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Zeno von Verona (um 370) - Traktate (Predigten und Ansprachen)
Buch 1
Traktat I. Der Glaube.

3.

Daraus ergibt sich: Wir müssen wissen, ob wir eine Abhandlung über den Glauben oder den Glauben einer Abhandlung gelten lassen wollen. Sprechen wir von einer Abhandlung über den Glauben, so gehen wir sehr in die Irre; das Wesen des Glaubens erträgt es nicht, sich der Kunst der Geschwätzigkeit (Rhetorik) zu fügen, die nur darauf ausgeht, den Glauben durch ihre eigenen Bemühungen zur Anerkennung zu bringen; was von anderer Seite einer notwendigen Ergänzung bedarf, kann nicht auf Vollkommenheit Anspruch erheben (wie es doch der Glaube tun muß). Fangen wir aber an, von dem Glauben einer Abhandlung zu sprechen, so liegt damit weder ein Glaube von uns, noch von ihr selbst, noch von dem Verfasser vor, dem sie zugeschrieben wird. Denn während die Abhandlung den Glauben aufbaut, zerstört sie ihn gerade durch die Beweisführung, mit der sie ihn aufbaut. Sie gibt auch keinem etwas, was er nicht schon hat; ja sie wird mit ihrer Untersuchung eher dahin führen, daß er es nicht hat. Zudem sehe ich, daß es viele Abhandlungen gibt — die Namen ihrer Verfasser beweisen es (wenn man sie beiseite ließe, gäbe es vielleicht gar keinen Streit) — und demnach auch viele Glauben (Glaubensformulierungen), und zwar ganz neue, die ihr Entstehen der Streitsucht und Streitlust verdanken. Und da man darunter kaum einen wahren finden kann, glaube ich, daß man sie zum Verkauf ausgestellt hat, damit sie nicht Mangel an Anhängern haben. Aber was man von all dem wählen soll, kann man nicht wissen oder begreifen: Was immer einen unsicheren Stand hat, kann nie zum festen Besitz werden. Die Wahl des einen bedeutet Ablehnung des andern; nimmt man alle zugleich an, so daß man bald mehr Glauben (Glaubensformulierungen) als Worte hat, so wird man im Gegenteil gar nichts haben; denn die Abhandlung, die solche Glaubensformulierungen hervor- [S. 61] gerufen hat oder sie sogar täglich hervorruft, kann auch in Zukunft solche hervorrufen. Und andererseits zerstört sie dieselben wieder, wenn sie im Kampf mit Gegnern sie mit der ganzen Kraft ihrer Begabung und Beweise widerruft und widerlegt. Wenn es, was doch eine Notwendigkeit ist, nur einen Glauben gibt, jenen edlen, alten Glauben, der, wie ich erinnere, nicht durch eine Abhandlung, sondern schon in seinem Entstehen älter ist als das Gesetz; jenen Glauben, der den Besitz Gottes schon vorher durch den Glauben an Gott verdiente, der nicht erst zu glauben lernte, sondern ihn schon vorher in die Tat umgesetzt hat: 1 so sage mir doch diese unglückselige Erfindung von Abhandlungen, wozu denn ihr Kampf nützt. Sie sagt ja wohl: damit der Glaube nicht untergeht, wenn (infolge Mangels an Belehrung) schlecht geglaubt oder gelehrt wird. Aber wie verhängnisvoll solche Begründung ist, werden wir gleich sehen.

1: Die Äusserung spielt auf den erwähnten Glauben Abrahams an, der das Gesetz noch nicht kannte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger