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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Siebtes Buch
XI. Kapitel

66.

1. Wenn nun die Feigheit darin besteht, daß man das zu Fürchtende und das nicht zu Fürchtende nicht unterscheiden kann,1 so ist der Gnostiker vielleicht allein wirklich mutig, weil er weiß, was in der Gegenwart und was in der Zukunft gut ist, und damit zugleich, wie ich schon sagte,2 auch weiß, was in Wahrheit nicht zu fürchten ist. Denn weil er weiß, daß allein die Schlechtigkeit feindlich und verderblich für die ist, die zur Erkenntnis fortschreiten wollen, bekämpft er sie, gewappnet mit den Waffen des Herrn.

2. Denn wenn etwas infolge von Unverstand oder infolge der Wirkung oder vielmehr der Mitwirkung des [S. 70] Teufels entsteht, so ist es deswegen noch nicht sofort selbst der Teufel oder der Unverstand; denn es kann auch keine Tätigkeit Klugheit genannt werden; denn die Klugheit ist ein Zustand,3 aber keine Tätigkeit ist ein Zustand; es ist also auch die infolge von Unverstand entstandene Tat noch kein Unverstand, sondern eine infolge von Unverstand geschehene böse Tat, jedoch kein Unverstand; denn auch die Leidenschaften und die Verfehlungen sind keine Bosheiten, obwohl sie ihren Ursprung in der Bosheit haben.

3. Also ist keiner, der in unvernünftiger Weise tapfer ist, ein Gnostiker. Denn sonst müßte man auch die Kinder tapfer nennen, wenn sie sich aus Unkenntnis der Gefahren an Gefährliches heranwagen (sie greifen ja auch ins Feuer) und man müßte die Tiere, die sich auf die Speere losstürzen und in unvernünftiger Weise tapfer sind, tugendhaft nennen.4 Vielleicht wird man in dem gleichen Sinn auch die Gaukler tapfer nennen, wenn sie über Schwerter Purzelbäume schlagen und auf Grund einer gewissen durch Übung gewonnenen Fertigkeit um einen kümmerlichen Lohn ihre wertlosen Künste zeigen.5

4, Der wahrhaft Tapfere aber geht, auch wenn er die ihm wegen der Wut der Masse drohende Gefahr vor Augen sieht, getrosten Mutes allem, was kommen mag, entgegen. Dabei ist er von den anderen sogenannten Märtyrern dadurch verschieden, daß diese selbst einen Anlaß für sich suchen, um sich auf irgendeine Weise (denn man muß sich billigerweise vorsichtig ausdrücken) in die Gefahren zu stürzen,6 jene dagegen, wie es die richtige Vernunft gebietet, den Gefahren ausweichen, aber dann, wenn Gott sie wirklich zu sich ruft, sich freudig hingeben und ihre Berufung dadurch gewiß machen,7 daß sie sich dessen bewußt sind, sich keine voreilige Handlung vorwerfen zu müssen; ihren tapferen Sinn aber lassen sie in der wahrhaft vernünftigen Tapferkeit sich bewähren.

1: Vgl. Platon, Protagoras p. 360 C.
2: Vgl. oben 65,2.
3: Vgl. Aristoteles, Eth. Nic. VI 5 p. 1140 b 20.
4: Vgl. Platon, Laches p. 197 A.
5: Vgl. ebd., Euthydemos p. 294 DE; Xenophon, Memor. I 3,9.
6: Vgl. Strom. IV 17,1; 77,1.
7: Vgl. 2Petr 1,10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger