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Zeno von Verona (um 370) - Traktate (Predigten und Ansprachen)
Buch 1
Traktat I. Der Glaube.

4.

Ich frage nun: Besteht der Glaube aus dem gelehrten Wissen oder aus der Bereitwilligkeit zum Glauben oder aus beidem? Besteht er aus dem gelehrten Wissen: dann haben diejenigen keinen Glauben, die nicht lesen können, aber auch diejenigen nicht, die es können; denn auch sie vermögen keineswegs durch Begründungen ihre Kenntnis und Beobachtung des Gesetzes zur Vollendung zu bringen. Besteht aber der Glaube in der Bereitwilligkeit zum Glauben: dann bedarf er keiner Erklärung; sobald einmal dieser Glaube vorhanden ist, so ist damit schon durch die Tatsache, daß geglaubt wurde, der Glaube fertig, und er kann nicht mehr kleiner und nicht mehr größer werden. Besteht er aus beidem, so ist der Glaube der Patriarchen nur ein halber, und man muß ihnen noch Bücher mit unserer Begründung zusenden, damit sie zur Vollkommenheit gelangen können. O wie armselig ist ein Glaube, den Worte zusammenstellen! O wie gebrechlich, wenn seine Glieder täglich durch verschiedene Beweis- [S. 62] führung auseinandergerissen werden! O wie schutzlos, wenn er alle Augenblicke des Schutzes von Königen, Richtern, Reichen und, was noch schlimmer ist, zuweilen auch von Heiden bedarf! Wie schmählich und schlüpfrig, wenn über ihn das Urteil von Außenstehenden sich lustig macht! Wie ehebrecherisch gezeugt, wenn er nicht weiß, wen er zum Vater hat! Wie lächerlich, wenn er beim Streit von zwei Christen von dem einen, wenn die Überredung nicht gelingt, Unglaube, wenn sie gelingt, Glaube genannt wird! Wie unwahrhaftig, wenn er in Parteibildungen sich auswirkt! Wie ist er öffentlicher Verachtung preisgegeben, wenn seine Geheimnisse Gegenstand des Geredes bei Nichteingeweihten sind! Wie anmaßend, wenn er mehr seiner neumodischen Überlieferung Glauben geschenkt wissen will als dem Altertum, als Gott dem Herrn selbst, der da spricht: „Ihr verwerfet das Gebot Gottes und setzet eure Überlieferung an seine Stelle!“1

Ich sage das nicht, als ob ich der Wohltat, die in der gelehrten Darlegung liegt, den Dank versagt wissen möchte: ich sage es, damit jeder wisse, daß der Glaube etwas anderes ist als die Abhandlung darüber, daß der Glaube durch die Abhandlung nicht gegeben, nicht erkannt, nicht vernichtet werden kann. Er kann nicht gegeben werden: denn wenn er mit Worten gegeben wird, kann er auch mit Worten wieder genommen werden. Ebensowenig kann er erkannt werden: denn es kann vorkommen, daß jemand etwas anderes auf den Lippen trägt als im Innern seines Herzens. Und so kann er auch nicht einmal vernichtet werden: denn wenn es ein wahrer Glaube ist, kann er nichts anderes sein, als er eben ist. Und wenn es also nicht in des Menschen Macht steht, die Geheimnisse des Glaubens zu schauen, so nützt, mein Bruder, zu nichts dein Grübeln, zu nichts dein Streiten. Denn gerade der, den du von deinen eigenen Anhängern als den gläubigsten betrachtest, ist ein Ungläubiger; und derjenige, den du für einen Ungläubigen hältst, ist gläu- [S. 63] big. Ja, vielleicht kann einer sich selbst für sehr gläubig halten, weil er gewandt zu reden weiß, während in Wirklichkeit der wahrhaft gläubig ist, der bei der heiligen Predigt seine Geistesschärfe nicht überspannt; es ist ja so weit gekommen, daß man unsern Glauben selbst mit einer Beleidigung Gottes herzustellen sucht. Daß es so kommen werde, hat schon Salomon vorausgesagt und uns auch zur Vorsicht gemahnt mit den Worten: „Besser ist ein Mensch, dem es an Weisheit mangelt, der aber Gott fürchtet, als derjenige, der überreich ist an Klugheit, aber das Gesetz übertritt."2 Und wiederum „Du sollst nicht so sehr weise sein wollen und nicht mehr sinnen, als notwendig ist."3 Und ähnlich sagt Paulus: „Sei nicht hoff- artig, sondern fürchte dich!"4

1: Mark. 7,9.
2: Sir. 19,21.
3: Pred. 7,17
4: Röm. 11,20

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger