisher in harter Arbeit hinbrachten, werfen, sobald sie einmal die Genüsse gekostet haben, ihre starre Enthaltsamkeit von sich, um sich den Lüsten hinzugeben)

7. Ebenso steht es bei denen, die durch Gesetz und Furcht vom Genießen abgehalten werden; denn sobald sie eine Gelegenheit dazu finden, übertreten sie heimlich das Gesetz und lassen die schönen Grundsätze im Stich.

8. Die Mäßigkeit aber, die um ihrer selbst willen zu wählen ist, die [S. 72] entsprechend der Erkenntnis zur Vollendung kommt und immer bestehen bleibt, macht den Mann zum unumschränkten Herrn, so daß der Gnostiker mäßig und leidenschaftslos, von Lust und Leid unberührt ist, wie es der Erzählung nach der Diamant gegenüber dem Feuer ist.4

1: Vgl. Platon, Phaidon p. 68 D.
2: Jak 5,12; Mt 5,37.
3: Vgl. Aristoteles, Eth. Nic. II 2,2 p. 1104 a 24.
4: Vgl. Strom. VIII 29,1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger