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Zeno von Verona (um 370) - Traktate (Predigten und Ansprachen)
Buch 1
Traktat I. Der Glaube.

2.

Nun kann freilich jemand sagen: Wenn dem so ist, so hat ja das Gesetz für niemanden einen Wert. Doch so ist's nicht gemeint. Das Gesetz hat einen Wert, ja einen sehr großen Wert.1 Durch das Gesetz wird den Völkern der Wille Gottes kund gemacht; durch das Gesetz erhält die Lehre von himmlischer Lebensführung ihre Zusammenfassung und ihren Halt; durch das Gesetz wird jede Gattung von Sünde in ihrer Schlechtigkeit herausgestellt,2 damit nicht einer aus Unerfahrenheit zugrunde gehe. Das Gesetz hört nicht auf zu mahnen, so daß niemand sein Vergehen mit Unkenntnis zu entschuldigen vermag; bald mit Strenge, bald mit Milde weist es auf den Lohn hin, weist es auf das Schwert hin, in der Absicht, jedem das zu geben, was er sich selbst wählt, so daß es das, was es tut, auf Grund Rechtens vollzieht. [S. 59] Es fordert von denen, die zu ihm kommen, die Erklärung der Bereitwilligkeit zum Glauben, weil es ihren Glauben selbst nicht zu sehen vermag; und wenn es aus der sittlichen Lebensführung deren Fehlen feststellt, so straft es ihn, den es belehrt hat, sofort als einen Glaubenslosen; es erklärt überhaupt, nur aus dem Grund gegeben worden zu sein, um dem Glauben sein Recht gegen die Ungläubigen zu schaffen. Und schließlich: Nimm die Sünde weg, so hört die Herrschaft des Gesetzes auf! Denn so steht geschrieben: „Das Gesetz ist nicht für den Gerechten gegeben, sondern für den Sünder."3 Da „der Gerechte aus dem Glauben lebt“,4 so lebt der Ungläubige ungerecht. So irrt derjenige, der eine Darlegung des Gesetzes (Glaubensinhaltes) schon als Glaube betrachtet; er vermischt zwei ganz verschiedene Dinge. Eine Darlegung entwickelt einerseits das Gesetz nach seinem Inhalt, aber andererseits entwurzelt sie den Glauben; denn Glaube ist nicht mehr vorhanden, wenn man nach ihm sucht. Und dann: Das Gesetz ist für alle gemeinsam, der Glaube ist Privatsache des einzelnen. Das Gesetz ist immer aus dem Buche der Genesis zu entnehmen; der Glaube hat seine feste Wurzel allein im freien eigenen Entschluß. Das Gesetz wandert von dem einen zum andern; der Glaube geht unter, wenn er einmal auch nur in einer Richtung von seinem Standpunkt abweicht. Das Gesetz kann sich nur an das Gewissen des Menschen wenden, aber nicht in dasselbe hineinsehen; der Glaube reinigt das Gewissen bis ins Mark, damit es auch nicht im Innersten noch eines Vergehens sich schuldig fühle; denn ein Mensch, der sein Gewissen nicht fürchtet, fürchtet auch Gott nicht. Und weiter: Das Gesetz wird nur in Bruchstücken gelernt und gelehrt; es wird nicht in seinem ganzen Inhalt erfaßt und nicht in seinem ganzen Inhalt im Gedächtnis behalten; es werden für dasselbe von jedermann die Beweisgründe geltend gemacht, wie sie) seiner Geistesanlage entsprechen; es wird von allen er- [S. 60] strebt und von keinem erfüllt. Es bringt nur den Willen Gottes zur Kenntnis, aber nicht seinen Ursprung oder sein Wesen.

1: Vgl. Trakt. I 2,5.
2: Vgl. Röm. 3,20; 7,7.
3: 1 Tim. 1,9.
4: Gal. 3,11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger